/

Elfen und Vulkane

Kulturbuch | Sarah Moss: Sommerhelle Nächte. Unser Jahr in Island

Ausgerechnet in dem Jahr, als Islands Wirtschaft und der europäische Bankensektor zusammen- und der Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen ausbrechen, zieht es Sarah Moss mitsamt Ehemann und zwei kleinen Jungs in das Land, dessen Mentalität zu ihrer eigenen nicht kontrastreicher sein könnte. In  Sommerhelle Nächte. Unser Jahr in Island darf man sich vorsichtig auf die Spurensuche nach vergangenen Welten, Wikingerseelen und nordischer Kreativität machen. VIOLA STOCKER reiste mit leichtem Gepäck.

IslandSarah Moss beschließt eines Tages, das britische Universitätsleben hinter sich zu lassen, um ein Jahr lang an einer isländischen Universität als Literaturdozentin zu arbeiten. Getrieben von Jugenderinnerungen an isländische Road Trips mit Freunden gibt sie mit ihrer Familie für ein Jahr lang den britischen Alltag auf, um ihn gegen isländische Sitten, Polarlichter und Stricknadeln einzutauschen.

Dass sich Moss’ kleiner Reiseführer weder langweilig noch belehrend liest, liegt daran, wie enttäuscht und geschockt sie selbst nach der Ankunft in Island ist. Moss macht, was am naheliegendsten ist, als das isländische Wesen ihr wie ein Rätsel vorkommt: fragen. Ein Großteil ihrer Reportage basiert auf Interviews, Treffen mit interessanten Menschen, die sie in diesem Jahr in Island kennenlernt und durch die sie hofft, dem isländischen Menschenschlag näher zu kommen.

Das scheint gar nicht so einfach. Denn obgleich die isländische Wirtschaft gerade zusammengebrochen ist, begegnen Moss die Einwohner mit bewundernswerter Ruhe. Gleichzeitig verschließen sich der Autorin manche Eigenheiten. Die Armutsquote in Island steigt, doch scheinbar jeder Isländer besitzt einen amerikanischen SUV. Trotz traumhafter Landschaft geht niemand zu Fuß und Second-Hand ist unbekannt.

Europa und Island

Was unfreiwillig komisch ist an Sarah Moss’ kritischer Analyse der isländischen Gepflogenheiten ist, dass sie so unwahrscheinlich europäisch klingt. Obschon Briten großen Wert auf ihren Inselstatus legen, steht Sarah Moss den insularen Gewohnheiten der Isländer völlig perplex gegenüber. Wie schwer es ist, weit weg von zuhause zu wohnen, merkt sie erst dann, als kulturelle Unterschiede ihren britischen Alltag durcheinander werfen.

Trotzdem ist dieses Jahr für Moss eine Mischung aus Abenteuer und Urlaub. Während die beiden Söhne sich sehr schnell integrieren, fällt es den Erwachsenen deutlich schwerer, einen Freundeskreis aufzubauen. Schließlich lernt Moss norwegische und amerikanische Kollegen kennen und erhält so zunehmend Antworten auf ihrer Fragen. Derer sind viele, denn es gibt genügend Vorurteile gegenüber Island, die offensichtlich betrachtet werden müssen.

Elfen und Naturgewalten

Nachdem die isländische Nationalsaga noch jung ist, da Island erst spät durch Wikinger besiedelt wurde, ist sie umso lebendiger im Alltag integriert. So wundert es niemand mehr, wenn auf Island Männer und Frauen mit Elfen und Trollen sprechen und sogar eine Elfenberaterin kontaktiert wird, wenn eine Bundesstraße neugebaut werden soll. Moss findet diese Menschen und spricht mit ihnen, ohne Ironie, ohne Antworten zu erwarten. Heraus kommt eine sehr charmante und sympathische Charakterzeichnung eines Volkes, das sich nun wieder neu erfinden muss.

Widerstand gegen zügellose Wirtschaftspolitik oder Bankengläubigkeit – Moss trifft Vertreter von beiden Seiten, ohne daraus ein Hehl zu machen, dass sie selbst eher der linksgerichteten kritischen Fraktion zuzurechnen ist. Wer will, kann so Neues erfahren aus dem Jahr, das ganz Europa wirtschaftlich in den Grundfesten erschüttert hat. Ein ganzes Volk muss von vorn beginnen, nachdem blinde Euphorie nichts als Bauruinen und Leid hinterlassen hat.

Wiederaufbau mit handwerklicher Kreativität

Es wundert überhaupt nicht, dass Island ausgerechnet aus einer Strömung neue Kraft schöpft, die mittlerweile ganz Europa erfasst hat. Do-It-Yourself-Unternehmen schießen aus dem Boden, die isländischen Frauen stricken wieder ihre komplizierten Muster und kleine Unternehmen, die sich auf lokale Künste konzentrieren, florieren wieder. Das isländische Volk scheint eine ähnliche Mentalität zu besitzen, wie die Bürger der Vereinigten Staaten: Den Willen, aus eigener Kraft den Neuanfang zu schaffen.

Kein Wunder, dass sich Moss nach einem Jahr der Dunkelheit und der sommerhellen Nächte kaum trennen kann. Die Touristenwunder werden für den Schluss aufgespart, doch sind sie hier nicht wichtig. Es sind die vielen Begegnungen mit kreativen, klugen und sonderbaren Menschen, die Moss‘ Reisebericht zu etwas Besonderem machen und die Genregrenzen zwischen Reportage und Roman verschwimmen lassen. Schade, dass ein Jahr in Island so schnell vorbei sein kann.

| VIOLA STOCKER

Titelangaben
Sarah Moss: Sommerhelle Nächte. Unser Jahr in Island
Aus dem Englischen von Nicole Seifert
Hamburg: Mareverlag 2014
464 Seiten, 22 Euro

Reinschauen
Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Satyrspiele oder Die Jagd ins Bockshorn

Nächster Artikel

Sommerzählung mit unfreiwilligem Ende

Weitere Artikel der Kategorie »Kulturbuch«

Anarchischer Moment der Glückseligkeit

Kulturbuch | Thierry Paquot: Die Kunst des Mittagsschlafs Es gab zwar Zeiten, da hatte mittags in deutschen Mietshäusern Ruhe zu herrschen. Zwischen eins und drei wurde nicht gespielt, weder Ball im Hof noch Klavier im Haus. Heute ist Mittagsschlaf etwas, das die jüngsten Mitbürger müssen (meistens gegen kreischenden Widerstand) und nur die älteren dürfen (oft mitleidig belächelt). Für alle anderen gilt: Schlafen kann man, wenn man tot ist, wir haben Leistungsgesellschaft. Frühe Lärmschutzverordnung, lasterhafter Müßiggang – hierzulande scheint die Siesta von einem unfrohen Geist beseelt. Thierry Paquot treibt ihn mit Die Kunst des Mittagsschlafs genüsslich aus. Von PIEKE BIERMANN

»Guter Nazi, böser Nazi?«

Menschen | Manfred Wieninger: Die Banalität des Guten Das Böse hat Konjunktur. Die Jahrestage von Erstem und Zweitem Weltkrieg sorgen für einen steten Schub an Darstellungen von Abgründigem. Warum blicken wir so selten auf diejenigen, die sich in dieser Zeit ein Minimum an Menschlichkeit bewahrt haben? Ist Gutes zu tun einfach zu banal – oder in einer Zeit des Opportunismus viel zu schwierig? Das fragt sich Biografieforscher JÖRG FUCHS angesichts der Lektüre von Manfred Wieningers Buch ›Die Banalität des Guten‹.

Einsamer Insel-Erzähler

Kulturbuch | Lucien Deprijck: Die Inseln, auf denen ich strande Schiffbrüche sind uralter Stoff, den Menschen sich vermutlich erzählen, seit sie sich wieder aufs Wasser getraut haben, aus dem sie sich Millionen Jahre vorher herausmutiert hatten. Lockende Ferne, unvorstellbare Gefahren, exotisch-erotische Abenteuer, Überleben bei unsicherem Ausgang… Auch spätere Schriftsteller haben den Raum aus Weltkenntnis und Phantasie immer wieder genutzt, für wohlig-schauriges Entertainment ebenso wie für bissige Zeitkommentare. Eine neue, ganz eigene Spielart des Themas bieten die von Christian Schneider illustrierten und von Lucien Deprijck erzählten Inseln, auf denen ich strande. Von PIEKE BIERMANN

Paläste für Arbeiter, sozialistische Musterstädte

Kulturbuch | Tilo Köhler: »Seht wie wir gewachsen sind« Nach Josef Stalin wurden in den Jahren nach 1945 im sowjetischen Einflussbereich zahlreiche Objekte benannt, Straßen und Plätze, Fabriken und ganze Städte – nur die Umbenennung von Bergen blieb der UdSSR selbst vorbehalten (und Kanada). Der Name Stalins kann also durchaus für die ersten Jahre des sozialistischen Aufbaus in Ost-Europa stehen, bevor nach 1956 »der weise Führer des Weltproletariats« langsam aus dem öffentlichen Gedächtnis getilgt wurde. So kurios man das heute finden mag, Tilo Köhler hat seine Kulturgeschichte der frühen DDR ›Seht wie wir gewachsen sind‹ nicht ohne Grund an solchen

Angenommen

Kulturbuch | Maya Deren: Der Tanz des Himmels mit der Erde. Die Götter des haitianischen Voodoo Wer mit ansieht, dass ein leckgeschlagenes ökonomisches System sich mit großer Beharrlichkeit über Wasser hält, findet aus dem Staunen gar nicht wieder heraus. Wie kann es angehen, dass Abgründe klaffen zwischen Manager-Gehältern und Hartz-IV-Sätzen? Wie kann es sein, dass die Luft, die wir atmen, systematisch vergiftet wird? Fragen, Fragen, Fragen und allüberall ein immenses Gegacker. Von WOLF SENFF