/

Unser großes, weißes, mittleres Meer

Kulturbuch | David Abulafia: Das Mittelmeer

Traumziel bleicher Nordmenschen, Sehnsuchtsort klassischer Bildungsbürger – Wiege der Kultur plus Demokratie, ganz zu schweigen von guter Küche, quecksilbrigem Geist und kreativem Müßiggang – und Fußpunkt der drei großen monotheistischen Religionen: das Mittelmeer. Soweit der Blick aus der Landrattenperspektive. Wer sich aufs Wasser hinaus begibt, merkt schnell: Ein sanftes Binnenmeer ist das nicht. Es ist sprunghaft, tückisch, gewalttätig. Es brodelt, klimatisch wie politisch, und seit einiger Zeit wieder sehr augenfällig – Lampedusa, Gaza, Arabischer Frühling. Von PIEKE BIERMANN

David Abulafia: Das MittelmeerDer britische Historiker David Abulafia hat, um im Bild zu bleiben, die Wasserrattenperspektive gewählt. Er betrachtet das kleine Mediterraneum, an dem sich die drei Kontinente der »alten Welt« – Europa, Afrika, Asien – begegnen, wie eine historische Landschaft im eigenen Namen. Wenn man Menschheitsgeschichte dynamisch begreift, als ständige Bewegung über Grenzen hinaus, dann entpuppt sich dieses »Meer zwischen den Ländern« tatsächlich als aufregende Grenzlandschaft. Es ist Nervenzentrum und Energiequelle für Mobilität aller Art: Entdeckungen, Handel, Kriege, eben Migrationen, ob neugier- oder fluchtbedingt. Für Abulafia, dessen sephardisch-jüdische Vorfahren es durch die Jahrhunderte an vielen Ufern bewohnt haben, ist es »der ›flüssige Kontinent‹, der wie ein echter Kontinent viele Völker, Kulturen und Ökonomien innerhalb genau definierter Grenzen umfasst«.

Alles Leben aus dem Wasser

Man kann sein Buch als Anti-Braudel lesen. Abulafia macht keine punktuelle Tiefenbohrung wie Fernand Braudel 1949 mit seiner Studie ›Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II‹. Er hat den ganzen Raum im Blick und zeichnet seine Entwicklung durch die uns bekannte Historie in fünf »Mediterranen Zeitaltern« nach: von 22000 v. Chr. bis Trojas Fall über die hellenisch-phönizisch-römischen Phasen, das Mittelalter mit Kreuzzügen und Pest, die osmanisch-östliche Epoche, in der der Atlantik immer bedeutender wird, und schließlich die Moderne, in der der Suezkanal die zwei Nadelöhre in Ost (Dardanellen) und West (Gibraltar) strategisch marginalisiert. Kurz, »von den ersten Siedlern auf Sizilien bis zu den Bettenburgen an den spanischen Küsten«.

Abulafias ›Mittelmeer‹, fast 1000 Seiten prallvoll mit Wissen, dazu Karten und zwei Bildteile, ist ein Steinbruch an Erkenntnissen und Entdeckungen gerade für identitätskrisengebeutelte Europäer von heute. Überaus gelehrt und ein immenses Lesevergnügen gleichzeitig, denn Abulafia kann wunderbar erzählen (und Michael Bischoff ebenso übersetzen). Und er tut es stets anhand von Menschen und Mentalitäten, Orten und Zeiten und deren wechselseitigen Dynamiken. Er nimmt Fäden immer wieder auf, knüpft sie kreuz und quer neu, lässt in der »Mikro-« die »Makroperspektive« aufscheinen und macht die alte Weisheit sinnlich, nach der alles Leben aus dem Wasser kommt: Kein Europa ohne das römische mare nostrum, das hebräische Große und das türkische und arabische Weiße Meer.

| PIEKE BIERMANN

Eine erste Version der Rezension wurde am 27. November 2013 bei Deutschlandradio Kultur veröffentlicht, ein Gespräch mit Pieke Biermann ist als Audio on Demand verfügbar.

Titelangaben
David Abulafia: Das Mittelmeer. Eine Biographie
(The Great Sea. A Human History of the Mediterranean, 2011)
Aus dem Englischen von Michael Bischoff
Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2013
960 Seiten. 34 Euro

Termin
13.06.2014, 20:00 Uhr
Musikfestspiele Potsdam Sanssouci 2014
Die Eröffnungsrede hält David Abulafia.

1 Comment

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

»Jedermanns Krieg nach niemandes Plan«

Nächster Artikel

Kreuzzug eines Unbelehrbaren

Weitere Artikel der Kategorie »Kulturbuch«

Was uns Sinn gibt

Kulturbuch | Jean Pierre Wils: Kunst. Religion. Versuch über ein prekäres Verhältnis JOSEF BORDAT über den Versuch des Philosophen Jean Pierre Wils, das Verhältnis von Kunst und Religion zwischen Kompensation, Komplementarität und Konflikt zu bestimmen.

Schöner Wohnen

Kulturbuch | Niklas Maak: Wohnkomplex. Warum wir andere Häuser brauchen Niklas Maak, renommierter Architekturkritiker bei der FAZ und Autor von ›Wohnkomplex. Warum wir andere Häuser brauchen‹, wettert gegen die Verödung der Vorstädte mithilfe von hässlichen Einfamilienklötzen. Recht hat er, denn was dem Auge der Passanten außerhalb der Städte zugemutet wird, sind oft ästhetische No Goes. Allerdings bleibt er auch schlüssige Alternativen schuldig, die für viele Menschen einen Ausweg bilden könnten. Findet zumindest VIOLA STOCKER

Insel der Seligen

Kulturbuch | Hans-Joachim Löwer: Die Stunde der Kurden In den letzten hundert Jahren sind etliche Völker und Religionsgemeinschaften im Nahen Osten unter die Räder gekommen. Viele von ihnen fristen seit Jahrzehnten ein Leben von Ausgrenzung und Verfolgung, einige wie die christlichen Minderheiten Syriens und des Iraks sind erst in jüngster Zeit wieder zwischen die Fronten geraten. Ein lange bekämpftes und unterdrücktes Volk, das es anscheinend geschafft hat, dem Zirkel der Gewalt zu entrinnen, stellt der Reisejournalist Hans-Joachim Löwer in ›Die Stunde der Kurden‹ vor. Von PETER BLASTENBREI

Paläste für Arbeiter, sozialistische Musterstädte

Kulturbuch | Tilo Köhler: »Seht wie wir gewachsen sind« Nach Josef Stalin wurden in den Jahren nach 1945 im sowjetischen Einflussbereich zahlreiche Objekte benannt, Straßen und Plätze, Fabriken und ganze Städte – nur die Umbenennung von Bergen blieb der UdSSR selbst vorbehalten (und Kanada). Der Name Stalins kann also durchaus für die ersten Jahre des sozialistischen Aufbaus in Ost-Europa stehen, bevor nach 1956 »der weise Führer des Weltproletariats« langsam aus dem öffentlichen Gedächtnis getilgt wurde. So kurios man das heute finden mag, Tilo Köhler hat seine Kulturgeschichte der frühen DDR ›Seht wie wir gewachsen sind‹ nicht ohne Grund an solchen

Champagner in der Chefetage

Kulturbuch | David Graeber: Schulden Zurzeit scheint David Graeber everybody’s Knuddel-Radikalinski zu sein. Der gelernte und lehrende Anthropologe mit dem kecken Jungsgesicht düst von Occupy!-Camp zu Occupy!-Camp, bedient zwischendurch allerlei Medien mit frisch-fröhlichen Interviews, heimst Jubelrezensionen in unseren meinungsmachenden Blättern und sogar verbale Streicheleinheiten von manchem Banker ein. Dabei ist das, was er der Welt zu sagen hat, keine leichte Kost, sondern ein wissenschaftlich fundierter Generalangriff auf den Kapitalismus. Wie man seinem 400-Seiten-Werk Schulden. Die ersten 5000 Jahre entnehmen kann. Von PIEKE BIERMANN