/

Wendepunkte

Gesellschaft | Dan Diner: Rituelle Distanz. Israels deutsche Frage

Lange bevor die Bundesrepublik Deutschland und Israel 1965 diplomatische Beziehungen aufnahmen, öffnete das Luxemburger Abkommen von 1952 den Weg zu einer behutsamen Annäherung beider Staaten. Die Ereignisse sind längst ausführlich historisch beleuchtet worden, nicht wenige der Protagonisten haben ihre Erinnerungen veröffentlicht. Dan Diner, 1999-2014 Direktor der Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte in Leipzig, interessieren in ›Rituelle Distanz‹ allerdings gerade nicht die bekannten diplomatischen, politischen und wirtschaftlichen Aspekte. Von PETER BLASTENBREI

Rituelle Distanz von Dan DinerDiners Studie ist Teil eines größeren Forschungsprojektes, in dem es um die Ablösung traditioneller jüdischer Lebenswelten und Bewusstseinsstrukturen nach 1945 geht. Er identifiziert das Luxemburger Wiedergutmachungsabkommen, die erste organisierte Kontaktaufnahme zwischen Juden und Deutschen nach der Katastrophe des millionenfachen Mordes, zu Recht als einen der entscheidenden Wendepunkte im Bewusstseinswandel des Judentums in dieser Zeit.

Nach 1945 legte sich für Juden eine nahezu heilige Aura des Verbotenen um alles Deutsche. In Israel schloss das Tabu selbst die »guten Deutschen« ein, wie man damals anerkannte Vertreter des deutschen Humanismus (Goethe, Schiller usw.) im Gegensatz zu den nazistischen Schlächtern nannte. Der Autor widmet ein ganzes Kapitel dem quasireligiösen Charakter dieses Tabus und seinen langen historischen Wurzeln bis zurück zur alttestamentarischen Ächtung von Feindvölkern und dem rabbinischen Bann in Mittelalter und Neuzeit (cherem). Kontakte mit deutschen Politikern und Beamten, Deutsch als Verhandlungssprache, gar ein Händedruck bei Vertragsabschluss – das lag um 1950 außerhalb jeden Vorstellungsvermögens.

Wiedergutmachung wofür?

Und doch war es schließlich die israelische Regierung, die in ihrer finanziellen Notlage an Deutschland wegen Entschädigungen herantrat. Dass sich das in der herrschenden Atmosphäre nicht einfach pragmatisch begründen ließ, sondern nur mit Bezügen zu Bibel und rabbinischer Tradition, zeigte sich in der Knessetdebatte im Januar 1952, die den Verhandlungen vorausging. Die Regierung argumentierte hier mit der Geschichte von Nabots Weinberg im 1. Buch der Könige (»Der Mörder darf nicht Erbe seines Opfers werden«). Das unterstrich ihre Rechtsauffassung: künftige deutsche Leistungen waren keine Entschädigung für ermordete Juden – ein solches »Blutgeld« war undenkbar – sondern Äquivalent für geraubtes jüdisches Eigentum.

Die Opposition ging darauf nicht ein. Rabbi Mordechai Nurok verdammte jede deutsche Zahlung mit talmudischen Beispielen als schmutziges Geld, als Hurenlohn. Andere Kontaktgegner benutzten weltliche Argumente, so Menachem Begin die Geschichte der Pinsker Juden, die sich 1919 geweigert hatten, von der polnischen Regierung eine finanzielle Entschädigung für die Opfer eines Pogroms anzunehmen, solange die Schuldigen nicht bestraft waren – ein damals weit über Polen hinaus beachtetes Fanal. Der Linkszionist Adolf Berman bezog sich in seiner Ablehnung auf seine Erfahrungen als Untergrundkämpfer im Warschauer Getto, als er das gnadenlose Wüten der Deutschen hautnah erlebt hatte.

Die Verhandlungen kamen, wie man weiß, in Gang und führten zum erfolgreichen Abschluss. Doch wovor die Verhandlungsgegner gewarnt hatten, trat prompt ein: das Luxemburger Abkommen wurde zum ersten Schritt auf einem anfangs dornigen, dann immer bequemeren Weg zu guten, schließlich ganz hervorragenden Beziehungen auf allen Gebieten. Nicht einmal die Ächtung des Deutschen als Verhandlungssprache ließ sich in letzter Konsequenz durchhalten – ein Redner hatte in der Knesset vergeblich gefordert, nur Diplomaten ohne deutsche Sprachkenntnisse nach Luxemburg zu schicken.

Tabu und Staatsräson

An einem Punkt waren die Kontaktbefürworter auf Regierungsseite ihren Gegnern argumentativ haushoch überlegen. Sie nahmen für sich in Anspruch, für die neue israelische Staatlichkeit zu sprechen (die eben dringend Geld brauchte), während ihre Gegner ihre Ablehnung noch ganz aus dem Geist der jüdischen Diaspora herleiteten. Ein Bann, ein quasireligiöses Tabu gegen Feinde, das waren überholte Mittel einer vergangenen jüdischen Welt, Israel musste als Staat unter Staaten handeln.

All das war mehr als nur pragmatische Ad-Hoc-Argumentation. Es entsprach der jüdischen Wirklichkeit der Zeit, denn mit dem osteuropäischen Zentrum des Judentums waren zwischen 1939 und 1945 auch seine nichtzionistischen Lebensentwürfe untergegangen, vom religiös-orthodoxen über den assimilatorischen bis hin zum sozialrevolutionären. Nach 1945 fiel das jüdische Bewusstsein überall auf der Welt mit dem zionistischen Projekt zusammen, das vorher Sache einer Minderheit gewesen war.

Diner ist eine ebenso dichte wie stellenweise dramatische Darstellung gelungen (etwa in der einleitenden Beschreibung der ausgeklügelten »Choreografie« der Luxemburger Begegnung, die schließlich doch ihren Zweck verfehlte) und er hat mit den innerisraelischen Auseinandersetzungen um die Wiedergutmachungsverhandlungen ein besonders hervorstechendes Indiz für den jüdischen Bewusstseinswandel nach 1945 ans Licht geholt. Dabei analysiert er Argumente und Topoi bis in den semantischen Gehalt einzelner hebräischer Wörter hinein, zu Recht, denn so bewusst gingen auch die Redner von 1952 mit ihrer Sprache um.

Verfehlt wäre es aber, das Buch nur historisch zu lesen. Abgesehen von den politischen Weichenstellungen des Luxemburger Abkommens, von denen in den Jubiläumsfeiern zu 50 Jahren deutsch-israelischen Beziehungen noch genug zu hören sein wird, haben wir es hier mit fortwirkenden ideologischen Verwerfungen und Bewusstseinsprozessen zu tun. Nach 1945 legte sich der Zionismus in Form der israelischen Staatsräson dauerhaft über die bisherigen vielfältigen jüdischen Traditionen und Denkstrukturen, setzte sich an ihre Stelle und saugte sie auf. Nur Reminiszenzen lebten weiter, soweit sie mit der Staatsräson harmonisierbar waren – relevant sind sie schon lange nicht mehr. Das ist bis heute eines der ideologischen Grundprobleme Israels.

| PETER BLASTENBREI

Titelangaben
Dan Diner: Rituelle Distanz. Israels deutsche Frage
München: Deutsche Verlags-Anstalt 2015
176 Seiten, 19,99 Euro

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Frauen am Rande der Ewigkeit

Nächster Artikel

Venedig ist viel teurer als Berlin

Weitere Artikel der Kategorie »Gesellschaft«

Störe meine Kreise nicht!

Sachbuch: Johan Huizinga: Homo Ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel PETER KLEMENT begibt sich zu den Quellen der Spieleforschung (engl.: ›Game Studies‹) und trifft dort einen Mann namens Huizinga, der sich in seinem Buch ›homo ludens‹ mit magischen Kreisen und den Wurzeln der menschlichen Kultur beschäftigt …

Herr Maurer macht sich Sorgen

Gesellschaft | Marco Maurer: Du bleibst, was du bist. Warum bei uns immer noch die soziale Herkunft entscheidet Bildung als beste Chance zum Aufstieg, sozial, ökonomisch, gleich, von welchem Ausgangspunkt, gilt als gesellschaftlicher Konsens. Die sogenannte Bildungsdebatte entlarvt das als Mythos, solange es die Debatte gibt, und sie hat wirklich Jahrzehnte auf dem Buckel. Marco Maurer, um einiges jünger als die Debatte, hat die Legende nun auch entdeckt. Sie macht ihm gewaltig Sorgen. Nicht nur der Bildung wegen, das ist ihm zu wenig, sondern gleich wegen der Demokratie überhaupt. Von MAGALI HEISSLER

Messerscharfes Vergnügen

Gesellschaft | Thomas Rothschild: Bis jetzt ist alles gut gegangen

Thomas Rothschild, in Österreich aufgewachsen, verließ das Land aus politischen Gründen und lehrte über drei Jahrzehnte Literaturwissenschaft an der Universität Stuttgart. In Deutschland ist er fest in der Kultur verwurzelt. Seine jetzt publizierte Aufsatzsammlung hat eine Menge Vorläufer (zuletzt: Alles Lüge. Das Ende der Glaubwürdigkeit, 2006), der vorliegende Band enthält Glossen und Aufsätze für titel-magazin.de und den Freitag – bevor der nach der Übernahme durch den nachwachsenden Augstein zum Mainstream ins Bett kroch und man sich seitdem leichten Herzens erlaubt, auf qualifizierte Journalisten wie Ingo Arend und Tom Strohschneider verzichten zu können. Von WOLF SENFF

Das hegemoniale Projekt

Gesellschaft | Diana Johnstone: Die Chaos-Königin Es ist schwierig mit dieser Kandidatin. Nein, sie stand nicht bei ›Madame Tussaud‹ und wurde für die Dauer des Wahlkampfs mit Option auf eine erste Amtsperiode geleast. Wie auch immer – man weiß nicht, was drinsteckt. Man weiß jedenfalls, dass sie von Bernie Sanders‘ jugendlicher Zielgruppe konsequent abgelehnt wird und weiten Kreisen der Wählerschaft verhasst ist. Wer ist diese Frau? Gibt es sie? Von WOLF SENFF

Instabil

Gesellschaft | Ansgar Graw: Trump verrückt die Welt. Wie der US-Präsident sein Land und die Geopolitik verändert Ein Versuch, den derzeitigen Präsidenten der USA politisch einzuschätzen, ist ein waghalsiges Unterfangen. Wer ihn einen Rassisten nennt oder frauenfeindlich, wird spontan Zustimmung finden, doch diese Vorwürfe sind weder besonders originell noch treffen sie den Kern einer, zurückhaltend formuliert, ungewöhnlichen Präsidentschaft. Von WOLF SENFF