Satyrspiele oder Die Jagd ins Bockshorn

in Lyrik

Lyrik | Marco Tschirpke: Gedichte – Band 1

Marco Tschirpke, der uns als satirischer Musikkabarettist bekannt ist, hat mit seinen Soloprogrammen unter anderem den Deutschen Kabarettpreis 2007 erhalten. Seit kurzem gibt es die ›Gedichte Band 1‹ (2012) im Verlag André Thiele – ein ambitioniertes Projekt. Und nun hat Tschirpke nachgelegt: Seine Gedichte sind als Hörbuch erschienen – ›Schiffe tuten auf dem Meer‹ – und werden von keinem anderen als Harry Rowohlt gelesen. HUBERT HOLZMANN hat in die CD reingehört und nebenbei im Gedichtband geblättert.

schiffe Marco Tschirpke, geboren 1975 in Rathenow an der Havel, studierte an der Folkwang-Hochschule in Essen Komposition und Klavier und tritt seit 2002 – nach seinem Umzug nach Berlin – auch als Kabarettist auf. Mittlerweile gilt er nicht nur unter Kabarettexperten als »Berliner Poesie-Torpedo am Klavier«, das »reihenweise Einfälle und Frauenherzen knickt«.

Marco Tschirpke ist jedoch nicht nur der »Wunderknabe auf der Bühne«, sondern will mit seinen Kompositionen wie den Lapsusliedern (2003) und seinen Gedichten (Band 1) durchaus mehr als nur kurzweiligen und situativen Gedankenwitz versprühen.

»Schiffe tuten auf dem Meer«

Zunächst besitzt Tschirpkes Lyrik jedoch genau diesen extremen Drive, die zündende Pointe, die unerwartete Brechung. Dazu kommt eine Kombination von Motiven mit großer Spannweite. Ein Text wie »Venus beim Sonnenbad« lässt etwa Mythologie und Jetztzeit direkt aufeinander prallen: »Wie das Dörrobst auf dem Teller / Welkt das schlecht justierte Fleisch. / Schwerfällt, Göttinnen zu preisen, / Wenn die Geier oben kreisen.«

Worauf Tschirpke ebenfalls zurückgreift, ist der bildungsbürgerliche Schatz unserer Gemäldesammlungen. Venusbilder »alter Meister« oder Lutherbilder von Cranach sind da genauso ausgestellt wie das »Spätwerk Picassos«, Werke von Edvard Munch, Käthe Kollwitz oder Andy Warhol. Was Tschirkpe allerdings nicht unbedingt zu Bewunderung und Andacht bewegt, sondern zu doppelsinnigen Gedanken verführt. Er treibt ein satirisches Spiel mit populären Klischees und Vorstellungen: Ein Frauenmodell Picassos etwa bemerkt »unbehaglich« zur Kunst des Meisters: »Ich frag mich, / Bin ich wirklich hier vonnöten? / Da hört sie den Alten flöten: / Nein, Madame, im Grunde nicht.«

Von der Ilm an den Rhein und die Seine

Der Berliner Kabarettist zeigt sich in seiner Sammlung, die seine vier bislang einzelnen Gedichtbändchen Der Onkel und die Katze (2008), Die Melancholie der erledigten Dinge (2009), Kategorien der Sorgfalt (2010) sowie Stante pede ante portas (2012) vereinigt, jedoch nicht nur von Museumsrundgängen beeindruckt. Parodistische Einfälle entstehen zu seiner Lektüre, zu memorierter klassischer Lyrik oder zu zeitgenössischen Texten. So schaukelt er dann in so manchen Versen locker flockig und daktylisch herum, er wird das klassische Weimar mit »Eierschecke« und »Geheimratsecke« bereimen. In »Rentners Nachtlied« spannt er den Bogen vom Kind zum Greis und romantisiert einen somnambulen Dichter »mondbeleuchtet«.

Und es geht Schlag auf Schlag. Wie ein Feuerwerk. Denn es dürfen auch Bravourstückchen wie das Rellstabsche »Ständchen«, im Gedichtband in zwei Versionen bearbeitet – der Klavierkorrepetitors einer Musikhochschule hat dies selbstverständlich im Repertoire –, ein Kinderliedchen zur »Himmelskunde«, »Weißt du, wieviel Sternlein stehen«, oder ein Morgensternsches »Galgenlied mit Reh« nicht fehlen.

Dass Tschirpke dabei gelegentlich schon mal in seichteres Gewässer gerät, wie im leicht veränderten Kinderreim »Es war eine Mutter, / Die hatte vier Kinder: / Den Frühling, den Sommer, / Den Herbst und den Günther«, mag schon mal vorkommen. Mit der Assonanz von »Winter« und »Günther« setzt der Bühnenkünstler dabei wohl auf einen Lacher für Zwischendurch.

TschirpkeAllerdings beschränkt er sich nicht nur auf die Ansammlung witziger Nummern, bleibt nicht nur bei Parodien stehen. Ins Gedicht »Kennst du das Land …« schleicht sich nämlich recht harmlos eine besondere Note ein. Es ist keine bloße Replik vom klassischen »Lied der Mignon«. Zwar werden die Pfeiler um den alten Goethe noch einmal kurz eingeschlagen, allerdings wird er schnell zurückgelassen. Denn die Reise geht nicht nach Arkadien, nicht ins »Land, wo die Zitronen blühn«, sondern nur 25 Jahre zurück ins politisch geteilte Deutschland. Der Dichter träumt sich in die Wendezeit, als die »Bürger meines Landes, / Die mich erröten ließen, / Als sie für drei Bananen / den Schutzwall niederstießen.«

Mit ungewohnter Schärfe und Kritik greift der Dichter mit seinem Gedicht »Der Heine-Preis«, erstmals veröffentlicht in Der Onkel und die Katze (2008), in die gesellschaftliche Diskussion um den in Frankreich lebenden Peter Handke ein. Die Öffentlichkeit –  »zählten plötzlich dumpfe Leute / Zu den allwissenden Weisen« – als auch der »freche Österreicher« bekommen ihr Fett weg.

Heine und die Nachgeborenen

Auch den alten Peter Rühmkorf und dessen Frau Eva besingt er in einem verspäteten Nachruf nicht ganz harmlos in der Sammlung Kategorien der Sorgfalt (2010). Im Gedicht »Die Övelgönnerin« lässt er mit recht spitzer Feder die Person des nicht ganz einfachen Dichters der Jahre, die ihr kennt Revue passieren.

Einem Dichter, dessen Duktus immer wieder anklingt, scheinen jedoch zahlreiche Texte Tschirpkes in besonderer Weise gewidmet zu sein. Ein Rezensent bringt es kurz und bündig auf einen Nenner: »Robert Gernhardt lebt. Er heißt jetzt Marco Tschirpke.« Es ist diese oberflächlich harmlose Rhythmik, die bildlichen Motive, die aphoristische Schärfe, der Wortwitz, die Pointensicherheit, die eine Reminiszenz an Gernhardt erlauben.

Nicht zuletzt sind die zahlreichen Gedichte zur deutschen Geschichte, wie etwa »Deutsche Gegend«, »Zwei Preussen«, »Porträt eines Königs«, »Berliner Gedenkpolitik« oder »Wahlsonntag« Ausdruck dieser Tradition. Sein Fazit zur bundesrepublikanischen »Kreuzchen«-Demokratie klingt ironisch nüchtern:

WAHLSONNTAG

Heut ist Sonntag und die Bundes-
politik umgarnt mich heiß,
Daß auch ich mein tief empfundnes
Kreuzchen in die Urne schmeiß.

Hört, ihr braven Demokraten,
Falls ihr noch zu retten seid:
Wenn es was zu wählen gibt, dann
Sagt der Onkel euch Bescheid.

Stets hat noch das kleinre Übel
Sich als größeres entpuppt.
Bleibt daheim in euerm Stübl,
Würfelt, kegelt, jodelt, schrubbt …

In Marco Tschirpkes Gedichten klingt aber auch immer wieder neben Robert Gernhardt der Lyriker Heinrich Heine an. Das »Fichtenlied« erinnert wohl direkt an den Standort zweihundert Jahre zuvor, an den Zustand »einsam und allein« des Rheinländers. Und auch das Titelgedicht des neuen Hörbuchs Schiffe tuten auf dem Meer greift mit großem Impetus auf Motive Heines zurück, wenn Tschirpkes »Kahn« »Wog auf Woge« im Lauf des Lebens hin und herkippt, von »Heimweh« zerfressen, in tiefer Einsamkeit.

Schiffe tuten auf dem Meer – Harry Rowohlt liest 69 Gedichte von Marco Tschirpke, manchmal mit leicht ironischem Tonfall, manchmal auch »gebrummt, gesäuselt und gebrüllt von einem Löwen seines Fachs« (konkret), stellenweise immer wieder selbst überrascht von der Schlitzohrigkeit des Berliner Kabarettisten Tschirpke, der mit kurzen Klavierfragmenten selbst für die nötigen Zwischenspiele und Pausen sorgt. Die aktuelle Hörbuchfassung ist eine wunderbare Ergänzung zu den Gedichten Band 1.

| HUBERT HOLZMANN

Titelangaben:
Schiffe tuten auf dem Meer
Harry Rowohlt liest 69 Gedichte von Marco Tschirpke
Konkret 2014
12.- Euro

Marco Tschirpke: Gedichte – Band 1
Mainz: Verlag André Thiele 2012
176 Seiten. 18.- Euro

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