//

Bis zur letzten Sekunde

Film | Tatort: Der sanfte Tod (NDR), 7. Dezember

»Wir sind die Niedersachsen/ sturmfest und elbverwachsen« – genau. Es geht um einen Schweineschlachtbetrieb, der international prächtig aufgestellt ist, mit vierhundertfünfzig Angestellten zuzüglich zweitausend Arbeitern auf Werksvertragsbasis, also Hungerlohn, mit drei Betrieben in Holland, zweien in China, einem Joint Venture in Russland, so eine Firma, gewiss, muss straff organisiert sein. Von WOLF SENFF

tatort»Angesichts der vielen Leute, die hineinkriechen wollen, braucht der ein Arschloch größer als die Elbphilharmonie« – Sie werden es vermutet haben, die Rede ist vom Chef, Jan Peter Landmann, einem freundlich und charmant auftretenden älteren Herrn, den Frau Lindholm nicht kalt lässt. Auf ihn wurde geschossen, jedoch aufgrund einer Verwechslung traf man den Chauffeur tödlich, das ist zu bedauern, aber kommt schon mal vor in ›TATORT‹ .

Nett, diese bunte Werbung

Oder es war doch umgekehrt, und der Chauffeur war von vornherein das Opfer. Es gibt Anhaltspunkte dafür, etwa die Information, dass er sich mit Beno, einem bulgarischen Arbeiter, über die gesundheitsgefährdeten Produktionsabläufe verständigte. Dort werden auf der Basis von Gülle, hochdeutsch Schweinescheiße, Bakteriophagen gezüchtet, mit denen das portionierte Fleisch gegen Viren gespritzt wird. Sich in diesen Arbeitsbereichen aufzuhalten, sei lebensgefährlich.

Der Chef selbst beschreibt das nüchterner insofern, als er von Fleisch für Massenproduktion spricht; daneben werde eben auch in vergleichsweise winzigem Umfang nicht behandeltes Fleisch angeboten, aber für seine Firma rechne sich das nicht. Und immer wieder blenden sie uns die netten Werbefotos mit glücklichen blonden Kindern ein. Der erwähnte Beno bleibt leider unauffindbar. Dafür gibt’s vielsagende Aufnahmen von den Wohnbedingungen unserer bulgarischen »Gast«arbeiter.

»Kinder an die Macht«

›Der sanfte Tod‹ ist in der Wirklichkeit niedersächsischer Landwirtschaft verankert; man weiß, dass die Fleischverarbeitung in Niedersachsen ein außerordentlich wichtiger, aber aufgrund der Großbetriebsstrukturen ein mindestens genauso problematischer Wirtschaftssektor ist.

›Der sanfte Tod‹ ist eine typische Propagandaphrase aus dem Mund Jan Peter Landmanns, und anlässlich eines Kindergeburtstags dürfen wir uns einige sinnfreie Begründungen für Fleischverzehr anhören. Nein, Kindermund tut nicht Wahrheit kund, nicht wirklich, und »Kinder an die Macht« ist nichts als frommer Wunsch, ebenfalls sinnfrei, jedoch von einem Popstar intoniert.

Weisheit mit Löffeln

»Ich finde wenn man weiß, wie die Tiere leiden, darf man auch Fleisch essen, weil man’s dann wertschätzt.« – »Ja, schlau, denn dann haben sie nicht umsonst gelitten.«

»Also ich, wenn ich jetzt auf einen Schlachthof gehen würde, ich denke schon dass ich danach noch Fleisch essen könnte, aber ich glaub nicht dass mir das was ausmacht. Ich war auch im KZ und das hat mir auch nichts ausgemacht.« Unsere Sprößlinge sind unbedarft, deshalb schicken wir sie zur Schule und hoffen, dass aus ihnen einmal kluge Leute werden. Leider treten sie häufig so auf, als hätten sie Weisheit mit Löffeln gefressen. Erfrischend und mutig, dass das Drehbuch uns den geschätzten Nachwuchs einmal von der peinlichen Seite vorführt.

Der ›TATORT‹ aus Hannover verdient großes Lob für seine Bodenhaftung. Eigentlich überflüssig, darauf hinzuweisen, dass es sich um einen äußerst spannenden Krimi handelt, in dem Charlotte Lindholm sich zusätzlich durch ihren Umgang mit Menschen auszeichnen darf. Auch das ein herber Kontrast zu dem Großschlachtbetrieb. Und? Traf der Schuss denn nun den Falschen? Wird der Mord aufgeklärt? ›Der sanfte Tod‹ bleibt spannend bis zur letzten Sekunde. Freuen Sie sich drauf.

Im Weihnachtsmonat und zu Neujahr

wird ›TATORT‹ in hoher Dichte präsentiert, und aus diesem Angebot sortiere ich in den grünen Bereich: ›Der sanfte Tod‹ (NDR/Lindholm, 7. Dez.), ›Hexenjagd‹ (Polizeiruf RBB/Horst Krause, 14. Dez.), ›Weihnachtsgeld‹ (SR/Stellbrink, 26. Dez.) ›Das verkaufte Lächeln‹ (BR/Batic&Leitmayr, 28. Dez.) und ›Deckname Kidon‹ (ORF/Eisner&Fellner, Wien, 4. Januar).

Außerdem gibt’s über diese Tage kleines Serienangebot, Crime muss sein, zwei Folgen von Kripo Gotland mit Maria Wern (ARD, 28. und 29. Dezember) und den in Norwegen erfolgreichen Mehrteiler ›Mammon‹ (ARD, ab 1. Januar) – man kann sie sich ansehen, ›Mammon‹ knüpft an die Tradition der dänischen ›Kommissarin Lund‹ an, doch um die Norweger wurde bei ›Lillehammer‹, der in Norwegen ein Straßenfeger gewesen sei und bei uns in mehreren Folgen auf ›arte‹ lief, ein großes Gewese veranstaltet, und letztlich war’s bloß eine originelle Idee und nach zwei Folgen die Luft raus.

| WOLF SENFF

Titelangaben
›TATORT‹ Der sanfte Tod (Norddeutscher Rundfunk)
Ermittler: Maria Furtwängler
Regie: Alexander Adolph
So., 7. Dezember, 20.15 Uhr (ARD)

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

When Whiskers Went Rogue!

Nächster Artikel

Zusammenfinden

Weitere Artikel der Kategorie »Film«

Unprätentiös…

Film | Im TV: Kalter Engel (MDR), 4. November …kommt er uns auf den Bildschirm, und das ist ein denkbar guter Einstieg für Erfurt. Eine mitreißende Eröffnungsszene, dramatisch mit Musik unterlegt. Klar, dass diese Verfolgungsjagd erfolgreich endet. Von WOLF SENFF

Brecht und der Film

FilmFritz Lang/Bertolt Brecht: Auch Henker sterben Der Titel dieses Films ist auch vielen bekannt, die ihn nie gesehen haben: Hangmen Also Die – auf Deutsch: Auch Henker sterben. Das kommt: Autor der Story ist kein Geringerer als Bertolt Brecht. Offiziell steht der Name des amerikanischen Mitarbeiters John Wexley für das Drehbuch im Vorspann. Auch Brechts Koautor, zugleich der Regisseur, trägt einen berühmten Namen: Fritz Lang. Aber es lässt sich nicht leugnen: dieser 1943 in den USA gedrehte Film bleibt zurück hinter dem übrigen Werk Brechts und auch hinter sowohl den deutschen Vorkriegsfilmen wie den amerikanischen Filmen Fritz Langs. Von THOMAS

Beklemmend, unwiderstehlich

Film | TV: TATORT – Vielleicht (RBB), 16. November Kommissar Stark (Boris Aljinovic) legt in seinem letzten ›TATORT‹ gut auf. Eine Frau träumt von Dingen, die sich später tatsächlich ereignen werden; ein tragfähiger und origineller Ansatz, der uns glaubhaft ins Bild gesetzt wird. Klar, dass der Mord aus den ersten Träumen sich nicht verhindern lässt und real wird, er muss nun aufgeklärt werden, und weitere kündigen sich an, Trude Bruun Thorvaldsen hat erneut geträumt. »Ich träume oft Dinge, die dann passieren«. Von WOLF SENFF

Randlage

Film | Im Kino: Am Ende der Milchstraße »Wenn du mal Probleme brauchst, ich bin für dich da«, so lautet gewöhnlich das Motto des Dokumentarfilms. Das ist nicht jedermanns Sache. Man kennt keinen der Schauspieler, weil es keine sind, und die Beschreibung ist wenig reißerisch, halt kein Hollywood. Eigentlich sollte der Streifen Randland heißen, jetzt aber trägt er den Titel Am Ende der Milchstraße. Leopold Grün und Dirk Uhlig haben ein kleines mecklenburgisches 50-Seelen-Dorf besucht, ihnen ist ein berührendes und präzises Zeitbild des Ostens gelungen. Von HARTMUTH MALORNY

Die Unbeugsamen

Film | Fimfestival Mannheim-Heidelberg. Marine Place: Souffler plus fort que la mer Er habe, so Michael Kötz, künstlerischer Direktor des Fimfestivals Mannheim-Heidelberg, in seiner Begrüßung zur Aufführung von Souffler plus fort que la mer, nicht damit gerechnet, daß der kapitalismuskritische Film überhaupt noch lebe. Doch hier sei der Beleg für dessen Existenz. Er habe sich zwar geändert, sei poetischer geworden. Aber er lebe. Von DIDIER CALME