Türen, nein,

Lite Ratur

Meine Erfahrung mit Türen ist gleich null. Daß ich mit der Tür ins Haus falle, kommt vor, so bin ich, darüber rede ich selten,
vor einigen Jahren hielt ich mich in Florenz auf, ich war von Genua aus mit der Bahn gefahren, bewunderte die gewaltige Kuppel Brunelleschis, ging kurz hinüber zum Baptisterium, auf dessen Türen ich im Vorübergehen kaum achtgab, nein, was ist denn eine Tür, eine Tür ist aus Glas, sie öffnet sich über eine Lichtschranke, erst Wochen später las ich über das kunstvolle Portal des Baptisteriums, betrachtete die Abbildungen, erinnerte mich. Von WOLF SENFF

Foto EmDee
Foto EmDee
Eine Tür, ein Portal gar, bedeute Übergang, las ich weiter, sie öffne sich am Anfang eines Weges oder man schließe sie am Ende der Wegstrecke hinter sich, na und, könnte man fragen, na wenn schon. Sie sei Inbegriff eines Wandels, las ich, man liest so viel heutzutage, das Öffnen gebe den Blick auf unbekannte Regionen frei, auf neue Horizonte, man schreite über eine Schwelle, ich las eine Erzählung über den Hüter der Tür, und außerdem heiße es: »Ich bin die Tür, so jemand durch mich eingehet, der wird selig werden.«
Nein so kompliziert hatte ich mir das Thema Türen nicht vorgestellt, bedeutungsschwangere Sätze zuhauf, ich stehe jetzt vor dem Südportal, bronzene Flächen mit Mosaikeinlagen, über den drei Portaltoren ein imponierendes Fenster, mit über zehntausend farbigen Quadraten als Mosaik ausgekleidet, unvorstellbar, es gab diverse Entwürfe, die farbliche Verteilung wurde mithilfe eines Computerprogramms geordnet, nein, auf keinen Fall werde ich den Dom betreten, ich bin einzig hergefahren wegen dieses Portals, man soll es nicht übertreiben, auch nicht wegen des Fensters, das 2007 eingeweiht wurde, ein andermal.
Ich saß drei Stunden in der Bahn, ich reise, wie Sie wissen, gern mit der Bahn. Die Portaltüren im südlichen Querhaus wurden von Ewald Mataré und Joseph Beuys, dessen Schüler, im Jahr 1948 restauriert, nein, es handelt sich nicht um das Hauptportal, nicht einmal das.
Sicher habe ich mir Fotografien angesehen, was denken Sie, aber eine Fotografie ist halt nichts als ein Bild, man soll Bildern aus dem Wege gehen, sie sind schal, sind abgestandenes Leben. Die vielen Leute, sie stören, was wollen sie alle hier, ausgerechnet hier, weshalb gehen sie nicht zum Haupteingang in der Nordseite.
Dauernd wird hier am Südportal einer der vier Eingänge geöffnet oder geschlossen, ich finde keine Ruhe, hinzusehen, man muss Ruhe haben, und abends herzukommen wäre sinnlos, abends ist es dunkel, und soll ich zurück denn einen Nachtzug buchen.
Verstehen Sie, man kann all das gar nicht verarbeiten, dazu der geschäftige Lärm, der Dom liegt ja mitten im Zentrum, wenige Schritte vom Bahnhof, ein Katzensprung nur.
Wie ist es möglich dass Bronze so leicht wirkt, so schwebend. Die vier zweiflügeligen Eingänge des Südportals sind jeder in mehrere Platten unterteilt, auf dem Tor rechts liegt die Schöpferhand Gottes, darunter der brennende Dornbusch, nein ich werde Ihnen das nicht alles aufschreiben, ich schreibe keine Romane, Sie können die Details selbst lesen, sie sind nicht wichtig, im Zweifel liegen Broschüren aus.
Sie sollten sich für den Kontrast öffnen zwischen den drei prunkvollen steinernen Bögen, gewaltigen Triumphbögen, mehrfach gestuft, und den so behutsam auf die Türen gesetzten Motiven, die brennende Stadt Köln auf einer Platte der Pfingsttür zur Linken, darüber das Motiv des himmlischen Jerusalem. Einzig auf den Kontrast geben Sie acht, auf diesen Unterschied zwischen Welten.
Auf den mittleren Türen das Motiv eines Hahns als Symbol der Wachsamkeit, eines Pelikans als Symbol der Liebe, nein man muss das nicht wissen, egal, es ist die expressive Gestaltung, die die Aufmerksamkeit anzieht, das behutsame Setzen der Motive, der leere Raum, den Ewald Mataré lässt wie die chinesische Berg-Wasser-Malerei, Shanshui, die ihre Tiefe mit der leeren weißen Fläche gewinnt. Der Künstler nimmt sich zurück, legt jeglichen Prunk zur Seite, habe ich Ihnen verständlich gemacht wie schwierig es ist, auf eine Tür zuzugehen.

 
| WOLF SENFF

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