/

Ein gutes Buch ist unverzichtbar

Film | Im TV: ›TATORT‹ Blutschuld (mdr), 15. Februar

Ein Schrotthändler fährt ein schmuckes BMW-Cabrio, nachtschwarz, doch nach nur fünf Minuten sucht ihn der Sensenmann heim. Außerdem wird recht kompromisslos und zügig eine Familie komplett abgeräumt. All das hat einen behutsam religiös angehauchten Hintergrund, so mit der Vorstellung von Schuld und Sühne, da dürfen wir gespannt sein. Auge um Auge, Zahn um Zahn – das bewährte alttestamentarisches Motto. Von WOLF SENFF

Foto: mdr / Steffen Junghans
Foto: mdr / Steffen Junghans
Das Personal hat ausnahmslos, ich möchte das zurückhaltend formulieren, eine komplizierte Vorgeschichte. Einer ist vorbestraft, eine Tochter wurde als Jugendliche misshandelt, ein Vater hat den Tod seiner Tochter nie verarbeiten können, jedermann ist auf seine Weise vom Leben gezeichnet.

Eine schwierige Balance

Die Figuren sind überzeugend gestaltet, dünnhäutig, immer und überall leicht aus den Fugen, neben der Spur. Wahrscheinlich ist das die Realität heutzutage, von allen Seiten zerrt Stress an unserem Nervenkostüm. Die Fundamente des Lebens sind brüchig, die Ordnung wird mühsam aufrechterhalten. Das abzubilden, darin liegt die Qualität dieses ›TATORT‹. Nein, er ist nicht larmoyant, hat keine sozialromantische Attitude, er stellt sich nüchtern und glaubhaft auf.

So weit, so gut. Ein Amoklauf ist jedoch üblicherweise eine flinke Angelegenheit, während ein ›TATORT‹ sich gern über einige Tage in die Zeit ausdehnt. Das bringt Schwierigkeiten für die Balance von ›Blutschuld‹ mit sich. Die letzte halbe Stunde ist spannend und dramatisch, leider etwas aufdringlich mit Musik unterlegt, so geht’s, mal unentwegt trommelnd, mal schmeichelhaft streichend.

Schwache Dialoge, brüchige Beweisführung

Aber vorher, was macht man vorher? Man ermittelt, denn der Mord am Schrotthändler, der glücklicherweise schon zu Beginn sein Leben ließ, ist aufzuklären. Die Ermittlung verläuft umständlich, das zeigt sich überdeutlich an diversen hölzernen Dialogen. »Sein Vater hat ihn angezeigt.« – »Er könnte sich gerächt haben.« Gewiss, schon möglich. Problemorientiert geht’s dann so: »Der Schlagring ist nicht angefasst worden.« – »Möglich, dass er bewusst gesäubert wurde.« Wer weiß das schon.

Es gibt eine Menge dieser zögerlichen Äußerungen, es gibt kühne Vermutungen, deren Sinn sich jedoch leider nicht auf Anhieb erschließt. »Wenn der Wachhund betäubt wurde und nicht getötet, dann wusste der Täter von dem Hund.« (Andreas Keppler). Und kommen Fragen vor, die eher nicht zielorientiert sind: »Gibt es in Ihrer Familie irgendwelche Probleme?« (Eva Saalfeld). Wie ist es möglich, dass Regie und Drehbuch so etwas durchwinken?

Folglich war es Mord

Derartige Ungenauigkeiten lähmen den Ablauf der Handlung, und hinzu kommt, dass sich während der ersten Stunde das Geschehen sowieso zähflüssig vorwärts bewegt, es folgt Verhör auf Ermittlungsgespräch, und auf Ermittlungsgespräch folgt Verhör.

Aber auch in der Schlussphase lässt die Logik zu wünschen übrig, etwa als fünf Bücher bei der Beweisführung helfen, dass ein Selbstmord fingiert war, real war es folglich Mord, und wir werden, wenn von kaum etwas anderem, so immerhin davon überzeugt, dass ein gutes Buch im Alltag unentbehrlich ist. Ansonsten drängt sich nur im Theater gelegentlich der Verdacht auf, dass letzte Vorstellungen zur Gaudi der Schauspieler umfunktioniert werden, dann drängen sich schon mal Jux und Tollerei in den Vordergrund.

| WOLF SENFF

Titelangaben
›TATORT‹ Blutschuld (mdr)
Ermittler: Simone Thomalla, Martin Wuttke
Regie: Stefan Kornatz
Sonntag, 15. Februar, 20.15 Uhr, ARD

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Vom kulturellen Kannibalismus oder Das Prinzip des Hybriden

Nächster Artikel

Some new album to cuddle up to this February

Weitere Artikel der Kategorie »Film«

Familie, oh Familie, oh!

Film | Im TV: Tatort 901 – Brüder (RB), 23. Februar Die Polizisten David Förster (Christoph Letkowsky) und Anne Peters werden in diesem TATORT zu einem Notruf geschickt; ein Mann fühlt sich bedroht. Der Einsatz eskaliert. Als die Bremer Hauptkommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) eintreffen, sind David Förster und der Mann entschwunden; Anne Peters, lebensgefährlich verletzt, wird in die Intensivstation eingeliefert. Von WOLF SENFF

Von toten Winkeln und Räumen

Digitales | Film | Games: Dead Space 2 Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, nach der Sichtung der recht amüsanten Marketing-Kampagne »Your Mom Hates This« einen feinen Text zu EAs Horror-SciFi-Actioner ›Dead Space 2‹ zu schreiben. RUDOLF INDERST über das Grauen im All.

Die Dunkelheit unterm Zucker-Candy – Teil I

Thema | Germany’s Next Topmodel JAN FISCHER hat die erste Folge der neuen Staffel Germany’s Next Topmodel mal gründlich auseinandergenommen. In seinem großen, dreiteiligen Essay findet er unter der bunten Candy-Verpackung der Sendung eine saubere Erzählung von der Dunkelheit am Rande der Stadt.

Interview: Normalität als ein Fake

Interview | Japan Film-Fest Hamburg: Kotaro Ikawa (Tokyo/Lovers, Japan 2013) Der Film ›Tokyo/Lovers‹ entspricht nicht den im Westen geläufigen Genres japanischen Filmemachens. WOLF SENFF sprach mit Regisseur Kotaro Ikawa über Genrekonventionen, Poesie und Atomkraft.

Neu und frisch aus Magdeburg jetzt; aus Erfurt in Kürze

Film | Im TV: Polizeiruf 110 – Der verlorene Sohn (MDR), 13. Oktober Der Polizeiruf Der verlorene Sohn entführt uns in die rechtsradikale Szene Magdeburgs. Gut, das ist nicht eben originell, aber es ist Realität. Die Absicht, einmal wieder Politik zu thematisieren, ist lobenswert, auch wenn die CDU bereits vor Ausstrahlung via BILD zu bedenken gab, das Bild Magdeburgs, das dieser Polizeiruf zeichne, könne sich negativ auf den Tourismus auswirken. Ojeh, Probleme haben die Leute! Von WOLF SENFF