Der durch die Hölle ging

Comic | Jaques Tardi: Ich, René Tardi, Kriegsgefangener Im Stalag IIB

Der französische Comic-Künstler Jaques Tardi und der Krieg – ein schier endloses Kapitel an historischer und persönlicher Aufarbeitung, stets in formaler und narrativer Meisterklasse. In ›Ich René Tardi, Kriegsgefangener Im Stalag IIB‹ zeichnet er in zwei Bänden, denen anscheinend noch ein dritter folgt, das Leid seines Vaters nach – und zeigt sich in Sachen pathosfreier Nachempfindung des Unnachahmlichen stärker denn je. Von CHRISTIAN NEUBERT

stalag1Die Schrecken des Krieges als Comic festzuhalten ist etwas, das der Franzose Jaques Tardi wie kaum ein anderer seiner Zeichnerkollegen versteht. Bislang sind es vor allem die Bände ›Grabenkrieg‹ und ›Elender Krieg‹ die diese Meisterschaft begründen. In ersterem handelt er das Schicksal einer ganzen Generation anhand einfacher Soldaten im Ersten Weltkrieg ab. Im zweiten Band zeichnet er dessen Verlauf gemeinsam mit dem Historiker Jean-Pierre Verney nach. Beide Bände sind inspiriert von den Gräueln, die sein Großvater in den Schützengräben durchlebte.

In seinem jüngsten Werk nimmt er sich nun den Zweiten Weltkrieg vor. Indem er das Schicksal der Kriegsgefangenen thematisiert, die in sogenannten Stammlagern – den Stalags, wie sie in der effizienten Sprache der Kriegstreiber hießen – interniert wurden, erhellt er ein recht vernachlässigtes Kapitel deutscher Geschichte: Das Los der Kriegsgefangenen erschien relativ gering im dunklen Schatten der industriellen Massenvernichtung.

Ein Vater, fern seines Vaterlands

Basierend auf den Aufzeichnungen seines Vaters René, die dieser erst 40 Jahre nach der Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft unternahm, münzt Tardi in seinem neuen Werk erneut ein individuelles Soldatenschicksal zum beklemmenden Exempel allgemeiner Kriegswirklichkeit. Oder, wie seine Ehefrau Dominique Grange es im Vorwort ausdrückt: Tardi erteilt einem Kollateralschaden das Wort.

stalag2René Tardi war Panzerfahrer. Sein Dienst an der Front währte allerdings nur kurz: Im März 1940, bereits nach wenigen Tagen im Einsatz, gelangte er in die Hände des Feindes. Den weiteren Kriegsverlauf, vier Jahre und acht Monate, erlebte er als Gefangener. Das Stalag IIB in Pommern wurde sein neues Zuhause; Zwangsarbeit, Demütigung, Dreck, Bestrafung und permanenter Hunger seine Alltagshölle. Eine Hölle, die mit der Evakuierung des Lagers am 29.1.45 einer anderen wich: Der zweite Band von ›Ich, René Tardi, Kriegsgefangener Im Stalag IIB‹ knüpft an der Räumung des Stalags an, woraufhin er und seine Mithäftlinge, mit der heranrückenden russischen Armee im Nacken, einen sinnlosen, monatelangen Marsch durchs Kriegsgebiet antreten mussten. Das Argument für das groteske, nicht weniger entbehrungsreiche Unterfangen? Die Eigenschaft von Gefangenen als Pfand.

Das Leid in der Ferne, schonungslos nah

Um der Beklemmung und Ausweglosigkeit des Krieges und der Kriegsgefangenschaft zeichnerisch gerecht zu werden, greift er auf jene gestalterischen Mittel zurück, die er schon in seinen anderen Weltkriegscomics anwandte. Drei querformatige Panels, die zusammengenommen je eine Comicseite ausmachen, gewähren Panoramablicke über ein Land in Schutt und Asche. Dabei ist Grau die Farbe des Schlachtfelds Europa. Grau in allen Nuancen. Goldblitzende Abzeichen, schmucke Uniformen, die Hautfarbe der Soldaten, all das spielt keine Rolle, blickt einem die Fratze des Krieges gleichmachend-negierend entgegen.

Insofern bleibt Tardi seiner etablierten Methode treu – was indessen kein Vorwurf sein soll, birgt die Technik doch das Vermögen, frei von Pathos und Verklärung dem Grauen nachzuspüren. Zumal Tardi diesmal einen weiteren Trumpf im Ärmel hat: Indem er sich selbst als fragenden Jugendlichen in die Geschichte einbaut, der seinem Vater – der sich einst freiwillig zur Armee meldete – auf die Schliche kommen will, gelingt ihm ein Geniestreich. Er selbst, als naseweis kommentierender, nachfragender Junge, der gemeinsam mit dem Vater durch Dreck und Elend stapft: Das macht den facettenreichen, niemals einseitig argumentierenden Band umso vielschichtiger. Allein schon, weil es die schwer zu schildernde Verrohung des Individuums im Krieg geradezu schmerzvoll intensiv vermittelt.

Titelangaben
Jaques Tardi: Ich René Tardi, Kriegsgefangener Im Stalag IIB.
Aus dem Französischen von Christoph Schüter
Zürich: Edition Moderne 2013 (Bd. I) bzw. 2015 (Bd. II)
200 bzw. 128 Seiten
35 bzw. 32 Euro
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