Der Held ohne Eigenschaften

Comic | J. Zentner (Szenario), R. Pellejero (Zeichnungen): Dieter Lumpen – Gesamtausgabe

Dieter Lumpen, ein deutschstämmiger Weltenbummler aus der Feder des argentinischen Comicautoren Jorge Zentner und des spanischen Zeichners Rubén Pellejero, ist ein Kind von Corto Maltese, Rick Blaine und Tintin: Eine Projektionsfläche für melancholische Abenteuergeschichten rund um den Globus. Der Finix-Verlag hat die komplette Comicreihe aus den 80er Jahren in einer dicken Gesamtausgabe vorgelegt. BORIS KUNZ hat sie gelesen.

dieter_lumpen_gaFinix-Comics ist eine Ausnahmeerscheinung im Verlagswesen, wie sie wohl nur im Medium Comic möglich ist: Der Verlag wird auf ehrenamtlicher Basis von einem Verein von Comicfans betrieben, die der Frust darüber eint, dass große Verlage oftmals interessante Comicreihen in Deutschland nicht zu Ende publizieren, wenn die Auflage zu sehr sinkt. Da Finix dank der Vorfinanzierung durch Mitgliedsbeiträge ein gewisser Absatz sicher ist, kann der Verein es sich leisten, Bände einzukaufen, zu übersetzen und in den Vertrieb zu schicken, deren Auflagenstärke für einen größeren Verlag nicht mehr interessant wäre.
Dieses Geschäftsprinzip läuft so erfolgreich, dass der Verlag mittlerweile nicht mehr nur Fortsetzungen, sondern eigene Reihen an den Start bringt – wie etwa die auf über zehn Bände angelegte Steampunk-Reihe ›Hauteville House‹. Andere Comicreihen erfahren ihre Würdigung bei Finix in aufwändigen Gesamtausgaben, wie sie in Frankreich gerade en Vogue sind. Zu diesen gehört auch Dieter Lumpen: Bei Carlsen sind drei Alben erschienen, die Gesamtausgabe vereint jetzt alle acht Kurzgeschichten und drei Alben zu einem dicken Hardcoverband mit einigem Bonusmaterial.

Von Ort zu Ort

Der Weltenbummler Dieter Lumpen lässt sich als hochgewachsene, meist elegante Erscheinung beschreiben – eine, die selbst im indischen Dschungel noch in Hut und Krawatte herumläuft, die Ärmel aufgekrempelt, lässig eine Zigarette in den Mundwinkel geklemmt, das markante Kinn leicht unrasiert, und so eine unheimlich gute Figur macht. Weitere Beschreibungen fallen schwer, denn je nachdem, in welche Sorte von Abenteuer Dieter meist unfreiwillig oder einer schönen Frau zuliebe hineinstolpert, kann er sich als abgebrühter Zyniker ebenso erweisen wie als hoffnungsloser Romantiker, als Mann von Ehre ebenso wie als ausgekochtes Schlitzohr. Dieter Lumpen erlebt keine Abenteuer: Er lässt sie mit sich geschehen, manchmal als passiver Beobachter, manchmal als Opfer der Umstände, oft mit eigener Agenda, selten aber mit eigener Mission. Sein Weg führt von Istanbul nach Haifa, von Ceylon nach Paris, aus dem brütend heißen Tunis ins trüb herbstliche Venedig.

Genauso wie der Autor Jorge Zentner sich von Land zu Land und von Genre zu Genre treiben lässt, gibt er auch seiner oszillierenden Hauptfigur genau die Eigenschaften, nach der die Geschichte (mal Spionageabenteuer, mal tragische Komödie, mal Gruselmärchen) gerade verlangt. So kann Dieter für den Wunsch einer hübschen Frau um die halbe Welt reisen, dann aber wieder völlig abgebrüht zur Waffe greifen um sich selbst einen finanziellen Vorteil zu verschaffen. Dieter ist eine Mischung aus einem Hard Boiled Antihelden und einem melancholischen Pfadfinder.

Das Album eröffnet mit acht Kurzgeschichten von jeweils 10 Seiten. Inhaltlich haben diese zuweilen ein ähnliches Problem wie die Comicreihe ›Narwal‹, zu deren Vorbildern Dieter Lumpen sicherlich gehören könnte: Für klassische Abenteuerplots sind die Geschichten recht kurz und oftmals genau dann vorbei, wenn sie gerade angefangen haben. Doch Zentner und Pellejero erweisen sich hier als große Könner: Die Zeichnungen lassen das Flair der jeweiligen Gegend mit sehr stimmungsintensiven Bildern schon auf wenigen Seiten aufblühen, der Autor kann auch über den Verlauf von nur wenigen Seiten gekonnt mit den Erwartungen des Lesers spielen.
Nachdem die Beiden sich mit der Eröffnung ›Der Dolch aus Istanbul‹, in der Dieter einem verlorenen Erbstück hinterherjagt, noch ein wenig warmgemacht haben, gelingt ihnen gleich in der zweiten Geschichte ›Spiel mit dem Tod‹ ein Meisterstück einer kurzen, knackigen und vor allem äußerst schwarzhumorigen Neo-Noir Geschichte: Lumpen soll seine Spielschulden damit begleichen, auf einer griechischen Insel einen Mann zu töten. Doch als die Fähre auf dem Weg dahin im Sturm kentert, rettet ausgerechnet der Sohn dieses Mannes Dieters Leben. Weil Spielschulden Ehrenschulden sind, steckt Dieter jetzt in einem sehr eigentümlichen moralischen Dilemma.

Von Welt zu Welt

Viele der Kurzgeschichten überraschen allerdings auch nicht durch wilde Schlusswendungen, sondern eher dadurch, wie Zentner sich dem verweigert, große Spannung durch außergewöhnliche Plots zu erzeugen, sondern sich eher von Stimmungen tragen lässt und die Stories dabei nur anreißt. Ein ähnliches Spiel wiederholt sich in den drei albenlangen Geschichten: In ›Gemeinsame Feinde‹‹ geht es noch ganz konkret um die Jagd nach einem gestohlenen Heißluftballon, doch schon in ›Karibik‹ ist die Schatzsuche nur eine angetäuschte Nebenhandlung, die völlig in Vergessenheit gerät, als eine anwesende Filmcrew Dieter vor die Entscheidung stellt, ob er lieber Hollywoodstar werden oder erfolgloser Hochseeangler bleiben möchte.

Auf eine gewisse Weise erinnert Zentners Erzählweise hier an den ›Tim & Struppi‹-Klassiker ›Die Juwelen der Sängerin‹: Es geht um verschiedene Figuren, die an einem Setting aufeinanderprallen, und nicht darum, wer nun eigentlich die Klunker gestohlen hat. ›Der Fahrpreis des Charon‹ vereint schließlich das Prinzip der Kurzgeschichten mit denen eines längeren Erzählbogens: Dieter wird auf einer menschenleeren Landstraße im Herzen der USA von einem Leichenwagen mitgenommen und erzählt unterwegs die Geschichte, die ihn an diesen Ort geführt hat, die von mehreren Geliebten in verschiedensten Orten der Welt handelt…

Zwei ausführlichere Interviews mit Autor und Zeichner im Anhang verraten Interessantes über die Hintergründe dieser eigenwilligen Dramaturgie und die Entstehungsweise der Alben: Ob diese nun in der Wüste, in der Karibik oder im verschneiten New York spielen, geht weniger auf den Autor zurück, sondern hat hauptsächlich damit zu tun, in welchem Setting Zeichner Rubén Pellejero sich ausprobieren wollte.

Dementsprechend stark ist auch die visuelle Ebene der Reihe, denn man merkt dem Zeichner die Lust an, sich mit dem jeweiligen Umfeld und Lokalkolorit zu beschäftigen. Pellejeros Strich ist detailverliebt und filigran und wirkt in den Gesten der Figuren manchmal so, als käme er locker aus der Hüfte. Doch die große Stärke des Spaniers liegt vor allem in der Bild- und Seitenkomposition – und in seinem Umgang mit Flächen, die er manchmal mit Details anfüllt, manchmal in der Schwärze versinken lässt, oder in denen er der sorgfältig ausgesuchten Farbe ihren Raum gibt. Auf den ersten Blick erinnern die Bilder natürlich an Hugo Pratts ›Corto Maltese‹, garniert mit einem Hauch von Tardi, vor allem in der Gestaltung schwarzhumoriger Nebenfiguren. In seinem wunderbaren Umgang mit Hell- und Dunkelflächen blickt man gleichzeitig auch schon auf einen Vorläufer von Mike Mignola (›Hellboy‹) oder Eduardo Risso (›100 Bullets‹).

Oftmals ist es nicht unbedingt ein gutes Zeichen für eine Comicreihe, wenn der Zeichner viel genauer als der Autor weiß, wo er eigentlich hin will. Doch dieses Reihe bildet eine positive Ausnahme: Die Kombination aus ungewöhnlichem Storytelling und hochklassigen Zeichnungen macht Dieter Lumpen zu einer spannenden und ergiebigen Lektüre für Comicfans.

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Jorge Zentner (Szenario), Rubén Pellejero (Zeichnungen): Dieter Lumpen – Gesamtausgabe (Dieter Lumpen – Edición Integral)
Aus dem Spanischen von Oriol Schreibweis
Hadamar: Finix Comics 2014
304 Seiten, 39,80 Euro

Reinschauen
| Homepage von Finix Comics
| Leseprobe bei Finix
| Über Jorge Zentner
| Argentinische Homepage von Jorge Zentner
| Über Rubén Pellejero

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