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»Suchen Sie was, oder erinnern Sie sich gerade?«

Film | Im TV: ›TATORT‹ – 905 Der Fall Reinhardt (WDR), 23. März und Die Fahnderin (WDR/NDR), 26. März

Ungewöhnlich. Aber so kann man fragen, ja, und in diesem Fall passt es sogar. Es geht um eine retrograde Amnesie, die sich nach und nach aufhellt, die Erinnerung kehrt zurück und eine zutiefst verzweifelte Situation stellt sich ein, drei Schritt schon überm Abgrund, wie weit kann man ins Verderben laufen, aber schlussendlich gibt’s Pillen und wirst sediert. Das wär’s fast schon. Von WOLF SENFF

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Tatort – Der Fall-Reinhardt-FOTO: WDR/UweStratmann
Verzweiflung hin, Verzweiflung her, ›Der Fall Reinhardt‹ ist ein bewegender Film über menschliche Fehltritte und über tiefe Gefühle. Irrungen, Wirrungen. »Ich bin doch schon weg. Was soll ich noch hier?« Du hast das Gefühl, alles, alles wär‘ falsch gelaufen – gar nichts lässt sich noch korrigieren, du stehst vor Trümmern und eine unerträgliche Last drückt dir auf die Seele, kein Entkommen gibt’s, nirgends einen Ausweg.

Nach Dubai, au ja, nach Dubai

Ein Krimi? Ein Thriller gar? Kein Gedanke. Als Krimi angekündigt, gut, als ›TATORT‹. Aber ›TATORT‹, wissen wir längst, nimmt sich Freiheiten heraus, und das darf er, das darf er allerliebst. (Buch: Dagmar Gabler). Allein die Eröffnung – das Grauen schleicht kalt über unseren Nacken, indes die Kamera sich zögernd, wackelig und beinahe geräuschlos den Weg ins Haus bahnt, in den ersten Stock, in das Zimmer der Kinder.

Brandstiftung. Drei Kinder sind erstickt. Die Mutter (Susanne Wolf) steht aufgelöst draußen am Strand, ihr Gedächtnis setzt aus. Der Ehemann Gerald Reinhardt (Ben Becker) ist unauffindbar. Nun werden, mühsame Polizeiarbeit, Mosaiksteine sortiert. Reinhardt ist seit zwei Jahren ohne Arbeit, hielt Verabredungen und vom Arbeitsamt gesetzte Termine nicht ein, er habe sich, heißt es, in Dubai aufgehalten, er beleidigte gar, was unverzeihlich ist, die amtliche Coachesse.

Flugzeug, Lawine, sozialer Abstieg

Er trank, er hauste in Bauwagenkolonien, wir haben dafür das kühle Wort: sozialer Abstieg. Oder leicht übermütig und dennoch nüchtern formuliert von Klaus Schenk (Dietmar Bär), unserem allezeit pflichtbewussten Hüter staatlicher Ordnung: »Der kann mit Scheitern nicht umgehen. Der ist wie ein Flugzeug gebaut – ein Fehler, Absturz, alle tot.« Man weiß es nicht. Die zwei zentralen Figuren sind hochgradig besetzt und werden vielschichtig und nuancenreich gespielt (Regie: Thorsten C. Fischer) – unsere besten Schauspieler, wie angenehm, fühlen sich beim ›TATORT‹ zu Hause.

Beim Zuschauer entsteht der Eindruck, es kommt eine Lawine ins Rollen bzw. dass sie längst ihr tödliches Werk verrichtete und der entstandene Schaden erst durch die Ermittlungen öffentlich wird. Sie bahnte sich an mit Realitätsverleugnung und mit dem Zwang, das vornehme Familienidyll zu wahren, löste letztlich den traurigen Tod der Kinder aus und, nein, ist noch immer nicht endgültig zur Ruhe gekommen. Verzweiflung hat stets eine lange Geschichte, Verzweiflung ist »nur« ein Ergebnis, und für gewöhnlich diagnostizieren wir das, wie gesagt, neutral und nüchtern und am liebsten aus der Ferne als sozialen Abstieg.

Blutwurst-Fundamentalismus

Ein eindrucksvoller Film: menschliche Tiefe anstatt oberflächlicher Spannung und hemdsärmeligem Rasenmäher-Aktionismus. Und mal ehrlich, wer möchte vom ›TATORT‹ einen schnöden Thriller erwarten, so Pistolengeballer und Leichen en masse. Nein, ›Der Fall Reinhardt‹ ist nicht von dieser Art.

Wen’s zieht, der geh‘ doch zu RTL und zu ›NCIS‹ und all den anderen Räuberpistolen aus Angloamerika. Fällt Ihnen auf, dass naive Schwarz-Weiß-Malerei, dass Rache-ist-Blutwurst-Fundamentalismus in den angloamerikanischen Serien und bei den privaten Anstalten zuhause sind? Billig gestrickt ist halt billig zu haben und bleibt dennoch überbezahlt, und selbst wenn’s umsonst wär‘ – man lässt die Finger von so was.

Oh das soziale Sponsoring

Gut, gut, keine Aggression, keine Aufregung, alles wird gut. Wir deeskalieren und machen auf einen anderen Kriminalfilm aufmerksam, der mit festlandeuropäischen Standards kompatibel ist, die Sender experimentieren in allerlei Richtungen, und in Zeiten eines grandiosen Steuerbetrugsverfahrens macht es viel Sinn, das Thema Wirtschaftskriminalität zu bedienen, der ›TATORT‹ liefert das leider seit langer Zeit nicht mehr, er macht statt bissel politisch lieber in Sex und gerne auch in Sex mit Kindern – sex sells, und niemand weiß wirklich, weshalb ›TATORT‹ sich darauf einlässt.

Nordrhein-Westfalen, so beginnt ›Die Fahnderin‹, erwirbt eine CD mit Dossiers einer Schweizer Bank; darauf finden sich Hunderte Fälle von Steuerhinterziehung, von denen einer zwecks abschreckender Wirkung als Pilotprojekt ausgewählt wird. Es geht um einen Benedikt Sämann. Er ist öffentlich für sein mildtätiges soziales Sponsoring bekannt; in München hatten wir das kürzlich realiter unter anderem Namen, dieser noble Zeitgenosse wird demnächst in Landsberg einquartiert.

Ohne Gläser wird sie Katja Riemann ähnlich

Anstelle polizeilicher Ermittler wird eine Steuerfahnderin aktiv, Karola Kahane – sobald sie die Brille absetzt, wird sie Katja Riemann ähnlich –, und wir sehen einen Film mit viel Realitätsbezug (Buch: Stefan Dähnert). ›Die Fahnderin‹ ist durchweg gelungen, jeder ›TATORT‹-Aficionado wird das neidlos anerkennen. Hochkarätig sortiert. Regisseur Züli Aladag wurde für sein Integrationsdrama Wut (2006) mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

Der Film ist flott geschnitten, Katja Riemann spielt eine faszinierend vielschichtige Persönlichkeit, da kommt zu keinem Zeitpunkt Langeweile auf, das Privatleben der Ermittlerin ist geschmeidig und elegant integriert, ›Die Fahnderin‹ ruft Ätsch! und dreht dem ›TATORT‹ eine lange Nase.

Ab und zu gelangen Filme ins Programm, keine Krimis im eigentlichen Sinne, also kein Mord & Totschlag, die ihre Spannung aus einem besonderen sozialen Milieu ziehen. Bei dem dänischen Borgen war das neulich die Nähe von Medien und Politik, in diesem Film, der hoffentlich eine Fortsetzung, nein: Fortsetzungen finden wird, geht es um Steuerhinterziehung, d.h. um die ordnende staatliche Aufsicht, es geht um viel Geld, es geht ums Eingemachte, das interessiert uns sehr, das macht es spannend.

| WOLF SENFF

Titelangaben
›TATORT‹: Der Fall Reinhardt (Westdeutscher Rundfunk)
Regie: Thorsten C. Fischer
Ermittler: Dietmar Bär, Klaus J. Behrendt
So., 23.03.14, ARD, 20:15 Uhr

Die Fahnderin (Westdeutscher Rundfunk/Norddeutscher Rundfunk)
Regie: Züli Aladag
Ermittlerin: Katja Riemann
Mittwoch, 26.03.14, ARD, 20:15 Uhr

Reinschauen
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Gregor Keuschnig zu Rüdiger Dingemann: »Tatort«-Lexikon
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