Fiktive Obduktion eines realen Verbrechens

Comic | Andre Parks / Chris Samnee: Capote In Kansas

 
Der bei ›Panini‹ erschienene Comic ›Capote in Kansas‹ leuchtet fiktiv, aber nah am Leben die Entstehungsgeschichte von Capotes gefeiertem Tatsachenroman ›Kaltblütig‹ aus. Dank Autor Andre Parks und Zeichner Chris Samnee hat CHRISTIAN NEUBERT mit dem Starautor eine Reise ins ländliche Kansas unternommen.
 
CAPOTEINKANSAS_Hardcover_8081959, Winter in New York: Truman Capote ist längst im Literaturbetrieb angekommen und inszeniert sich inmitten privilegierter Menschen als geistreicher Schnösel. Er steht vor einer Entscheidung: Für das Magazin The New Yorker könnte er über die Arbeit eines Dienstmädchens schreiben. Oder aber er reist nach Holcomb in Kansas, um für einen Tatsachenroman vor Ort zu recherchieren. Er entscheidet sich für Letzteres – mit dem Ergebnis, Jahre später sein Meisterwerk ›Kaltblütig‹ herauszubringen, dem der Mord an einer Familie zugrunde liegt und das eines der bedeutendsten Romane des letzten Jahrhunderts werden sollte.
 
›Capote In Kansas‹ richtet den Fokus auf die Recherchearbeit des Autors im Kleinstadt-Kosmos Holcomb: In Begleitung seiner Jugendfreundin Harper Lee, die ebenfalls als Autorin Karriere machen wird, reist er in dem Städtchen in West-Kansas an. Fehlplatzierter als der extrovertierte homosexuelle Capote könnte man an diesem Fleckchen Erde kaum sein, und der Autor denkt nicht daran, sein dandyhaftes Auftreten einer erfolgreichen Recherche unterzuordnen. Seine Befragungen gestalten sich entsprechend schwierig – zumal der Mehrfachmord an der Farmerfamilie Clutter wie ein traumatischer Schleier über den Einwohnern liegt.
 
Fakt und Fiktion in Schwarz und Weiß

Irgendwann reist Harper Lee ab, und Capote ist völlig auf sich alleine gestellt. Indem er aber seinen feinen Zwirn inklusive seiner Überheblichkeit ablegt, schafft er es, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen – und das der inhaftierten Mörder. Vor allem der sichtlich sensible Perry Edward Smith übt, obwohl nachgewiesen ein Schwerverbrecher, eine Faszination auf den Autor aus, die ihn mitfühlen lässt.
 
In seinem Tatsachenroman leuchtet Capote die vielschichtigen Nuancen innerhalb des Verbrechens aus: Die Welt lässt sich nun mal schwer in Schwarz und Weiß, in Täter und Opfer aufteilen. So spricht Capote in seinem ›wahrheitsgemäßen Bericht über einen mehrfachen Mord und seine Folgen‹ auch von einem »psychologischen Unfall«. Dies eingedenk, erstrahlen Samnees harte Schwarz-Weiß-Kontraste umso mehr in einem Licht, das dem Comic gut zu Gesicht steht: Die ruhige Inszenierung, die viel Wert auf Details und Dialoge legt, lässt unausgesprochene Wahrheiten aus den schwarz gefärbten Abgründen treten. Gerade die Schatten offenbaren hier viel, während das Licht das Offensichtliche gerne mal überblendet. Auch aus Rückblicken, die sich manchmal erst später erschließen, speist sich die Sogwirkung des Werks. Und indem Parks den Geist der ermordeten Nancy Clutter als Ansprechpartnerin Capotes auftreten lässt, unterstreicht er dessen innere Zerrissenheit.
 
Fiktiv, aber wahrhaftig

Klar geht dieser stimmungsvolle Mystery-Aspekt auf Kosten einer faktischen Nacherzählung. Dennoch geraten reale Hintergründe und nachvollziehbare Ermittlungsarbeiten nicht ins Hintertreffen: Auch wenn sich Parks und Samnee nicht zuallererst um eine authentische Nachzeichnung bemühen, scheinen sie nah an der damals in Holcomb wohl vorherrschenden Schockstarre dran zu sein. ›Capote In Kansas‹ erzählt vielleicht nicht gerade von historisch verbürgten Wahrheiten, aber doch viel Wahrhaftiges.
 
Bereits 2006 feierte der Comic seine Erstauflage in den USA. Im selben Jahr hat allerdings auch Hollywood das Thema in Beschlag genommen, weswegen er sich nicht aus dem Schatten der Filme ›Capote‹ und ›Infamous‹ erheben konnte. Vor allem ersterer war ein großer Erfolg, vorrangig aufgrund des großartigen Spiels Philip Seymour Hoffmans. Zugegebenermaßen erreicht ›Capote In Kansas‹ nicht die Intensität dieses Leinwandwerks. Ein fesselnder Comic in starker Optik ist er aber allemal. Auch sein umfangreicher Anhang inklusive Skizzen und Nachworte ist aufschlussreich.
 
| CHRISTIAN NEUBERT

Titelangaben
Andre Parks (Text) / Chris Samne (Zeichnungen): Capote In Kansas
Aus dem Amerikanischen von Monja Reichert
Stuttgart: Panini 2014
164 Seiten. 19,99 Euro.
 
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