/

Schluss mit den Vorurteilen

Kulturbuch | Petra Stuiber: Kopftuchfrauen

Nur ein Stück Stoff auf dem weiblichen Kopf, das war es einmal. Seit über zehn Jahren wird eine zuweilen unangenehm vehemente öffentliche Debatte über das Kopftuch geführt. Die österreichische Journalistin Petra Stuiber zeigt in ihrem Buch, dass es bei der Kopftuchfrage vor allem um Vorurteile geht, die nicht nur muslimische Frauen treffen. »Schluss damit!«, fordert sie. Und belegt dieses überzeugend. Von MAGALI HEISSLER

KopftuchSchmal und handlich ist das Buch ›Kopftuchfrauen. Ein Stück Stoff, das aufregt‹. Geradezu elegant, so wie die junge Frau, die einer vom Buchdeckel her ein verhaltenes Lächeln schenkt. Natürlich trägt sie ein Kopftuch. Das genügt schon, um Reaktionen hervorzurufen, noch ehe man merkt, dass die junge Frau noch etwas auszeichnet, ihre selbstbewusste Haltung nämlich. Das Foto, es stammt wie die anderen großartigen Porträts im Buch von Katharina Roßboth, ist ein klarer Fingerzeig darauf, worum es hier geht. Um Aufklärung. Um einen Standpunkt.

Stuiber geht ihr Thema systematisch an. Sie berichtet von Kopftüchern, erklärt verschiedene Bezeichnungen, z.B. Hidschab, Burka oder Çarşaf, leitet über zu den wichtigsten Eckpunkten der so genannten »Kopftuchdebatte« mit all ihrem Für und Wider und ist gleich mitten dabei. Auch wenn sie sachlich berichtet, argumentiert sie engagiert und das tut dem Thema sehr gut.

Ihr Schwerpunkt liegt auf der Situation in Österreich. Da einiger Zündstoff zu dieser Frage aus Deutschland stammt, ist die hiesige Entwicklung Hintergrund und Spiegel der Vorgänge zugleich – und trägt damit auch hierzulande bei zur Klärung der vertrackten Frage: Kopftuch auf Frauenköpfe? Oder besser nicht?

Wichtig ist, was in den Köpfen steckt

Stuiber lässt den Gegnerinnen und Gegnern des Kopftuchs Raum für ihre Einschätzungen, legt den Finger aber gleich auf den wunden Punkt der Argumentation. Gleich, ob Sarrazin, Buschkowsky oder Alice Schwarzer, sie konzentrieren sich auf Frauen muslimischen Glaubens und betrachten diese als einheitlich unterdrückte Gruppe. Eine Propaganda der Angst vor dem Fremden herrscht vor, eng begleitet von der Überzeugung, eine Befreiung von oben könne dem »Übel« abhelfen. Die Definition des »Übels« ergibt sich dabei aus der unreflektierten Annahme, dass allein die Befreierinnen wissen, was Freiheit ist sowie der Überzeugung, dass sich Freiheit an der Art der Bekleidung ablesen lässt.

Auch Schwarzer, die vor vielen Jahren einmal von sich sagte, dass sie gerne Boas trage, aber genauso gern Kopf, lässt eben das Denken vermissen, wenn es um muslimische Frauen geht. Deren Unterdrückung und eine daraus resultierende Dumpfheit in den Köpfen scheinen für sie gegeben. Ideologische Nebel, die dem von Edward Said konstatierten Orientalismus entstammen, trüben den europäischen Blick immer noch ungehindert.

Interessant dagegen sind etwa Überlegungen Judith Butlers, die die Verhüllung als Möglichkeit für Frauen sieht, sich frei zu bewegen. Das ist mehr, als man von engen Miniröcken und High Heels sagen kann. Die Frauen unter dem Kopftuch dagegen, also die, die es wissen müssten, kommen selten zu Wort. Dabei wäre es doch das Wichtigste, festzustellen, was in deren Köpfen steckt.

Zehn Frauen und viel Stoff – für alle

Stuibers Thema, das darf man nicht vergessen, ist das Kopftuch. Und eben das tragen nicht nur Muslimas. Stuiber hat zehn Frauen porträtiert, die sich in der Öffentlichkeit mit einer Kopfbedeckung zeigen. Unter ihnen befinden sich eine Bäuerin, eine Ordensschwester, Frauen, die Volkstracht tragen, oder eine Journalistin. Die Welt des Kopftuchs ist weit. Es gibt nicht nur viele Arten von Stoff, Mustern und viel Farbe, es ist auch wichtig, wie es gebunden, geschlungen, befestigt ist. Was die Frauen mit Kopftuch quer durch die Kulturen eint, ist, dass sie jederzeit wegen ihres Auftretens Angriffen in der Öffentlichkeit ausgesetzt sind. Die »Kopftuchdebatte« hat die Ressentiments deutlich verstärkt. Frauen sind auf ein Stück Stoff reduziert. Als denkende menschliche Wesen, als Individuen, werden sie selten wahrgenommen. Ein Kampf wird via Frauenkörpern ausgetragen, ein leider klassischer Fall.

Der Ton der Porträts ist leicht, unterhaltend. Davon soll man sich nicht täuschen lassen. Stuiber formuliert äußerst sorgfältig, tatsächlich liefert fast jeder Satz fundierten Stoff zur Diskussion. Gleich, ob die befragten Frauen als Muslimas geboren sind, ihren Glauben erst als Erwachsene gefunden haben oder konvertierten: In einem sind sie sich einig. Die Zuspitzung auf die Frage nach der Verschleierung macht vor allem die blind, die sich so vehement für ihre Abschaffung einsetzen. Blind für Selbstbewusstsein, für politisches Denken, für den Einsatz in der Öffentlichkeit, für Frauen, die ein selbstbestimmtes Leben führen. Mit Kopftuch.
Das gilt auch für die »Kopftuchfrauen«, die keine Muslimas sind. Sie wehren sich ebenso dagegen, ihrer Kopfbedeckung wegen als altmodisch, unselbstständig, verbohrt abgestempelt zu werden.

Durch die Aufnahme so unterschiedlicher Stimmen und Lebensformen verweist Stuiber gleich das Urteil über Kopftücher und ihre Trägerinnen zurück an die Leserin. An uns. So wird man völlig unaufdringlich dazu gebracht, sich schon während der Lektüre immer wieder mit dem eigenen Urteil in dieser Frage auseinanderzusetzen. Das kleine Buch entpuppt sich als grundlegend für die Betroffenen der »textilen Aufregung«, also für uns alle.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Petra Stuiber: Kopftuchfrauen. Ein Stück Stoff, das aufregt
Mit Fotos von Katharina Roßboth
Wien: Czernin 2014
135 Seiten. 19,90 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Probate Schmiermittel für Hinz & Kunz

Nächster Artikel

As huge as Godzilla: The albums of the year

Weitere Artikel der Kategorie »Kulturbuch«

Wundersamer Gleichklang

Kulturbuch | Dirk Meyhöfer / Klaus Frahm: Die Architektur des Weines Längst ist im Weinberg Stille eingekehrt, wenn die Reben nach dem ersten Frost ihre Winterruhe antreten. Jetzt ist Zeit, einmal den Fokus zu verlagern: auf Menschen und Gebäude, Schaffenskraft und Ideen – rund um die ›Architektur des Weines‹. Dirk Meyhöfer und Klaus Frahm nehmen uns mit auf eine beeindruckende Reise durch die moderne Baukunst ausgewählter mitteleuropäischer Weingüter zwischen der Mosel und dem Neusiedler See, zwischen dem Rheingau und der Steiermark. Von INGEBORG JAISER

Unser großes, weißes, mittleres Meer

Kulturbuch | David Abulafia: Das Mittelmeer Traumziel bleicher Nordmenschen, Sehnsuchtsort klassischer Bildungsbürger – Wiege der Kultur plus Demokratie, ganz zu schweigen von guter Küche, quecksilbrigem Geist und kreativem Müßiggang – und Fußpunkt der drei großen monotheistischen Religionen: das Mittelmeer. Soweit der Blick aus der Landrattenperspektive. Wer sich aufs Wasser hinaus begibt, merkt schnell: Ein sanftes Binnenmeer ist das nicht. Es ist sprunghaft, tückisch, gewalttätig. Es brodelt, klimatisch wie politisch, und seit einiger Zeit wieder sehr augenfällig – Lampedusa, Gaza, Arabischer Frühling. Von PIEKE BIERMANN

Synaptische Turbulenzen

Kulturbuch | Olivia Laing: Zum Fluss

Immer wieder ›Zum Fluss‹ zieht es Olivia Laing. Ihre einwöchige Wanderung entlang der Ouse, von der Quelle bis zur Mündung, gibt Anlass zu geologischen und geographischen Erkundungen, zu poetischen, philosophischen und literarischen Betrachtungen. Ein ausschweifender, viele Sinne streifender Genuss für alle Freunde des »Nature Writing«. Zugleich ein sehr persönliches Buch, das dem Leser die Augen öffnet und die Sinne schärft. Von INGEBORG JAISER

Einsamer Insel-Erzähler

Kulturbuch | Lucien Deprijck: Die Inseln, auf denen ich strande Schiffbrüche sind uralter Stoff, den Menschen sich vermutlich erzählen, seit sie sich wieder aufs Wasser getraut haben, aus dem sie sich Millionen Jahre vorher herausmutiert hatten. Lockende Ferne, unvorstellbare Gefahren, exotisch-erotische Abenteuer, Überleben bei unsicherem Ausgang… Auch spätere Schriftsteller haben den Raum aus Weltkenntnis und Phantasie immer wieder genutzt, für wohlig-schauriges Entertainment ebenso wie für bissige Zeitkommentare. Eine neue, ganz eigene Spielart des Themas bieten die von Christian Schneider illustrierten und von Lucien Deprijck erzählten Inseln, auf denen ich strande. Von PIEKE BIERMANN

Musikalisches Potpourri

Musik | Colm Boyd: Book of Songs

Colm Boyd ist ein irischer Musikblogger, und mit seinem »Book of Songs« wird er besonders jene Musikfans faszinieren, deren Interesse ein wenig übers einfache Musik-Konsumieren hinausgeht, denn: da ist garantiert für jeden etwas dabei, für jeden Geschmack, jedes Alter, jede Generation. Und während man die Klänge im Ohr hat, liest man Dinge, die man vorher sicher nicht immer wusste. So auch BARBARA WEGMANN