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Von Gläubigen, Ungläubigen und Leichtgläubigen

Gesellschaft | Linda Dorigo/ Andrea Milluzzi: Bedrohtes Refugium. Christliche Minderheiten im Nahen Osten

Kurz vor Kriegsausbruch 1991 trafen sich die Oberhäupter der im Irak vertretenen christlichen Konfessionen in Bagdad und appellierten eindringlich an den Westen, den Frieden zu wahren. Griechisch-Orthodoxe sah man da, Melkiten, Assyrer, Chaldäer, Nestorianer, Armenier, Jakobiten, Katholiken und Protestanten, in ihren bunten Trachten. Sie alle trieb nicht die Liebe zum Regime Saddam Husseins, sondern die richtige Einschätzung, dass ein Krieg die Balance in der Region zerstören würde – zum Schaden besonders der Christen. Bedrohtes Refugium von Linda Dorigo und Andrea Milluzzi will eine Art Bestandsaufnahme christlichen Lebens im Orient bieten. Von PETER BLASTENBREI

RefugiumDie beiden italienischen Journalisten brachen im Juni 2011 zu ihrer langen Reise auf, die sie in den nächsten über zweieinhalb Jahren, bis Anfang 2014, durch die Länder zwischen Nordwest-Iran und Oberägypten, Basra und dem Marmarameer führte.

Bilder aus allen besuchten Regionen präsentiert dieser Band. Ihre Abfolge wird unterbrochen durch fünf Textbeiträge. Doch trotz der prägnanten Titel (Enklave, Angst, Grenzen, Gotteskrieger, Sehnsucht) ergibt sich dadurch keine Gliederung oder Kapiteleinteilung. Weder beziehen sich die jeweils folgenden Bilder auf die Texte noch sind die enthaltenen Gespräche dem jeweiligen Text tatsächlich sinnvoll zuzuordnen. Was unter Angst steht, könnte genauso unter Gotteskrieger stehen, was unter Enklave auch bei Grenzen.

Irgendwo zwischen Täbriz und Assuan

Letztlich sind die Texte eine lange Abfolge von Kurzgesprächen mit einheimischen Christen, die ohne erkennbares System aneinandergereiht sind. Einziges System scheint zu sein, regional zusammengehörige Gespräche in möglichst kleine Schnipsel zu zerschneiden und sie irgendwie gemischt wieder aneinander zu kleben. In einem Fall ergibt sich dabei ein gewagter Sprung von den Katholiken Gazas zu den Armeniern in Täbriz – das ist alles andere als leser/innenfreundlich, auch wenn manche Journalisten so etwas für eine geeignete Methode halten, ihr Publikum bei der Stange zu halten.

Textautor Milluzzi glaubt zudem ungebrochen an die Wunder der Spontanität. Also hat er seine Gastgeber reden lassen, wie und was sie wollten, und auf Nachfragen oder Einordnungen des Gesagten verzichtet. Beim Maronitenpater Jean im Beirut schwärmt ein jüngerer Gast von den Schönheiten seines Landes und fügt hinzu »Das einzige Problem im Libanon sind die Moslems« (S.89). Nichts dazugelernt seit dem Beginn des Bürgerkriegs 1976, möchte man fragen – falls der Mann überhaupt so alt ist. Milluzzi schreibt das auf. Punkt. Und nicht einmal der konfessionelle Kontext macht ihn hellhörig. Das ist weniger Journalismus als die Arbeit eines Stenografen.

Eine koptische Christin in Alexandria sah unter Präsident Mursi am Strand angeblich verschleierte kleine Mädchen von sieben, acht Jahren (S. 47). Mag sein, aber es muss überprüft werden, ob es wirklich eine Vorschrift dafür gab (was die Dame behauptete). In Assuan sind die Gerüchte noch viel kruder. Hier geht es um Betäubungssprays, Entführung junger Christinnen und ihre Zwangsbekehrung wie in einem billigen Fumanchu-Film der 30er Jahre. Opfer und betroffene Familien bleiben genauso anonym wie die Erzähler – aus Angst, wie es heißt. Fazit des Autors: »Diese Berichte können zwar nicht bewiesen werden …« (S.48).

Lauter Muslimfresser?

Mit der wörtlichen Wiedergabe so vieler letztlich privater Meinungen leistet das Buch den Christen im Orient keinen guten Dienst. Da ist die armenische Dame in Teheran, die Muslime schmutzig findet, dort der Priester in Täbriz, der das Friedensgebot des Neuen Testaments einfach abstreitet und stolz seine Pistole herzeigt. Ein Geistlicher in Erbil hat gar schon einen Menschen erschossen, der erwähnte Pater Jean erzählt von einem muslimischen Dorfvorsteher, der die Überlegenheit des Christentums anerkannt habe, und die Leiter einer 40köpfigen (!) evangelikalen Gruppe in Antakya erklären gleich auch noch Katholiken und Orthodoxe zu Ungläubigen (S.40, 88-89, 94).

Ein herzlich unsympathisches Völkchen von Muslimfressern und Sektierern also? Mit der Ausnahme vieler syrischer, irakischer und palästinensischer Christen allerdings, die die Dinge sehr viel differenzierter sehen und wissen, dass Terrorismus allen Menschen schadet. Egal, von wem er kommt.
Es versteht sich fast von selbst, dass Milluzzi das Weltbild seiner Gesprächspartner komplett übernimmt: Konflikte im Nahen Osten sind Religionskonflikte, Wirtschaft und Politik finden nicht statt. Und gar ein Gespräch mit den muslimischen Nachbarn – nicht dran zu denken.

Auf der Jagd nach einer Fiktion

Leider retten die Fotografien Dorigos hier nichts mehr. Einige ihrer Bilder sind nur verschwommene Schwarz-Weiß-Flecken, mehrere andere sind deutlich unscharf, ungeschickt in nächtlichen Straßen oder düsteren Innenräumen aufgenommen. Grundsätzlich wird man fragen müssen, ob sich Schwarz-Weiß für eine Region eignet, in der der lange Sommer die Farben ohnehin fast auslöscht. Leider ist der Fotografin nicht gegeben, ihre Bilder durch Blickwinkel und Konzeption visuell derartig aufzuladen, dass sie autonome Beiträge zum Thema liefern könnten. Dafür gibt es vieles Konventionelles zu sehen, Landschaft, Wohngebäude, Schülerinnen in Uniform.

Ein kurioser Effekt tritt hinzu. Nur etwa ein Drittel der Bilder (25-28 Tafeln) stellt unverkennbar Christen dar, identifizierbar an Kreuzen, Heiligenbildern, Kerzen oder liturgischen Trachten. Dies und der Verzicht auf Fotografien großer christlicher Bauwerke (selbst von im Text erwähnten) ebnet die Dargestellten ungewollt ein. Die Christen, die im Text so vehement auf ihr Anderssein und sogar ihre Überlegenheit pochen, erscheinen plötzlich als ganz gewöhnliche Menschen des Nahen Ostens.

Letztlich sind Dorigo und Milluzzi auf der Jagd nach einer sehr europäischen Fiktion gescheitert. DIE orientalischen Christen gibt es ebenso wenig wie DIE Muslime. Um aber acht verschiedenen Staaten und weit über zehn Konfessionen, alle mit anderer Struktur, Politik, Geschichte und Gegenwart, gerecht zu werden, bräuchte es nicht zweieinhalb Jahre, sondern zweieinhalb Leben. Und eine wesentlich solidere Vorbildung.

| PETER BLASTENBREI

Titelangaben
Linda Dorigo/ Andrea Milluzzi: Bedrohtes Refugium. Christliche Minderheiten im Nahen Osten
(Rifugio) – Deutsch von Beate Simeone-Beelitz.
Bern: Till Schaap Edition, 2015
182 Seiten 39,80 Euro

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