Die Verantwortung des Historikers

Gesellschaft | Shlomo Sand: Die Erfindung des Landes Israel. Mythos und Wahrheit

Der Titel des Buches wird manchen Leser, manche Leserin irritieren. Kann man ein Land erfinden? Noch dazu eines, von dem doch anscheinend alle wissen, wo es liegt und wie es aussieht? Shlomo Sand, Historiker an der Universität Tel Aviv und bekannt für seine umstrittenen Themen, zeigt in Die Erfindung des Landes Israel, dass es hier einiges zurecht zu rücken gilt. Und dass dieses Land wirklich erfunden wurde – zum Schaden für alle Beteiligten. Von PETER BLASTENBREI

IsraelDas Land Israel ist nach der gängigen Auffassung die alte Heimat der Juden, das Reich Davids und Salomos, und seit Jahrtausenden das Objekt unstillbarer Sehnsucht aller Juden, einer Sehnsucht, die erst der Zionismus erfüllte. Aber kann das sein, wo doch dieser Ausdruck nirgends in der hebräischen Bibel auftaucht? (Dort heißt das von Gott verheißene Land Kna’an und später Judäa.) Sand erinnert sich an seine eigene frühe Skepsis gegenüber dieser Vorstellung. Als er im Juni 1967 als junger Soldat die jordanische Grenze überschritt, fühlte er sich im Ausland, seine Kameraden immer noch im Land Israel. Nicht anders der General, der nur Tage nach Kriegsende vor den Soldaten die Berge jenseits des Jordan auch gleich für das Land Israel reklamierte.

Und eben das ist es: dieses Eretz Israel, wie es hebräisch heißt, ist nicht identisch mit dem Staat Israel (Medinat Israel) und nicht mit dem historischen Palästina. Es ist überhaupt kein Territorium, sondern ein politischer Kampfbegriff, der den ausschließlichen Besitzanspruch auf ein nahöstliches Herrschaftsgebiet markiert, mit Palästina als Kern, aber ohne definierte Grenzen. Um die Entstehung dieses Begriffs zu klären, beleuchtet der Autor umfassend die historischen Aspekte der Bindung der Juden an das Land und besonders Jerusalem, aber auch generell das Aufkommen individueller Bindungen an Territorien (statt an Dynastien) und die Entstehung des Konzeptes der Nation.

Nationalismus gegen Judentum

Die Rabbiner, die den Talmud schufen und damit dem Judentum für fast zweitausend Jahre seine Gestalt gaben, traten nicht für eine Sammlung der Juden im »Land Israel« ein, ganz im Gegenteil. Diaspora wurde theologisch nicht als Exil aus einem konkreten Landstrich verstanden, sondern als Entfernung und Entfremdung von Gott und seinen Geboten, die die jüdische Katastrophe des Jahres 70 herbeigeführt hatte. Erlösung der Juden konnte nur von Gott kommen, nicht von Menschen. Der Versuch, das Kommen des Erlösers durch Masseneinwanderung ins Heilige Land zu beschleunigen, also Gott quasi unter Druck zu setzen, war als Sünde streng verboten.

Aber auch die Gelehrten der jüdischen Reformzeit wie Moses Mendelssohn dachten nicht an Auswanderung oder Staatsgründung irgendwo in der Ferne. Schließlich sollten die Juden jetzt ihre Chance nutzen und ihren Platz in der Gesellschaft suchen. Sand vermutet die Ursprünge der Umdeutung der jüdischen heiligen Schrift zum politisch relevanten Geschichtsbuch im siegreichen britischen Puritanismus der Cromwell-Zeit – der erste Plan einer Rückführung der Juden stammt von 1649. Bis ins 19. Jahrhundert verschmolz dieser christliche Philosemitismus dann nahtlos mit den Interessen des britischen Imperialismus. Shaftesbury, Palmerston und Disraeli, die Schöpfer des Empire, waren lange vor Herzls Geburt überzeugte Zionisten.

Mit Theodor Herzl erfasste die Säkularisierung und Politisierung der Bibel das Judentum. Bezeichnenderweise wirkte der neue nationalistische Mythos fast ausschließlich auf die nur noch halbwegs religiös gebildeten Juden Mitteleuropas, während die gläubigen Juden Osteuropas den Zionismus weiter scharf ablehnten. In der einmal gefundenen Form ist dieser politische Mythos zur Staatsideologie Israels geworden. Die Bibel wird hier als verlässliches Geschichtsbuch und als politische Handlungsanleitung gelesen. Der überhitzte Nationalismus der Herzl-Zeit dient noch immer als Schlüssel zu imaginierten Urzeiten des Judentums.

Triumph des Mythos

So, ohne exegetischen Filter gelesen, ergeben die alten Texte keine »Geschichte der Juden mit Gott« mehr, sondern einen Dauerkampf um den Heimatboden einer angeblich seit Jahrtausenden existierenden Nation, eben das »Land Israel«. Nicht zufällig war ausgerechnet das unhistorische Buch Josua mit seiner Kette von Massakern und Zerstörungen die Lieblingslektüre des Staatsgründers Ben Gurion.

Shlomo Sands neues Buch darf ebensowenig wie Die Erfindung des jüdischen Volkes (2010) als Provokation verstanden werden. Der Autor hat auch dieses Buch mit großem Ernst und hohem wissenschaftlichen Verantwortungsgefühl geschrieben. Eben darum beschreibt er im Schlusskapitel Geschichte und Untergang des großen palästinensischen Dorfes Scheich Muwannis, das nach der israelischen Eroberung wie mehrere Hundert palästinensische Orte dem Land Israel-Mythos geopfert wurde. Wo Scheich Muwannis stand, steht heute die Universität Tel Aviv, Sands Arbeitsplatz. So muss Geschichte sein, ehrlich, auch dort, wo es schmerzt.

Sands Erfindung des Landes Israel ist die notwendige Ergänzung zur Erfindung des jüdischen Volkes. Wurde dort die ideologische Konstruktion eines seit Abraham und Moses identischen jüdischen Volkes widerlegt, fällt hier die zweite Säule des Zionismus. Wie immer bei Sand ist dies mit einer frappierenden Kenntnis jüdischer und außerjüdischer Quellen belegt und wie immer bei ihm paart sich diese Sachkenntnis mit einer klaren, konzentrierten und übersichtlichen Darstellung. Ein besonderes Lob gebührt der Übersetzung (ohne englischsprachigen Umweg direkt aus dem Hebräischen!).

| PETER PLASTENBREI

Titelangaben
Shlomo Sand: Die Erfindung des Landes Israel. Mythos und Wahrheit
(Mataj ve’ech humtzea Eretz Israel?)
Deutsch von Markus Lemke
Berlin: Propyläen 2012
416 Seiten, 22,90 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

In Schweizer Hinterzimmern

Nächster Artikel

Gedanken eines Verzweifelten

Weitere Artikel der Kategorie »Gesellschaft«

Rufer in der Wüste

Michael Schulte- Markwort: Burnout-Kids. Wie das Prinzip Leistung unsere Kinder überfordert Michael Schulte-Markwort entwirft mit ›Burnout-Kids. Wie das Prinzip Leistung unsere Kinder überfordert‹ ein düsteres Szenario. Kinder und Jugendliche, die Leistungsträger der künftigen Gesellschaft, sind ausgebrannt und lebensuntüchtig. Überforderung, Leistungsdruck und Zukunftsängste quälen Teenager. Sturm und Drang mutiert zu Überanpassung. Doch VIOLA STOCKER findet, dass die Eltern hilflos zurückgelassen werden. Was tun?

Israel: Eine Erfolgsgeschichte?

Gesellschaft | Ari Shavit: Mein gelobtes Land. Triumph und Tragödie Israels Unsicherheit ist das prägende Gefühl im Israel der heutigen Zeit. Das Land, das als jüdische Insel im islamisch-geprägten Nahen Ostens liegt, sieht sich mit externen, aber auch internen Bedrohungen konfrontiert. Wie es in Zukunft um die Sicherheit des Staates steht, bleibt offen. Um zu ergründen, warum sich sein Heimatland aktuell in einem Zustand der Ungewissheit befindet, hat der Journalist Ari Shavit eine Zeitreise angetreten und den Weg hin zum heutigen Israel nachgezeichnet. Von STEFFEN FRIESE

Weltverbessern aus dem Stand

Gesellschaft | Susanne Garsoffsky, Britta Sembach: Die ›Alles ist möglich‹-Lüge Das Leben könnte so schön sein, wenn … Das ist der klassische Seufzer derjenigen, die, von plötzlichen Befindlichkeitsstörungen angefallen, für einen Moment die real existierenden Bedingungen des real existierenden Alltags betrachten und vor lauter Schreck beschließen, die Welt zu verbessern. Aus dem Stand. Weil sich sonst nichts ändert. Darauf hat die Welt gewartet. Gut, dass sie einiges gewöhnt ist, die Welt. Von MAGALI HEISSLER

Demütigungen, Kränkungen und Ungerechtigkeiten!

Sachbuch | Petra Köpping: Integriert doch erst mal uns

Ohne die Worte »Wendeverlierer« und »Treuhand« lässt sich die Deutsche Wiedervereinigung laut Petra Köpping nicht beschreiben. Denn für die sächsische Integrationsministerin stehen die beiden Begriffe symptomatisch für die Umwälzungen der Nachwendezeit, insbesondere im Osten der Republik. In ihrem Sachbuch ›Integriert doch erst mal uns!‹ schlägt die SPD-Politikerin einen großen Bogen von der friedlichen Revolution, den folgenden runden Tischen, über die Ernüchterung, Arbeitslosigkeit und Abwanderung bis in die heutigen Tage zu Pegida und AfD. Auf fast 200 Seiten stellt Köpping dar, aus welchen Gründen im Osten Deutschlands die Wende als Kränkung wahrgenommen wird und welche Auswirkungen dies hat. Von BASTIAN BUCHTALECK

›Ethische Austerität‹

Gesellschaft | Florian Schui: Austerität. Politik der Sparsamkeit Die Lektüre hebt uns heraus aus der Hektik der Gegenwart, denn, Florian Schui folgend, sei es keineswegs das erste Mal, dass leidenschaftlich um eine ›Politik der Sparsamkeit‹ gerungen werde. Sparsamkeit sei auch emotional tief in uns verankert, sie beginne bei der Aufforderung der Eltern, einen Keks zur Zeit zu nehmen und nicht alle aufzuessen; auch diese Haltung begründe die zeitlose Anziehungskraft von Austeritätsargumenten, die im Übrigen seit zweieinhalb Jahrtausenden in der einen oder anderen Ausprägung die Debatten gestaltet hätten. Von WOLF SENFF