/

No net hudla!

Kulturbuch | Adrienne Braun: Mittendrin und außen vor: Stuttgarts stille Ecken

S21, öde Stadtautobahnen und überdimensionierte Shopping-Malls – die schwäbische Hauptstadt glänzt nicht unbedingt als Paradies der Kontemplation. Doch in ›Mittendrin und außen vor‹ blickt Adrienne Braun durch die Brille einer Kolumnistin auf ›Stuttgarts stille Ecken‹. Ja, die gibt es tatsächlich! Von INGEBORG JAISER
 
StuttgartStuttgart, »die Hauptstadt der Staus und Großbaustellen«, ist nicht gerade ein Hort der Ruhe. Ständig wird gebohrt, gebaggert und gebaut, es fiept und piept allerorten, die Menschen hasten, hetzen, hyperventilieren. Selbst vermeintliche Erholungsorte wie der Zoo ›Wilhelma‹ oder das Waldgebiet um die Bärenseen werden von Heerscharen an Ausflüglern und lärmenden Großfamilien heimgesucht. Wohin mit sich, wenn die Nerven blank liegen und der Tinnitus quält?
 
Refugien und Ruhetempel
 
Adrienne Braun will sich nicht nur aufs Jammern verlegen. Genüsslich flanierend und messerscharf beobachtend, wie einst Franz Hessel oder Walter Benjamin, fasst die Journalistin und Kolumnistin ihre abseitigen Streifzüge durch die schwäbische Metropole zusammen, stellt beschauliche Orte und überraschende Rückzugsgebiete vor – ob mitten im Kessel oder oben auf der Höhe. ›Mittendrin und außen vor: Stuttgarts stille Ecken‹ präsentiert über zwei Dutzend amüsante Miniatur-Reportagen über versteckte Refugien und ungeahnte Ruhetempel. Hervorragend recherchiert, dabei – wie en passant – im launigen Plauderton erzählt.
 
Durch vier Sektionen wird der Ruhesuchende gelenkt: vom erdennahen »Grüngut« über spritzige »Höhenluft« und nachdenklicher »Spurensuche« zu profanen »Alltagsfreuden«. Wir ringen der großen Architektur manch stillen Winkel ab (auf der Dachterrasse von Le Corbusiers Doppelhaus oder dem weiten Galeriesaal der neuen Stadtbibliothek). Finden ein Fleckchen Frieden inmitten des Großstadtrummels (im Leibfried’schen Garten am Pragsattel oder vor Marmorengeln im Hoppenlaufriedhof). Entdecken Stuttgart gar als Hafenstadt (»Nur 52 Stunden – dann wäre man in Rotterdam oder Antwerpen«) oder als heimliches Haushaltswarenparadies (»Eierteiler und Eierstückler« bei Tritschler). Und wer die Kinderwagenkolonnen in der ›Wilhelma‹ satt hat, darf im Naturerfahrungsraum Klüpfelstraße ruhig mal wieder das innere Kind in sich rauslassen. Oder auf dem Vaihinger Universitäts-Campus völlig stressfrei und sinnentleert auf der »Schüssel« abhängen, die sich als ungewöhnliche Kunstinstallation entpuppt.
 
Völlig losgelöst
 
Eines jedoch sollte man wissen: ›Mittendrin und außen vor‹ ist kein Reise- oder Wanderführer! Vergeblich sucht man nach Adressen und Kontaktdaten, Kartenmaterial oder gar GPS-Koordinaten. Die Oasen der Ruhe sind nur vage lokalisiert. Leibfried’scher Garten? Nicht einmal das Stuttgarter Tourismusbüro scheint den Ort zu kennen, der keine navigationstaugliche Adresse besitzt, auf Stadtplänen meist nicht vermerkt und selbst auf offiziellen Karten im Internet mitunter an der völlig falschen Stelle eingezeichnet ist. Heslacher Wasserfälle? Trotz unwissender Passanten und Tankstellenbesitzer hat man sich halt mal hinter dem ehemaligen Wildparkstüble links in den Wald zu schlagen …
 
Doch ›Stuttgarts stille Ecken‹ sind keine Phantome. Jeder sollte sie eben für sich selbst finden. Möglicherweise liegen sie vor der eigenen Haustüre. Oder im eigenen Garten. Wie es Adrienne Braun in ihrem letzten Kapitel (›Schneckenjagd und Schule fürs Leben‹) nahelegt. Da kann die schwäbische Betriebsamkeit ruhig mal demütiger Bescheidenheit Platz machen.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Adrienne Braun: Mitten drin und außen vor: Stuttgarts stille Ecken
Konstanz: Südverlag 2014
192 Seiten. 19 Euro
| Leseprobe

1 Comment

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Auschwitz als romanzo-verità

Nächster Artikel

Bilder aus einem fernen Land

Neu in »Kulturbuch«

Für immer geschlossen

Kulturbuch | 169 Jahre Grotemeyer

Ich habe zunächst überlegt, ob das Buch, das ich vorstellen möchte, nicht zu regional ist, aber: Manchmal liegt im Regionalen ja auch die ganze Welt. Das Kaffeehaus Grotemeyer in Münster, das nach 169 Jahren für immer nun geschlossen bleibt, es steht in der Tradition der alten Kaffeehäuser, die man schnell mit den österreichischen Originalen in Verbindung bringt, es gibt sie aber auch hier, oder besser, es gab sie. Da kommt – so meint BARBARA WEGMANN – schon etwas Melancholie auf.

Abfahrt Leben, Gleis 1

Kulturbuch | Juliane Zimmermann: Der Teufel steckt im ICE Sie tragen schmucke dunkelblaue Uniformen mit roten Farbakzenten, kennen fast jeden Bahnhof in Deutschland (wenngleich eher selten alle Städte dahinter) und sind geschult im Krisenmanagement: die Zugbegleiter der Deutschen Bahn. Juliane Zimmermann ist eine davon. Was sie während ihrer Fahrten alles erlebt hat, hat sie in einem Buch veröffentlicht. INGEBORG JAISER über das Leben auf der Schiene. PDF erstellen

Kein deutsches Wintermärchen

Gesellschaft | Jan Weiler: In meinem kleinen Land Nach dem Überraschungserfolg seines Debüt-Romans ›Maria, ihm schmeckt’s nicht‹ hatte Jan Weiler ausreichend Gelegenheit, seine Heimat auf Lesereisen zu erkunden – bis in die tiefste Provinz hinein. Dabei blieb ihm nichts erspart: übereifrige Buchhändlerinnen, trostlose Hotels und winterliche Bahnsteige. All diesen Unwägbarkeiten zum Trotz kommen seine Aufzeichnungen witzig und warmherzig daher. Von INGEBORG JAISER PDF erstellen

Einsamer Insel-Erzähler

Kulturbuch | Lucien Deprijck: Die Inseln, auf denen ich strande Schiffbrüche sind uralter Stoff, den Menschen sich vermutlich erzählen, seit sie sich wieder aufs Wasser getraut haben, aus dem sie sich Millionen Jahre vorher herausmutiert hatten. Lockende Ferne, unvorstellbare Gefahren, exotisch-erotische Abenteuer, Überleben bei unsicherem Ausgang… Auch spätere Schriftsteller haben den Raum aus Weltkenntnis und Phantasie immer wieder genutzt, für wohlig-schauriges Entertainment ebenso wie für bissige Zeitkommentare. Eine neue, ganz eigene Spielart des Themas bieten die von Christian Schneider illustrierten und von Lucien Deprijck erzählten Inseln, auf denen ich strande. Von PIEKE BIERMANN PDF erstellen

Amerikanische Ängste

Kulturbuch | Stephen T. Asma: Monster, Mörder und Mutanten Ein Buch, das uns die Herkunft unserer kulturellen Alpträume in Form von Drachen, Werwölfen oder Vampiren erläutert, verspricht der Klappentext über Stephen Asmas Werk Monster, Mörder und Mutanten. Eine Geschichte unserer schönsten Alpträume. JÖRG FUCHS freut sich auf eine schaurig-schöne Kulturgeschichte der Drachen, Vampire und Werwölfe. PDF erstellen