Zu viele Worte

in Jugendbuch

Jugendbuch | Katherine Catmull: Vogelherz

Wenn die Eltern sich trennen, leiden auch die Kinder. Jung, wie sie sind, trifft es sie besonders tief. Eines solche Geschichte wird hier ins Märchenhaft-Fantastische gewendet erzählt. Allerdings macht die US-amerikanische Autorin Katherine Catmull in ihrem Debütroman Vogelherz viel zu viele Worte darum. Von MAGALI HEISSLER

VogelherzSummer und Bird, zwölf und neun Jahre alt, leben mit ihren Eltern in einem abgelegenen Häuschen nahe eines Waldes. Die Familie hat ein besonderes Interesse für Vögel, der Vater ist Ornithologe. Summer beobachtet Vögel auch gern, bei Bird dagegen sind Vögel fast eine Besessenheit, sie möchte unbedingt ein Vogel sein.

Als die Mädchen eines Morgens aufwachen, sind ihre Eltern verschwunden. Nur eine rätselhafte Bilder-Botschaft blieb zurück. Summer, die als die ältere die Verantwortung übernimmt, deutet die Botschaft so, dass sie beide den Eltern in den Wald folgen sollen. Dort aber finden sie die Eltern nicht. Im Gegenteil tritt ein Konflikt, der zwischen den Schwestern geschwelt hat, zutage. Von da an gehen die beiden getrennte Wege durch eine Welt, die mit jedem Schritt magischer wird. Sie teilt sich auf in Unten und Oben, Vögel sprechen, unheimliche Menschen und Tierwesen begegnen ihnen, auf Schritt und Tritt finden sich mysteriöse Botschaften. Dennoch wollen die Mädchen, jedes für sich, nur eins: Die Eltern wiederfinden und eine Familie werden. Aber es gibt eine mächtige Gegenspielerin und auch eigene Vorurteile sind zu überwinden.

Zwei Schwestern

›Summer and Bird‹ lautet der Originaltitel und diese beiden sind auch die gleichwertigen Protagonistinnen der Geschichte. Grundsätzlich geht es um einen Konflikt unter Schwestern, die sehr verschiedenartig sind. Die andere in ihrer Andersartigkeit nicht nur zu akzeptieren, sondern als Schwester zu lieben, ist etwas, das die beiden Mädchen lernen müssen.

Hilfe von Erwachsenen haben sie dabei auf den ersten Blick nicht. Die direkten Bezugspersonen, die Eltern, sind verschwunden. An ihre Stelle treten fantastische Wesen, aber auch eine Gegenspielerin, die böse Pläne hat. Mit ihr muss sich Bird auseinandersetzen, während Summer sich auf den Weg ins Erwachsenendasein machen muss. Das Selbstständigwerden der Mädchen ist recht präzise eingefangen, es gibt viel Raum für ihre negativen Gefühle, Eifersucht, Wut, Ablehnung. Aber auch für Nachdenken über eigene Wünsche, eigene Wege finden, über Liebe.

Tatsächlich hätte das, ebenfalls verbunden mit dem magischen Vogelmärchen, das um alles gesponnen wird, als Geschichte schon ausgereicht, um junge Leserinnen mehr als genug zu beschäftigen. Leider hat sich die Autorin verlocken lassen, eine weit umfangreichere Geschichte zu konstruieren.

Wortgeklingel

Catmull ist überehrgeizig. Sie schöpft aus Mythen und Märchen, die Schwanenkönigin und ihr geraubtes Federkleid, der Vogel Phönix, gefangene Herzen, Lieder und Blut, der Weltenbaum, die Weltenschlange und ein Märchen von der Erreichbaren Grenze der Vögel; alles findet sich im Text und noch mehr. Sie erzählt märchenhaft-poetisch, ihre Sätze bersten vor Bildern. Die Wortspiele und Symbolik um die Vornamen der Schwestern sind schier unerschöpflich. Die Übersetzerin Katja Behrens hat beste und enorm viel Arbeit geleistet, um all das ansprechend ins Deutsche zu übertragen.

Was Catmull nicht begreift, ist, dass Märchen wie Poesie von Verdichtung, Beschränkung und Schlichtheit leben. Ihre Bilder mäandern und damit ihr Denken. Bald rauschen die Worte um die Leserin herum, bis es ihr in den Ohren klingelt.

Scheidungsproblematik, die Liebesgeschichte der Eltern, zahlreiche märchenhafte Geschichten, die Vögel und andere Wesen den Mädchen erzählen, vorwärts und rückwärts erzählt, samt eingestreuten »Lebensweisheiten«, die sich bei genauerem Hinsehen auch noch als Banalitäten entpuppen, alles fließt zusammen. Die Mädchen sind, wie dann auch die Leserinnen, regelrecht Gefäße, in die Worte gegossen werden bis zum Überfließen. Man verliert in dem Wortgeklingel bald den Kontakt zu den Figuren und am Ende sich selbst.

Denkerische Gängelei

Sehr störend ist die Art der Autorin, immer wieder kommentierend einzugreifen. Sie ist überängstlich und gibt vor, was man beim Lesen zu denken und zu fühlen hat. Im einen Augenblick wagemutige Abenteuerin vor dem Maul der Riesenschlange, ist man im nächsten auf ein Kleinkind reduziert, das eingetrichtert bekommt, was angeblich richtig ist.

Ganz logisch ist die Märchengeschichte auch nicht, die Gegenspielerin gerät bei aller Unheimlichkeit eindimensional. Oft zieht die Autorin im letzten Moment noch etwas aus dem Ärmel, um das gegen Ende recht wackelige Konstrukt am Stehen zu halten. Wenig gut ist schließlich, dass der Vater die einzige Männerfigur bleibt und zudem als hilfloses Wesen erscheint, dessen Liebe zur Schwanenkönigin zu einer Art Sündenfall gerät, der das ganze Unglück letztendlich verursacht. Nicht gerade zeitgemäß.

Strikte Beschränkung aufs Wesentliche und weniger Selbstverliebtheit hätten einen deutlich besseren Roman aus der eigentlich guten Geschichte gemacht. Immerhin hat es einen wunderschönen Schutzumschlag.

Titelangaben
Katherine Catmull: Vogelherz
(Summer and Bird, 2012)
Übersetzt von Katja Behrens
Frankfurt/Main: S. Fischer 2014
445 Seiten, 16,99 Euro
Jugendbuch ab 12 Jahren

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