/

Hautnah

Gesellschaft | Beatrice Bourcier: Mein Sommer mit den Flüchtlingen

Man hört das Wort täglich mehrmals, »Flüchtlinge«. Die Nachrichten, die Nachbarin, der Paketmann, die Schülerinnen in der U-Bahn sagen es, es schallt aus jeder Ecke. Man sieht sie auf Fotos, im Fernsehen, auf YouTube. Überall sind sie. Vor allem sind sie da. Wie das so ist mit »denen«, erzählt Beatrice Bourcier, waschechte Bayerin und Ersthelferin, weil sie es gerade erst hautnah erlebt hat. Von MAGALI HEISSLER

fluechtlingeEs gibt einige Aufregung in der Gemeinde mit ihren gerade 4000 Einwohnerinnen und Einwohnern, als im Frühjahr dieses Jahres bekannt wird, dass sie die Erstaufnahme für ungefähr zweihundert Flüchtlinge übernehmen sollen. Von »Wieso wir« über »Kriegen wir die je wieder los?« bis »Pest? Cholera? Terroristen!« und ganz praktischem »Wo sollen die denn wohnen?« reichen die Reaktionen. Eine Turnhalle wird umgerüstet, Security in blauen Shirts taucht auf und dann sind sie da.
Ein privater Kreis von Helferinnen und Helfern hat sich gebildet, auch Bourcier hat sich gemeldet. Da sie Erfahrung mit Fremdsprachen hat und sich beruflich mit Kommunikation auskennt, hat sie sich für den Sprachunterricht eingetragen. So weit, so hilfsbereit.

Die erste Barriere für die eigene Hilfsbereitschaft, so stellt sich heraus, sind nicht die vielen Fremden. Sie ist es selbst. Berührungsängste, Vorurteile, alte Gewohnheiten wollen überwunden werden, ehe sie sich überhaupt in der morgendlichen Sommerhitze auf den Weg zur Turnhalle macht. Damit beginnt ein Abenteuer ganz besonderer Art.

Von Menschlichem und Menschen

Ehe sie zu den Fremden kommt, erzählt Bourcier von Vertrautem. Sie stellt sich vor, ihre Familie, ihr Werdegang. Pfälzer Eltern, oberbayerische glückliche Kindheit. Das Studium brachte sie nach Frankreich, aus dem sie mit französischem Ehemann und zwei Töchtern zurückkam, um sich im Dorf ihrer Kindheit ihre Existenz aufzubauen. Ganz normal eben, geradezu idyllisch. Von ihrem Berührungsängsten wird sie selbst überrascht. Das beschreibt sie höchst lebendig, beschönigt nicht. Sie hält sich den Spiegel vor, aber auf eine Art, dass auch die Leserin sich in diesem Spiegel erkennen kann. Berührungsängste sind nur menschlich. Menschlich ist auch, dass man über manche lachen kann, indem man gleich auch über sich selber lacht.

Die Kontaktaufnahme ist leicht und schwer zugleich. Es gab ein paar Verhaltensregeln und Anweisungen für die Helferinnen, trotzdem ist der Anfang ein Sprung ins kalte Wasser. Langsam nur kommt man sich näher.

Das Kennenlernen entwickelt sich übers Grüßen und Anlächeln, vor allem aber über die Bereitschaft zuzuhören und Fragen kompetent beantworten zu können. Auch hier gibt es häufig das Problem, dass man sich selbst im Weg steht. Die einfache Frage eines jungen Mannes »Wo bin ich hier eigentlich?« löst Schrecken aus. Selbstverständliches ist für Flüchtlinge eben nicht selbstverständlich.

Ähnliches passiert, wenn man ihnen persönlich gegenübersteht, Bilder oder Erinnerung an schreckliche Geschichten, die man gehört hat, drängen sich in den Vordergrund, lähmen und lassen eine daran zweifeln, ob man derart geplagten Menschen eigentlich etwas bieten kann, um zu wirklich helfen.
Es sind die Flüchtlinge, die helfen, diese Barrieren zu überwinden, das wird in Bourciers Bericht sehr deutlich. Ihre Offenheit, ihre Bereitschaft, Hilfe anzunehmen und ihr schierer Überlebenswille entspannen die Lage. Wer so weit gekommen ist, mit solchen Schrecken im Gepäck, lässt sich von überempfindlichen Gemütern nicht aufhalten.
So kommen sie zusammen, das Menschliche und die Menschen.

Nicht urteilen, handeln

Bourcier macht deutlich, dass es nicht ihre Sache ist, Partei zu ergreifen und zu urteilen. Sie ist ehrlich. Mit Angehörigen mancher Nationen kommt sie zurecht, mit anderen nicht. Zuweilen ist die Barriere einfach zu hoch. Sie bemüht sich, zu verstehen. Wo sie nicht zurechtkommt, können andere Helferinnen und Helfer ansetzen. Es geht nicht darum, alle zu lieben, es geht darum, Bedingungen zu schaffen, mit denen möglichst viele leben können. Manchmal ist sie übereifrig, sie macht Fehler.

Im Vordergrund stehen für sie Menschen aus Syrien, aber sie hört sich auch Geschichten von anderen an. Boko Haram und die Taliban, Dürre, Hunger, Bomben. Überfälle während der Flucht, Polizeiwillkür. Immer wieder kreisen die Geschichten um die traumatische Reise übers Mittelmeer. Oft will sie die Geschichten nicht hören, die Bilder nicht sehen, die viele Flüchtlinge bei sich tragen. Der Leserin geht es genauso, obwohl Bourcier nur eine minimale Dosis serviert. Sie weiß, was sie einer zumuten kann, weil sie sich selber kennt. Beim Lesen ist man ganz nah bei und sie ist ganz nah bei ihren Schützlingen.

Es gibt Erfolgsgeschichten Misserfolge, viel Trauriges. Manchmal wünscht man sich die Autorin ein wenig kritischer gegenüber diesem System des Hin- und herschiebens von Menschen von einer Aufnahmeeinrichtung zur anderen, ohne jede Verlässlichkeit, zur Ruhe kommen zu können. Sie lässt jedoch genug Raum zum eigenen Denken, Anstöße gibt es genug, zwischen den Zeilen, allein durch eine geschickte Formulierung.

Bourcier nimmt sich auch das eine und andere zentrale Vorurteil gegenüber Flüchtlingen vor, sie weiß, was die Leute reden. Die Sache mit den Smartphones wird geklärt, ein für allemal und deutlich. Wer sich klargemacht hat, dass diese Smartphones überlebenswichtig sind für den Weg, dass sie Schrecken dokumentieren, Erinnerungen festhalten an Menschen und vorn Orten, die es nicht mehr gibt, möglich machen, dass verlassene Kinder mit ihren Eltern über Tausende Kilometer sprechen, wird in ihnen nie mehr ein Luxusspielzeug sehen.

Dass dieses Buch so kurz nach dem Einsatz der Autorin und all den anderen Helferinnen und Helfern vor Ort erscheinen konnte, ist erstaunlich und eine Leistung, die man würdigen muss, auch wenn der Untertitel ein wenig populistisch geraten ist. Der Bericht ist direkt, ungeschminkt. Die Erinnerung ist frisch, wenig gefiltert, persönlich und trotzdem übertragbar. Denn Bourciers Bericht ist stellvertretend zu lesen für die Vielen, die sich einsetzen wie sie.

Am besten liest man das Buch montags, während einschlägig Besorgte in Dresden Parolen brüllen. Damit man weiß, was man antworten kann, wenn es zu laut wird, und wie.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Beatrice Bourcier: Mein Sommer mit den Flüchtlingen
Der bewegende Bericht einer freiwilligen Flüchtlingshelferin
Frankfurt: Brandes & Apsel 2015
172 Seiten, 14,90 Euro
Erwerben Sie dieses Buch bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Der Dreck und der Teppich

Nächster Artikel

Gothic Electronica, Indie Memorabilia and Shivery Ambience: October’s new albums reviewed

Weitere Artikel der Kategorie »Gesellschaft«

Heil Boskop!

Gesellschaft | Front Deutscher Äpfel: Das Buch zur Bewegung Ein neues Buch rekapituliert die Geschichte der »Front deutscher Äpfel«, einer satirischen Organisation gegen Rechts. Gerade im momentanen Klima lohnt sich ein näherer Blick, findet JAN FISCHER.

Digitales| Gesellschaft | Die Sexismus-Debatte im Juni 2012 Der Juni 2012 brachte eine bemerkenswerte Diskussion hervor: Die Geschlechter-Problematik wurde in der Spiele-Industrie und der sie umgebenden Kultur zwar schon öfters angesprochen. Doch nie zuvor wurde die Diskussion derart breit und entschieden geführt. Wie nachhaltig sie ist, wird sich erst noch beweisen müsst; trotzdem scheint dieser Monat einen wichtigen Moment zu markieren: Den – oder zumindest einen –  wichtigen Moment der Bewusstwerdung des Sexismus-Problems in der Industrie – und zwar nicht nur als vereinzeltes Phänomen, sondern als strukturelles. Ein Überblick von CHRISTOF ZURSCHMITTEN, VOLKER BONACKER, PETER KLEMENT und DENNIS KOGEL.

Kooperation bedeutet Niedergang

Gesellschaft | Frank Schirrmacher: Ego Frank Schirrmacher zeichnet in Ego. Das Spiel des Lebens ein dystopisches Bild unserer Gesellschaft. Der Primat der Ökonomie hat Einzug erhalten in unseren Köpfen und folgt dabei einer kühlen rationalen Handlungsmaxime, die ausschließlich nach Profit giert und jedwede Moral vertilgt. Von MARC STROTMANN

Über die Entzauberung des Genies

Kulturbuch | Bas Kast: Und plötzlich macht es Klick! Der Psychologe Bas Kast möchte mit ›Und plötzlich macht es Klick! Das Handwerk der Kreativität oder wie die guten Ideen in den Kopf kommen‹ den althergebrachten Nimbus der Genialität entzaubern. Was zeichnet einen kreativen Menschen aus und weshalb gibt es so wenige davon? Bas Kast erläutert Funktionsweisen eines kreativen Gehirns und gibt all denen Hoffnung, die ihr bislang wenig kreatives Leben etwas aufmöbeln möchten. VIOLA STOCKER ging in die Schule der Genies.

Das Verhängnis einer Liebe

Menschen | Ingeborg Bachmann, Max Frisch: »Wir haben es nicht gut gemacht«

Von Juli 1958 bis zum Frühjahr des Jahres 1963 dauerte die Liebesbeziehung zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch – zum Ende hin war sie vergiftet und zerbrach. Immer wieder ist über sie in der literarischen Öffentlichkeit gestritten worden mit Frisch in der Rolle des Böswichts und Bachmann in der des Opfers. Ein neues Editionswerk verlangt nach einer Korrektur der Sicht auf diese unheilvolle Beziehung der österreichischen preisgekrönten Lyrikerin und dem schweizerischen Erfolgsautor. Von DIETER KALTWASSER