Von Schmerz zu Schmerz

Roman | Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki – der neue Roman von Haruki Murakami, der pünktlich zum 65. Geburtstag des Schriftstellers am 12. Januar erschienen ist. Von PETER MOHR

Murakami pilgerreise

In den letzten Jahren wurde der japanische Schriftsteller Haruki Murakami regelmäßig als heißer Kandidat auf den Literatur-Nobelpreis gehandelt. Im deutschen Sprachraum erfreut er sich schon seit dem Sommer 2000 großer Popularität. Damals war es im »Literarischen Quartett« des ZDF über Murakamis Roman Gefährliche Geliebte zum öffentlichen Zerwürfnis zwischen dem im September verstorbenen Marcel Reich-Ranicki und Sigrid Löffler gekommen.

Reich-Ranicki hatte einen »hocherotischen Roman« gelesen, und seine Wiener Kollegin sprach von »trivialer Pornographie«. Fortan waren die in deutscher Übersetzung erschienenen (und neuaufgelegten) Werke von Murakami echte Verkaufsschlager: Wilde Schafsjagd (1991), Hard-Boiled Wonderland (1995), Tanz mit dem Schafsmann (2002), 1Q84 (2010).

Murakami, der am 12. Januar 1949 als Sohn eines buddhistischen Priesters in Kyoto geboren wurde, studierte Theaterwissenschaft, arbeitete in einem Plattenladen und als Geschäftsführer einer Jazzbar, ehe er den Weg zur Literatur fand – nach eigenem Bekunden stark beeinflusst von seinen Vorbildern Kafka und Dostojewski. Auch als Übersetzer (u.a. Scott Fitzgerald, John Irving, Raymond Chandler) hat sich der begeisterte Marathonläufer »ich will noch bis 85 laufen«) in Japan einen Namen gemacht.

Inzwischen ist Haruki Murakami in Japan zu einer Art Marke geworden. Sein neuer (in dieser Woche in deutscher Übersetzung erschienener) Roman Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki brachte es im letzten April binnen einer Woche auf mehr als eine Million verkaufte Exemplare. Darüber hinaus war Lazar Bermans Einspielung der im Roman erwähnten »Années de pèlerinage« von Franz Liszt im Handumdrehen vergriffen.

Im Mittelpunkt des neuen Romans steht Tsukuru Tazaki, ein grüblerischer Mann von Ende dreißig, der sich selbst für einen Langweiler hält und der beruflich damit beschäftigt ist, den Alltag in Bahnhöfen zu strukturieren und zu optimieren (u.a Passagierströme zu untersuchen und zu lenken). Im Rückblick erfahren wir, dass der Protagonist in jungen Jahren Teil eines verschworenen Quintetts war, das ihn mit Anfang zwanzig plötzlich verstoßen hat. Darüber ist Tazaki nur schwer hinweggekommen, er wurde noch introvertierter, versuchte mehr und mehr seine Emotionen zu unterdrücken: »Viel tiefer war die Verbindung von Wunde zu Wunde. Von Schmerz zu Schmerz. Von Schwäche zu Schwäche.«

Die Hauptfigur ist nicht etwa Single aus Überzeugung, sondern, weil sich nach mehreren gescheiterten Anläufen keine adäquate Partnerin gefunden hat. Materielle Sorgen gibt es in diesem Roman nicht, als Leser gewinnt man den Eindruck, sich lesend in einem Ensemble weltabgewandter Lebenskünstler zu bewegen.

In Murakamis neuem Roman sind die von ihm geschaffenen, sonst dauerpräsenten  Traumfrauen, die nicht nur hübsch und erotisch, sondern auch höchst intelligent sind, eine absolute Rarität. Tazaki bleiben nur seine geradezu obsessiven sexuellen Fantasien. »Ich sehe Bilder und verknüpfe sie. Das ist die Handlung. Dann versuche ich, die Handlung dem Leser zu erklären«, hat Murakami jüngst in einem Interview sein schriftstellerisches Credo zu erklären versucht.

Die Pilgerjahre beinhalten auch viele Reisen (u.a. bis nach Finnland, wo die Romanhandlung endet) mit selbstfinderischem, autotherapeutischen Charakter. So liest sich die Begegnung mit Tazaki wie ein fragmentarischer Entwicklungsroman über das Leben eines Mannes in den vermeintlich besten Jahren, der beruflich einigermaßen erfolgreich ist, sich aber irgendwie immer noch in einer Art postpubertären Such-Phase befindet. Am Ende hat er sich zumindest von einigen »Altlasten« der Vergangenheit befreit.

Haruki Murakamis neuer Roman ist weder Weltliteratur noch eine Empfehlung für den Nobelpreis, aber es ist ein herrlich unangestrengt erzähltes Buch, das an die literarischen Anfänge des japanischen Autors (Naokos Lächeln, im Original 1987) erinnert und weit weniger allegorisch und artifiziell daher kommt wie viele seiner späteren Werke. Geblieben ist über all die Jahre der Typus des Protagonisten – ein zur Melancholie neigender, beruflich gut situierter, privat eher unzufriedener, mit sexuellen Obsessionen kämpfender introvertierter Mann mittleren Alters.

| PETER MOHR

Titelangaben
Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
Köln: Dumont Verlag 2014
318 Seiten. 22,99 Euro

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Leseprobe
Haruki Murakami in TITEL kulturmagazin

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