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Kreativität und Phantasie

Gesellschaft | Franco Berardi, Der Aufstand. Über Poesie und Finanzwirtschaft

Es handelt sich, vorweg, um eine Publikation, die auf den ersten Blick verwirren mag, und dies möglicherweise nur deshalb, weil der brave deutsche Leser Ordnung und Struktur voraussetzt und phantasievolle Themen-, gar unerwartete Stilwechsel ihm peinigendes Zahnweh bereiten. Allerdings wissen wir das nicht. Von WOLF SENFF

AufstandAußerdem entsteht der Eindruck, dass dieser Band vom Verlag eilig zusammengestellt wurde, er stammt von 2012 und ist mit einer Einleitung von 2014 versehen. Doch uns soll das nicht anfechten, der Band hält hochintelligente Gedanken bereit, die schon allein das Lesen lohnen.

Bedeutung war gestern

Für Berardi liefert die moderne Kunst eine Vorwegnahme der Verselbstständigung des Finanzkapitals; »der Symbolismus arbeitete an der Dereferentialisierung der Sprache, also an der Emanzipation des linguistischen Zeichens vom Referenten«, das Wort und die Bedeutungen begannen »ihre eigene Welt zu gestalten, anstatt weiterhin lediglich die existierende Realität zu reflektieren oder zu reproduzieren«. Auch für die impressionistischen Maler galt: »Ich will nicht den Gegenstand zeigen, ich will zeigen, wie er auf mich wirkt«.

In ähnlicher Weise diagnostiziert er einen Bedeutungsverlust der Ereignisse. Man muss sich diese Worte auf der Zunge zergehen lassen. Die. Dinge. Haben. Ihre. Bedeutung. Verloren. Die Dimension der Bedeutung ist komplett egal, sie erreicht uns nicht mehr.

Emotionalität und Sinnlichkeit

Fukushima? Real habe sich, so Berardi, nichts verändert, »das Leben geht wie selbstverständlich weiter«. Die Deepwater-Horizon-Katastrophe im Golf von Mexiko? Sie hat »die Macht von BP sogar noch konsolidiert«. Hat der Finanzkollaps vom September 2008 Veränderungen herbeigeführt? Fehlanzeige. Die griechische Krise von 2010? Im Gegenteil, die Austeritätspolitik sei »nur noch unerbittlicher« geworden, und nichts anderes geschieht derzeit nach der erneuten Krise 2015.

Die Erklärung liege vor allem darin, dass »der semio-kapitalistische Produktionskreislauf sich die Sprache einverleibt«, und zwar mit der weitreichenden Konsequenz, dass die Sprache ihre affektiven Potenzen verliere, das Wort werde »automatisiert«, den Erfordernissen der algorithmischen Prozesse untergeordnet. Die große Aufgabe der Poesie sieht Berardi folglich in der »Wiederbelebung des emotionalen Körpers« der Worte, denn sie zeuge »auf sinnliche Weise Bedeutung«.

Gestörter Weltbezug

Die Dereferentialisierung ist für Berardi das zentrale Moment von Kultur und Politik des Zwanzigsten Jahrhunderts, sie zeige sich etwa auch in der Ablösung des Dollars von seiner Goldpreisbindung durch Nixon in 1972, eine Entscheidung, »dass sein Wert von nun an nicht mehr durch sein Verhältnis zu einem Standard oder zu einem ökonomischen Referenten bestimmt werde, sondern durch einen Sprachakt«, Garant einer Politik »der Omnipotenz ökonomischer Macht, die den neoliberalen Monetarismus begründete«.

Diese monetaristische Perspektive auf Ökonomie und Gesellschaft habe mit der vielschichtigen Beschaffenheit des Lebens nichts zu tun, sie sei eine »kalte Form des Totalitarismus« und arbeite »an der schlimmstmöglichen Entwicklung Europas«, und den Aufstand der Europäer gegen diese Zustände prognostiziert er als einen »Aufstand der Langsamkeit, des Rückzugs und der Erschöpfung«, und zwar auch deshalb, weil er aufgrund der reduzierten und tendenziell destruierten Beziehung zwischen Signifikant und Signifikat die affektive Beziehung zur Welt als gestört ansieht, wir zeigten es am Beispiel von Fukushima, Deepwater Horizon und anderen netten Katastrophen, sie werde funktional, operational und prekär.

Wir seelischen Krüppel

Berardi arbeitet diesen gedanklichen Ansatz weiter aus. Denn generell komme darin das Phänomen der »Einführung des Elektronischen in das Organische« zum Ausdruck, »die Proliferation künstlicher Geräte innerhalb des organischen Universums, im Körper, in der Kommunikation und in der Gesellschaft«.

Der bewusste Organismus sehe sich gezwungen, sich »an eine Umgebung anzupassen, die in einer Veränderung begriffen ist«, er sei zu einer qualvollen »Mutation« gezwungen und reagiere mit »Dyslexie, Furcht und Apathie, Panik und Depression«. Das sind die Stichworte, in denen wir die gegenwärtige seelische Situation der industrialisierten Gesellschaften wiedererkennen.

Reduktion menschlicher Identität

Denn seelische Sensibilität, so weitet Berardi den Gedanken weiterhin aus, werde in den neuen Kontexten »vollkommen nutzlos und sogar gefährlich«; sie »verlangsamt die Interpretationsabläufe, macht die Dekodifizierung aleatorisch, zweideutig und unsicher«. Oder anders, auf ein verständlicheres Niveau heruntergebrochen, fordert die Digitalisierung eine wesentliche Reduzierung des Menschen an sich, und bereits jetzt sei eine »Disharmonisierung der gesellschaftlichen Kommunikation« diagnostizierbar, unsere »Fähigkeit, Mitgefühl zu empfinden«, gehe verloren bzw. sei in vielen Bereichen ausgemerzt.

»Die Emanzipation des Zeichens von seiner referenziellen Funktion kann als grundsätzliche Entwicklung der Spätmoderne gelten, als vorherrschende Tendenz in der Literatur und Kunst, in den Wissenschaften und in der Politik«, und die Emanzipation des Geldes von der industriellen Produktion von Gegenständen folge »derselben semiotischen Entwicklungslinie«. Dieser Ansatz ist überaus scharfsinnig, er ordnet der Sprache wieder jenen Rang zu, der ihr zukommt und der zuallererst dort in Vergessenheit geriet, wo vorwiegend gerechnet wird und Sprache dem Mitteilen von Aktienkursen dient.

Emanzipation 2.0 mittels Poesie

Sprache sei ein Phänomen, das über den ökonomischen Tausch weit hinausgehe. »Die Poesie ist die Sprache der Nichtaustauschbarkeit, die Rückkehr der unendlichen Hermeneutik und die Rückkehr des sinnlichen Körpers der Sprache«, gewissermaßen eine »versteckte Ressource«, die »Poesie ist in der Sprache das, was nicht auf Informationen reduziert werden kann, was nicht austauschbar ist und dennoch einem ganz neuen, gemeinsamen Raum des Verstehens und einer Bedeutung Platz macht, die alle begreifen«.

Die Sprache, da sie »den technischen Automatismen des Finanzkapitalismus entkommt«, werde es möglich machen, dass sich eine neue Qualität des Lebens herausbilde.

Für Franco Berardi ist 2011 das erste Jahr eines lang anhaltenden europäischen Aufstands, beginnend im Dezember 2010 in London, Athen, Rom, von Mai bis Juni 2011 während der spanischen acampada, in Protesten vom August 2011 in englischen Vororten. Auch wenn, wie Sie sehen, das Geschehen nicht bis heute erfasst ist, zeugt Berardis Darstellung von einer Kreativität und einer Phantasie, die ihresgleichen suchen. Man muss sich diese Pralinen allerdings aufmerksam herauspicken. Ein lesenswertes Buch.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Franco ›Bifo‹ Berardi, Der Aufstand. Über Poesie und Finanzwirtschaft
(The Uprising. On Poetry and Finance, Los Angeles 2012, übersetzt von Kevin Vennemann)
Berlin: Matthes & Seitz, 2015
187 Seiten, 22,90 Euro

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