Positionsverlust

Kinderbuch | Claudia Schreiber: Sultan und Kotzbrocken in einer Welt ohne Kissen

Vor zehn Jahren verzauberte die Geschichte vom herrschsüchtigen Sultan auf dem Kissenberg und seinem Kranführer Kotzbrocken, der ihn dort hinauf befördern musste. ANDREA WANNER war gespannt auf die Fortsetzung.

Schreiber_Hein_978-3-446-24636-2_MR.inddDer Titel verrät es ja schon: Sultan und Kotzbrocken müssen sich in einer Welt ohne Kissen durchschlagen. Der oberste Richter hat durch Zufall entdeckt, dass der Sultan gar nicht der rechtmäßige Herrscher des Landes ist, und ihm ein Schreiben zukommen lassen: »Hochverehrter Sultan, hiermit kündigt Ihnen Ihr Land das Herrscherverhältnis mit sofortiger Wirkung, ordentlich und fristgerecht.«
Dem mittellos gewordenen Sultan, von seinen hundert Ehefrauen schmählich im Stich gelassen, bleibt nichts anderes übrig, als sich mit seinem Freund Kotzbrocken auf den weiten Weg in dessen Heimat im Norden zu machen. Tausend Kilometer zu Fuß, wahrlich kein Zuckerschlecken für einen verwöhnten, übergewichtigen Mann, der bisher maximal die paar Schritte bis zur Toilette selbst zurücklegte. Außerdem hat er keine Ahnung vom wahren Leben, weiß nicht, was Geld ist, woher man sich Nahrung beschaffen kann, schlicht, wie man überlebt. Aber zum Glück hat er ja Kotzbrocken.

Das ist ein toller Stoff für eine Geschichte. Da bieten sich wunderbare Missverständnisse an – man erinnere sich nur an die herrliche Episode im ersten Band, als der Sultan telefoniert und keine Ahnung hat, was ein Telefon ist und wie man es benutzt. Jetzt, unterwegs ohne Privilegien, kann er auf all das treffen, was er in seinem Palast nie kennengelernt hat. Claudia Schreiber verspielt diese Chance. Es gibt ein paar witzige Szenen, man hätte mehr erwartet.

Gelungen ist die Ankunft in Kotzbrockens Hütte und das anschließende Problem: Was essen die beiden? Dass Milch, die er mag, aus dem Euter einer Kuh kommt, ist für den Sultan unvorstellbar. Und auch die Herkunft von Eiern verleidet ihm zunächst das geliebte Omelette. Aber er lernt dazu. Solche Einlagen bleiben die Ausnahme. Und wenn sich dann am glücklichen Ende auch noch die hundert nachgereisten Haremsdamen bemüßigt fühlen, den attraktiv gewordenen Sultan aufzuklären, driftet die Story ins Absurde ab. »Wir lassen uns gerade Kinder wachsen«, informiert der ins Bild gesetzte Sultan den ahnungslos dazukommenden Kotzbrocken. »Ach du liebe Güte!« erschrickt der. Und wenn er hinzufügt »Da will ich nicht stören, und tschüss!«, möchte man sich ihm eigentlich am liebsten anschließen. Nein, es wird nicht zotig oder derb, aber ein Sultan der hundert Frauen beim Wiedersehen schwängert, ist dann doch einfach zu albern.

Was so schön ist, wie beim ersten Mal sind die Illustrationen von Sybille Hein. Mit viel augenzwinkerndem Witz begleitet sie die – innere und äußere – Verwandlung des Regenten auf ihren Bildchen, die mal eine ganze Seite einnehmen, mal einfach eingestreut den Text auflockern. Da kommen lockerer Charme und verspielter Humor zusammen, perfekt.

Manchmal sind Fortsetzungen eine Enttäuschung. Was beim ersten Mal so unverkrampft originell war, wirkt jetzt gesucht. Manchmal führen Fortsetzungen aber auch dazu, dass man sich den ersten Teil nochmals anschaut. Und der ist auch nach zehn Jahren ein Vergnügen zum Vor- und Selberlesen.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Claudia Schreiber: Sultan und Kotzbrocken in einer Welt ohne Kissen
Mit Illustrationen von Sybille Hein
München: Hanser 2014
112 Seiten. 13,90 €
Kinderbuch ab 6 Jahren

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