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Komprimierte Figurenfolge, die nicht vollends überzeugt

Bühne | Dantons Tod (Theater Pforzheim)

›Dantons Tod‹, Georg Büchners 1835 entstandenes, aber erst 1912 uraufgeführtes Drama, ist ein Geschichtsdrama, das den sogenannten »Fatalismus der Geschichte« veranschaulicht. In der Pforzheimer Fassung konzentriert sich Schauspielchef Murat Yeginer dabei auf das Ende der Revolution, nach dem das Töten keineswegs vorbei ist. Von JENNIFER WARZECHA

THPF_DantonsTod_Bild1_PeterInfolgedessen ist die Figurenfolge gegenüber der Originalvorlage stark reduziert: Lediglich fünf der Hauptfiguren Georg Danton (Jörg Bruckschen), Camille Desmoulins (Mario Radosin), Robespierre (Mathias Reiter), St. Just (Jens Peter) und Julie (Christine Schaller) vollziehen die Handlung des von Büchner im Untertitel lediglich als ›Drama‹ bezeichneten Stückes. Weiterhin auffällig ist, dass Christine Schaller nicht nur Julie, die Gattin Dantons, verkörpert. Sie spricht und verkörpert auch Textstellen der Grisette Marion und derer der Lucile, der Gattin des Camille Desmoulins. Dies macht es dem Zuschauer in der verkürzten, eineinhalbstündigen Pforzheimer Bühnenfassung, im gut besuchten Theatersaal, stellenweise schwer, dem Geschehen folgen zu können.

Zu Beginn sind die fünf Schauspieler im schwarz ausgeschlagenen, nach hinten verjüngten Trichter-Kasten des Bühnenbildners Jürgen Höth, zu sehen. Sie stehen im Dunkel, teils an die Wand gelehnt, teils stützen sie sich ab oder knien auf der Bühne. Im Zeichen von Liebe und Tod, beides zentrale Motive in Büchners Werk, sind Danton (Jörg Bruckschen) und Julie (Christine Schaller) zu sehen. Er räkelt sich lasziv auf der Bühne. Sie schleicht sich an ihn heran. Er betatscht sie und wirkt erotisierend auf sie ein. Er spricht vom gewöhnlichen Bürger, der seine Frau schlage, und schlägt sie. Damit setzt er ein Zeichen für sein Verständnis für das Gebaren des Volkes – das insgesamt aber im Verlaufe des Stückes zu kurz kommt. Robespierre (Mathias Reiter) geht vorne an den Bühnenrand und schildert eindrücklich das Treiben der Revolution.

Dominanz der Frauenrolle, die trotzdem letztendlich nicht überzeugt

Christine Schaller als Julie dominiert trotz der Männerdominanz die (visuelle) Handlung des Stückes. Nicht nur, weil sie die Grisette Marion und alle in der Originalvorlage vorkommenden Frauenfiguren des Dramas verkörpert. Sie trägt auch einzelne politische Äußerungen der Männer vor. Nicht nur das: Sie ist es, die nicht nur die Männer, allen voran Danton, erotisiert und ihnen damit Leben einhaucht, sondern auch die, die sie beruhigt, wenn sie sich im Revolutionsgeschehen und der Reflexion darüber zu verlieren drohen. Beispielhaft dafür ist, wenn Danton ganz nach vorne zum Bühnenende hin geht, mit bewegter und lauter Stimme spricht, wirr geradeaus blickt, die Arme umher wirbelt, St. Just ihm beipflichtet und mit ernstem Blick zu beruhigen versucht. St. Just agiert dabei wie ein Kammerdiener, denn er suggeriert: »Er braucht jetzt seine Ruhe«, und erklärt dementsprechend die Sitzung für »beendet«. Alle Schauspieler heben das Stück in der Szene hervor und dominieren es mit erhobener Stimme dadurch, dass sie der Frage nachgehen, ob es einen Gott gibt: »Wenn nicht, ist die Welt aus sich heraus bestehend.«

In Wirklichkeit ist es aber vor allem Julie (Christine Schaller), die durch die Marionszene – im Original, in I, 5 – zugleich dominiert und das Publikum irritiert: Sie redet von Keuschheit und Tugend, ein weiteres zentrales Thema im Büchnerschen Drama. Ihre Gestik widerspricht dem zutiefst. Sie sitzt breitbeinig da und schildert die schon im Original nach Wortlaut beeindruckende Szene vom Meer und Liebesreigen. Sie erzählt von den Besuchen ihres Geliebten. Die männlichen Protagonisten lächeln dabei wissend und ironisierend – wie es einem Stück von Georg Büchner, das durch seine sprachliche Wortwahl schon beim Lesen durch Ironie und Sprachwitz beeindruckt, gebührt. Danton schmiegt sich an Marion bzw. Julie und umschlingt sie und spricht von Religion und Keuschheit. Sie beruhigt ihn hier.

Komprimiert, aber nicht suggeriert

THPF_DantonsTod_Bild4_Bruckschen_SchallerAber trotz der auch hier ersichtlichen motivgetreuen Abbildung kommt hier das Manko des Stückes zum Tragen: Die Frauenrolle überzeugt nur teilweise, da sie zu viele Kontexte und zu viele Szenen des Stückes, die die ganze Bandbreite des Büchnerschen Liebesbegriffes zeigen könnte, einfach weglässt. Auch das Volk, das im Geschichtsdrama nach Büchner eine große Rolle spielt, kommt zu kurz. Nur durch kurze musikalische Einlagen kommt es zu Wort. Schade für ein Stück bzw. ein Drama, mit dem Georg Büchner im Sinne des Geschichtsdramas zeigen wollte, wie die Lage des Volkes wirklich war und in der Aufführung immer noch sein sollte. Die wesentliche Wirkung des Stückes bleibt deshalb  als Konsequenz der Aufführung außen vor.

Fazit

Komprimierung und eine Dominanz der sprachlichen Wirkung und Inszenierung waren im Vergleich dieser Aufführung zum Original des Dramas und der vorliegenden Fülle an Figuren gut gemeint. Doch bleiben bei der dadurch resultierenden Vermischung der Rollen und Aussagen wesentliche Kernelemente des Stückes, wie die Rolle des Volkes oder der Frauenfiguren, dem Zuschauer verwehrt, der nicht Kenner des Stückes ist. Schade.

| JENNIFER WARZECHA / Fotos: Sabine Haymann

Ttitelangaben
Dantons Tod
Drama in vier Akten von Georg Büchner
Theater Pforzheim
Inszenierung: Murat Yeginer
Bühne und Kostüme: Jürgen Höth
Dramaturgie: Andreas Kahlert
Besetzung:
George Danton: Jörg Bruckschen
Camille Desmoulins: Mario Radosin
Robespierre: Mathias Reiter
St. Just: Jens Peter
Julie: Christine Schaller

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