//

Ein Hingucker

Film | TV: TATORT – Borowski und der Engel (NDR), 29.12.

Dieser TATORT kommt mit ätherischer Leichtigkeit daher. Borowski (Axel Milberg) widmet sich vor Studenten allerlei philosophischen & endgültigen Betrachtungen über Mord, das Gute, das Böse, und in der folgenden Szene schon, wer hätte damit gerechnet, ist Herr Kellermann verstorben. Altenpflege ist nicht in jedem Falle erquickend und überhaupt erweisen sich die Zusammenhänge als wenig zusammenhängend. Von WOLF SENFF

Tatort: Borowski und der Engel; Foto: NDR/Christine Schröder
Tatort: Borowski und der Engel; Foto: NDR/Christine Schröder
Dann ereignet sich ein Unfall. Die Immobilienmaklerin Doris Ackermann (Leslie Malton) rast in einen Blumenladen. Zwar hat der Fernsehzuschauer die schwarze Katze gesehen, er weiß woher sie kam und kennt ihren Namen, doch die Zeugin des Unfalls bestreitet beharrlich die Existenz dieses Tierchens. Ein wenig skurril ist das schon, zumal das possierliche Geschöpf diesen Unfall ausgelöst hat, in dessen Folge ein talentierter junger Pianist das Zeitliche segnet und die Maklerin, Fahrerin des Range Rover, traumatisiert und verletzt ist.

Die Leiche wird entsorgt und taucht nicht wieder auf

Motive und Gedankenspiele gibt’s zuhauf. »Hat Pappa wieder an deinem Auto rumgeschraubt und versucht, dich umzubringen?«, erkundigt sich kühl das Töchterlein. Man merkt, der Alltag ist widerspenstig, anarchisch, seine Ordnung heißt Chaos. »Verstehen Sie, ich bin am Ende. Mein Ruf ist ruiniert, meine Tochter zieht weg, diese Zeugin verleumdet mich in allen Medien, und jetzt kommen Sie!«

Das Geschehen ist außergewöhnlich dicht gestrickt in Borowski und der Engel, es herrscht eine Menge Schauspiel im Schauspiel, eine Leiche wird in die Förde entsorgt und bleibt für immer und ewig verschollen. Heftig, heftig – und manche Ereignisfolge tendiert gar amüsant ins Melodramatische. Da überrascht es, dass das Geschehen auf realem Vorbild beruht (Buch: Sascha Arango).

Ein Gedanke ans Abschalten kommt nicht auf, manch einen TATORT ertrüge man gern auch hundertzwanzig Minuten. Sogar Borowski wirkt neu designt: »Sie sind nicht der Umzugsfritze?« »Nein, ich bin der Kriminalfritze.« Man erinnert sich an Zeiten, da trug er feines Tuch spazieren, nun tritt er sichtlich entspannt auf.

Das Geschehen ist ungewöhnlich weit gefächert, der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, zum Schluss kommen gar Rollstuhlfahrer ins Spiel. Krasser Realitätsverlust trägt dazu bei, dass eine gewaltige Phantasiekonstruktion wächst, man findet sich unweigerlich hineingezogen und weiß kaum noch, wo einem der Kopf steht (Regie: Andreas Kleinert).

Kommissar Borowski, der nie hatte lügen wollen, bekennt, gelogen zu haben, und wie am Ende üblich, ist dennoch die Ordnung wiederhergestellt, wenngleich unter trügerischen Vorzeichen. Aber wen interessiert’s. Ein Hingucker, dieser TATORT.

| WOLF SENFF

Titelangaben
TATORT: Borowski und der Engel (NDR)
Regie: Andreas Kleinert
Ermittler: Axel Milberg, Sibel Kekilli
So., 29.12., ARD, 20:15 Uhr

Reinschauen
Alle Sendetermine und Online-Abruf auf DasErste.de
Gregor Keuschnig zu Rüdiger Dingemann: »Tatort«-Lexikon
Rüdiger Dingemann: »Tatort«-Lexikon (eBook)

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Gutes Netz, böses Netz

Nächster Artikel

Champagner aus Stöckelschuhen

Weitere Artikel der Kategorie »Film«

Familie, oh Familie, oh!

Film | Im TV: Tatort 901 – Brüder (RB), 23. Februar Die Polizisten David Förster (Christoph Letkowsky) und Anne Peters werden in diesem TATORT zu einem Notruf geschickt; ein Mann fühlt sich bedroht. Der Einsatz eskaliert. Als die Bremer Hauptkommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) eintreffen, sind David Förster und der Mann entschwunden; Anne Peters, lebensgefährlich verletzt, wird in die Intensivstation eingeliefert. Von WOLF SENFF

Tierisches Abenteuer mit viel Herz

Film │Im Kino: Zoomania Eine Geschichte über das Verwirklichen eines Traums, eine starke Freundschaft und die Chancen für Außenseiter in einer Gesellschaft – diese Themen greift Walt Disney in seinem neuen Animationsfilm ›Zoomania‹ auf. TOBIAS KISLING über einen warmherzigen Film, der mit viel Witz und Charme für alle Generationen ein Hingucker ist.

Eine unkoventionelle Hollywood-Diva

Menschen | 85. Geburtstag von Jane Fonda

»Ich bin bereit zu gehen. Wenn du mein Alter erreichst, ist dir sehr bewusst, wie viel deines Lebens du hinter dir und wie viel du noch vor dir hast. Ich sehe es halt realistisch«, hatte kürzlich Schauspielerin Jane Fonda in einem Interview erklärt. Von PETER MOHR

Herzallerliebste Privatheit

Film | Im Kino: Eltern (Kinostart am 14.11.13) Den Unterschied zwischen grünem Tisch und Bodenhaftung, den zeigt Eltern. Wenn ein Elternteil sich beruflich verändert, ist im realen Leben Alarm angesagt. Da kann man vorher am grünen Tisch noch so übereinstimmende Absprachen treffen – der Teufel lauert im Detail. Dem argentinischen Au-pair-Mädchen rutscht denn auch unwillkürlich heraus, dass endlich diese so reibungslos organisierte deutsche Familie ihrer eigenen Familie in Südamerika ähnlich wird. So kann’s gehen. Von WOLF SENFF

Brecht und der Film

FilmFritz Lang/Bertolt Brecht: Auch Henker sterben Der Titel dieses Films ist auch vielen bekannt, die ihn nie gesehen haben: Hangmen Also Die – auf Deutsch: Auch Henker sterben. Das kommt: Autor der Story ist kein Geringerer als Bertolt Brecht. Offiziell steht der Name des amerikanischen Mitarbeiters John Wexley für das Drehbuch im Vorspann. Auch Brechts Koautor, zugleich der Regisseur, trägt einen berühmten Namen: Fritz Lang. Aber es lässt sich nicht leugnen: dieser 1943 in den USA gedrehte Film bleibt zurück hinter dem übrigen Werk Brechts und auch hinter sowohl den deutschen Vorkriegsfilmen wie den amerikanischen Filmen Fritz Langs. Von THOMAS