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»Jedermanns Krieg nach niemandes Plan«

Gesellschaft | Robert King: Democratic Desert

Der Krieg in Syrien verkörpert die anarchische Mutation dessen, was andernorts mit großen Hoffnungen als »Arabischer Frühling« begann. Der Aufstand gegen ein Unterdrückerregime wandelte sich zu einem Gemetzel, dessen Antrieb offenbar weniger strategischen sondern mehr leidenschaftlichen Prinzipien folgt. Als einer der wenigen ausländischen Fotojournalisten ist der Amerikaner Robert King in Syrien geblieben und hat mit seinem Buch ›Democratic Desert‹ einen Bildband des Grauens geschaffen. JÖRG FUCHS versucht, den Linien dieses Konflikts zu folgen.

Democratic DesertKein Deckblatt, kein Vorwort, keine Inhaltsangabe. Sobald wir das Buch öffnen, sind wir mittendrin im Geschehen, das der Fotograf auf 240 Seiten vor uns ausbreitet. Zunächst sehen wir Bilder von Demonstrationszügen. Frauen marschieren protestierend, Männer schwenken Waffen, Jugendliche skandieren Parolen. Fotos werden gemacht, Menschen haken sich unter, tanzen, lachen. Trotz teils militaristischer Symbolik und Anfeindungen gegenüber der UN scheint die Stimmung merkwürdig ausgelassen. Ein trügerischer Frieden – den Bildern des Protests folgen Explosionen, Leichen, vor Trauer und Schmerz schreiende Menschen.

Spirale der Gewalt

Wie konnte es soweit kommen? Die unkommentierten Bilder geben uns keine Antwort. Alleine gelassen mit den Motiven scheitern wir daran, einen Gesamtzusammenhang oder gar einen Sinn hinter dem Gezeigten zu entdecken. Diese Sinn- und Hilflosigkeit spiegelt exakt den Umgang der (vor allem westlichen) Weltgemeinschaft mit der syrischen Katastrophe wider. Rote Linien der Diplomatie? Im Dutzend überschritten. Giftgaseinsatz? Halbherzig sanktioniert. Waffenlieferungen? Unkontrolliert. Die angrenzenden Nachbarn? Kochen ihre eigenen Süppchen. Unterstützt man die teils untereinander verfeindeten Rebellengruppen mitsamt ihren extremistischen Flügelorganisationen oder setzt man doch lieber auf Assad als stabilisierenden Faktor in der Region? Soll eine zugeteilte Hilfe offen oder verdeckt erfolgen?

Democratic Desert Foto: R.King/Polaris
Democratic Desert Foto: R.King/Polaris
Ein Nachwort, verfasst von dem renommierten Journalisten Anthony Loyd, versucht, den Mahlstrom der Gewalt zu erklären, der das Land zu verschlingen droht. Kenntnisreich schildert er die Anfänge des Krieges, als sich Bürger gegen Folter und Willkür des Regimes zu wehren begannen. Das hat einen Mechanismus in Gang gesetzt, der sich kaum kontrollieren oder gar eindämmen lässt: Auf jeden Toten Demonstrant folgen Racheaktionen und vice versa.

Der Konflikt zwischen Bevölkerung und Regierung ist in einen Bürgerkrieg eskaliert, in dem selbst viele Beteiligte den Überblick längst verloren haben. Im Ziel sind sich die Gegner Assads einig: Sturz des Regimes! Aber wie soll man dieses Vorhaben umsetzen? Wer soll die Verantwortung tragen, das zu erwartende Machtvakuum füllen? Diese strategischen Fragen treten an der Front in den Hintergrund. Woher denn die Waffen kämen, die er gegen Regierungstruppen abfeuere, wird ein Aufständischer gefragt. Er weiß es nicht. Er ahnt aber, dass mit dem Verkauf des todbringenden Geräts einer der zahlreichen Warlords sein Bankkonto aufbessert. Und dass er – Spielball der Waffenhändler – nie wissen kann, ob und wie viel Munition ihm für den nächsten Kampf zur Verfügung steht.

Kein »Kriegsporno«

Zahlreiche Akteure haben das Spielfeld des Krieges betreten. Darauf die Übersicht zu behalten, fällt auch einem versierten Journalisten wie Loyd schwer. Viele Vermutungen muss er anstellen, viele Antworten bleiben im Ungefähren. Konkret schildert er jedoch das Leid, das der Zivilbevölkerung in diesem Konflikt widerfährt. Und diese Gewalterfahrung überträgt der Fotograf King unmittelbar in seinen Bildern, denen wir uns ohne begleitenden und erläuternden Kommentar stellen müssen. Wir können uns nicht hinter fremden Experteneinschätzungen verstecken – oder gar den Anspruch erheben, durch Zustimmung oder Ablehnung des Gezeigten auf der »moralisch richtigen« Seite zu stehen.

Democratic Desert Foto: R.King/Polaris
Democratic Desert Foto: R.King/Polaris
Viele Bildbände, die sich mit dem Thema Kriegs- und Krisenjournalismus auseinandersetzen, rücken durch Überästhetisierung oder gar künstlerische Vereinnahmung des Gezeigten in die Nähe von »Kriegspornos«. Anders das Buch ›Democratic Desert‹. Es gibt uns durch seine Bilder eine unausgesprochene aber dennoch ganz einfach zu verstehende Warnung, die wir in Zeiten des säbelrasselnden Politikergebarens nicht überhören sollten: Stell Dir vor es ist Krieg – und Menschen sterben!

Dass es keine sauberen Kriege gibt, ist eine Erfahrung, die wir auf unserer westeuropäischen Insel der friedlichen Glückseligen wahrscheinlich erst wieder lernen müssen. Die lauten und leisen Bilder des Buchs ›Democratic Desert‹ können uns dabei helfen. Auch wenn der Buchtitel uns in die Irre führt. Es geht in dem Buch nicht um die Abwesenheit oder die »Verwüstung« von Demokratie. Denn demokratische Strukturen werden sich in Syrien mittelfristig wahrscheinlich nicht etablieren können. Im Vordergrund steht hier die Frage der Menschlichkeit!

| JÖRG FUCHS

Titelangaben
Robert King: Democratic Desert
Bern: Till Schaap Edition 2014
259 Seiten, 44 Euro

Petition unterschreiben
SOS! Syrien stirbt! Internationale humanitäre Luftbrücken für Syrien!!! (auf change.org)
Erstunterzeichner u.a.:
Peter Scholl-Latour, Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft (DAG)
Rupert Neudeck, Grünhelme e.V.
Ulrich Kienzle, DAG-Vizepräsident
Wolfgang Kubicki, MdL FDP-Fraktionsvorsitzender
Peter Gauweiler, stellvertr. CSU-Vorsitzender
Hans-Christof Graf Sponeck, DAG-Beirat
Aiman Mazyek, Zentralrat der Muslime in Deutschland
Mohamad Ashmawey, CEO Islamic Relief worldwide

Reinschauen
Was es heißt, in den Krieg zu ziehen – im TITEL kulturmagazin
Der Arabische Frühling. Dargestellt im Comic – im TITEL kulturmagazin
Die Ägyptische Revolution – im TITEL kulturmagazin

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