Wiedersehen mit Südafrika

Jugendbuch | Lizzy Hollatko: Der Sandengel

Südafrika ist kein Land mehr, das häufig in den Schlagzeilen auftaucht. Vieles hat sich geändert dort seit den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Es gab aber eine Zeit, als allein das Wort ›Südafrika‹ Empörung und hitzige Diskussionen auslöste und die liegt gar nicht so lange zurück. Lizzy Hollatko erzählt in dem Jugendroman ›Der Sandengel‹ von einer weißen Kindheit in einem rassistisch geteilten Land. Von MAGALI HEISSLER

Sandengel600Rut, die Ich-Erzählerin, ist elf Jahre alt Anfang der 1980er. Sie hat eine etwas ältere Schwester und zwei jüngere. Die vier stecken immer zusammen. Sie leben mit ihrer Mutter in einem einfachen Vorort einer südafrikanischen Stadt. Ihr Vater starb vor Jahren, Rut vermisst ihn immer noch, obwohl sie ihn kaum gekannt hat. Die Welt der Schwestern ist die Bloekomstraße, in der sie wohnen. Sie ist weder gepflastert noch geteert, die Mädchen haben immer rotbraunen Sand unter ihren nackten Sohlen. Es gibt wenig Kinder in den kleinen Backsteinhäusern entlang der Bloekomstraße. Als die gleichaltrige Mariki auftaucht, deren Eltern zwar im Nachbarhaus wohnen, die aber in Johannesburg bei einer Tante lebt, ist Rut begeistert. Mariki erweist sich als höchst unternehmungslustige Freundin.

Vom einen Ende der Straße, wo der Eukalyptuswald anfängt, bis zum Supermarkt und den kleinen Geschäften entlang zu toben, wird aber bald langweilig. Aber da gibt es noch den Bahndamm. Den Mädchen ist es streng verboten, dorthin zu gehen. Nicht nur, weil auf dem Damm täglich die Züge fahren, die die Schwarzen zur Arbeit in die Stadt und abends wieder in die Township zurückbringen. Auch weil auf der anderen Seite des Damms der reine Schrecken lauert. Felsen, Skorpione und Totenschädel! Das behauptet zumindest Marikis älterer Bruder.

Besser, man geht ins Villenviertel. Das tun die Schwestern hin und wieder, um die Bilder ihrer Mutter zu verkaufen. Alva ist Malerin, Geld ist knapp in der Familie. Im Villenviertel kann zudem man etwas tun, das in der Bloekomstraße nicht möglich ist, mit Schwarzen sprechen. Die arbeiten dort als Dienstboten. Aber ist das alles eigentlich richtig, so, wie es ist?

Getrennte Leben

Hollatko setzt auf die Unmittelbarkeit der Erzählstimme, mit der sie Rut sprechen lässt. Die Elfjährige beobachtet, aber sie sieht selten richtig hin. Sie nimmt viel für verbürgt, stellt zu wenig Fragen. Noch ist sie ein Kind, dazu eines, das unter dem Tod eines Elternteils leidet. Streit im Nachbarhaus, der Umstand, dass Mariki, die Tochter der Nachbarn, nicht bei ihnen lebt, gehören zum Alltag. Erst im Lauf der Wochen beginnt sie zu verstehen, welche Probleme nebenan oder auch in anderen Häusern herrschen.

Ihre ältere Schwester Liv denkt schon weiter. Zuweilen fungiert sie als mahnende Stimme, vor allem, wenn es um Schwarze geht, und Rut nicht recht einsehen will, warum manche Bezeichnungen entwürdigend sind. Der Gedanke an die Geheimnisse des Bahndamms, die hin- und herfahrenden Züge begleiten dieses Leben unentwegt. In welchem Maß der Alltag von Schwarzen und Weißen von der Rassentrennung bestimmt wird, entdeckt Rut nur langsam. Die Leserinnen folgen dem Schritt für Schritt. Hintertüren, getrennte Wege, nicht miteinander sprechen, nicht berühren. Strände nur für Weiße, Bänke nur für Weiße in öffentlichen Anlagen. Keine schwarzen Kinder in der Bücherei, die Rut so liebt. Die Schrecken des getrennten Lebens ergeben sich erst nach und nach.

Furchtlos wie Pippi, gut wie Heidi

Die Erzählweise ist recht holprig, der Text mit Ausdrücken in Afrikaans durchsetzt. Sie werden in Fußnoten erklärt, verhindern aber über lange Strecken das Entstehen eines Leseflusses. Es ist Ruts Stimme, ihre Lebendigkeit bei der Schilderung ihrer Kinderspiele, der Familienfeste, der Freundschaft mit Mariki, die die Geschichte zusammenhält.

Konstruiert ist sie sorgfältig, nichts davon ist dem Zufall überlassen. Der Blick auf die andere Seite des Bahndamms steht für den Blick auf eine andere Welt, die Überwindung von Vorurteilen und böswillig gesponnenen Legenden, die Möglichkeiten, die ein Blick über die Grenzen bietet. Doch bis es soweit kommt, muss Rut sich mit vielen kleinen eigenen Schwächen auseinandersetzen und noch einmal mit dem Tod.

»Furchtlos wie Pippi, gut wie Heidi«, müsste man sein, denkt sie einmal, in Anlehnung an die Heldinnen ihrer Lieblingsserien im Fernsehen. Was Furchtlosigkeit mit sich bringt und was wirklich gut ist, erkennt sie zunächst erst dann, wenn es schon zu spät ist. Aber daraus kann sie Lehren ziehen und die jungen Leserinnen mit ihr.

Ruts Geschichte ist auch die Geschichte eines Reifeprozesses.
Der titelgebende Sandengel dagegen ist das Zeichen einer Freundschaft, die in jenem Sommer begann und auch wieder zu Ende ging. Wie die Schnee-Engel im Schnee liegt er mit ausgebreiteten Flügeln im rotbraunen Sand der Bloekomstraße.

Am Ende fliegt er davon, aber die Erinnerung bleibt an einen Kinderalltag, der alles andere als alltäglich war, und von dem man so wohl noch kaum gelesen hat.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Lizzy Hollatko: Der Sandengel
Wien: Verlag Jungbrunnen 2014
140 Seiten. 14,95 Euro
Jugendbuch ab 12.

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