Kein Leben ohne Ella!

Kinderbuch | Timo Parvela. Ella und ihre Freunde außer Rand und Band

Seit sieben Jahren erzählt Ella Kindern hierzulande, was in ihrem Schülerinnenleben passiert. Vermeintlich naiv präsentiert wird der Alltag aus ihrem Mund zu einem grotesken Abenteuer, das alle mitreißt, Mitschülerinnen und Mitschüler, Lehrerinnen und Lehrer, Hausmeister, Köchin, Eltern. Nun ist der zehnte Band erschienen, damit niemand lange ohne Ella bleiben muss. Timo Parvela erweist sich dabei wie seine kleine Heldin als außer Rand und Band. Von MAGALI HEISSLER

Parvela10_978-3-446-24633-1_MR1.inddVorgestellt werden müssen sie nicht mehr, Ella und ihre Klasse. Von Pekka, dem Langsamsten, über Hanna, Tiina, Rambo und Mika bis zu Timo, dem Klassengenie. Sie sind längst nicht nur Ellas, sondern auch unsere Freundinnen und Freunde. Sogar der Lehrer ist unser Freund und der ist gleich mal verschwunden. Natürlich muss ein Lehrer-Rettungsplan her und natürlich erweist sich, dass gar nicht der Lehrer gerettet werden muss, sondern ausgerechnet Pekka. Er soll entführt werden. Nach Spanien! Und das von seiner eigenen Mutter, die genug hat vom finnischen Winter.

Das ist noch keineswegs genug, was die Verrücktheiten angeht, die sich Parvela für die erste der drei längeren Geschichten ausgedacht hat, die es im vorliegenden Band zu lesen gibt. Ella und ihre Klasse lernen einiges über Demokratie dabei und den Einsatz für andere.
Danach wird es spannend, ein Stück einer Schatzkarte bringt die Kinder auf ein Geheimnis, das dreißig Jahre alt ist.

Absurd, überdreht und ganz nah am Alltag

Parvela ist ein Meister darin, den Ereignissen eben die Wendung zu geben, die die verrückten Seiten des Alltags am besten aufzeigen. Es ist Slapstick auf Papier. Parvelas Kunst besteht auch darin, dass er niemanden vorführt oder seine Figuren verrät. Schadenfreude gibt es hier nicht, aber eine Menge Gelächter, oft unter Augenzwinkern, wenn sich jemand als unbelehrbar erweist. Die Fantasie regiert, in den Details ist aber alles logisch. Die Kinderlogik, die von Eindeutigkeit ausgeht, ist, das zeigt Parvela, gar nicht weit entfernt von der Logik Erwachsener, von der man Vielschichtigkeit erwarten müsste. Die fehlt aber durchaus. Die Folgen sind dementsprechend desaströs. Das zeigt die dritte, die Zirkusgeschichte, am besten. Wenn Erwachsene nur mal richtig hinsehen würden! Die Logik erschließt sich auch den kleinsten Leserinnen und Lesern und so werden sie am reichlichsten belohnt in dem absurden und überdrehten Szenario.
Dass wir Figuren und Geschehen nicht nur in unserer Fantasie vor uns sehen, dafür sorgen wie gewohnt die rundum witzigen Illustrationen von Sabine Wilharm.

Paradiesische Fantasiewelt

Mit dem Alltag in einer Schule haben Ellas Erlebnisse wenig zu tun, außer dass sie von einem Ort namens Schule ausgehen, die Gruppe »Klasse« heißt und Erwachsene »Lehrer« oder »Direktorin«. Was gelernt wird, steht infolgedessen nicht in Schulbüchern. Es geht um Gemeinschaftssinn, Freundschaft, Toleranz, Konfliktlösung. Dafür sind wiederum alle Mittel recht, was in Parvelas Fantasiewelt auch angebracht ist. Schließlich ist das gemeinsame Lachen wichtig. So lassen sich auch Eigenheiten und Ticks ertragen, etwa, wenn der Klassenrambo immer gleich zuschlagen will oder Pekka mal wieder gar nichts versteht.

Ellas Schule ist ein Kinderparadies, eine heitere Fantasiewelt. Einige kleinere Haken sind vorhanden, Parvela ist nicht blind gegenüber der Realität, aber auch dabei herrscht sanfte Ironie vor.
Erträglich wird es durch eine tüchtige Portion trockenen Humors und die schlichte Freundlichkeit, die im wahren Alltag so oft fehlt. Ein bisschen mehr Ella-Gedanken und –Taten und so manches würde freundlicher aussehen.

Auch im zehnten Band zeigen weder Parvela noch Ella Ermüdungserscheinungen, und da es im finnischen Original schon doppelt so viele Ella-Geschichten gibt, können wir uns alle ohne Einschränkung auf die nächsten freuen.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Timo Parvela: Ella und ihre Freunde außer Rand und Band
Illustrationen: Sabine Wilharm
Ella ja kaverit juhlatuulella (2010)
Übersetzt von Anu und Nina Stohner
2014: München Hanser
129 Seiten, 9,90 Euro
Kinderbuch ab 7 Jahren

Reinschauen
Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

»Theater als subventionierte Opposition«

Nächster Artikel

Ein It Girl mit Fehlern

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Tierisches

Kinderbuch | Ulrich Hub: Füchse lügen nicht Tiere mit menschlichen Eigenschaften auszustatten und dementsprechend agieren zu lassen, ist gerade in Kinderbüchern ein ebenso beliebtes wie umstrittenes erzählerisches Mittel. Eng verwandt mit der Fabel, muss sich diese Technik unter anderem den Vorwurf gefallen lassen, den pädagogischen Zeigefinger zu deutlich zu heben und Moral zu predigen, statt zu gestalten. Auch Ulrich Hub hat sich mit Füchse lügen nicht Tierisches einfallen lassen und sich aufs Eis begeben. Von MAGALI HEISSLER

Chaosurlaubstage

Kinderbuch | Karin Koch: Wieke und Ken

Der Start in den Urlaub nach Italien ist nicht wirklich erfolgsversprechend. Im Auto sitzen Wieke, ihr Vater Thorsten, dessen neue Freundin Xandra, ihre kleine Tochter Bille und Ken, ein Flüchtlingsjunge aus Nigeria, für den Xandra die Vormundschaft hat. ANDREA WANNER war neugierig auf das, was sich zwischen diesen fünf Menschen entwickelt.

Das Geheimnis am Murmelpfad

Kinderbuch | Kai Lüftner: Der Verwechsling

Alte Sagen und Märchen haben immer etwas Geheimnisvolles, etwas in den Bann Ziehendes. Der Verwechsling ist so eine Geschichte und spielt auf der dänischen Ostseeinsel Bornholm. Ganz lebendig spuken hier noch Elfen, Trolle, Zwerge oder Riesen. Schnell ist klar: Dieser Stimmung und Spannung kann man sich nur schwer entziehen. BARBARA WEGMANN ist eingetaucht in die magische Geschichte.

Zudecken, knuddeln, Liedchen singen, müde knutschen

Kinderbuch | J. Douglas, L. Riphagen: Das Küsschen-Krokodil Viele Kinder können nicht einschlafen. Hören Geräusche, haben Angst. Haben nur ein kleines Bärchen bei sich, das ihnen aber auch nicht helfen kann. Verstecken sich unter der Bettdecke, aber das macht’s auch nicht besser. Von GEORG PATZER

Warum die Dinge nie zu Ende sind

Bilderbuch | Cee Neudert: Mach’s gut, Eichhörnchen

Das ist gar nicht so einfach, das mit dem Sterben, dem Tod, dem Traurigsein und dem Verlust. Da tut es gut, wenn man mit jemandem reden kann. Denn Reden hilft immer. So wie hier in dieser Geschichte, in der ein Kind mit seiner Oma durch den Herbstwald geht und auf ein totes Eichhörnchen trifft. Die Oma geht nicht weiter, sagt nicht, ach, das ist noch nichts für dich, nein, sie hört zu, erzählt und beantwortet jede Frage. »Sehr anrührend«, meint BARBARA WEGMANN