Kalter Krieger, Teufels Maul

Comic |Francois Boucq / Jerome Charyn: Teufelsmaul

Beim Splitter Verlag ist mit der dritten Comic-Zusammenkunft von Zeichner Boucq und Autor Jerome Chary ein Klassiker neu erhältlich: Der Spionagethriller ›Teufelsmaul‹. Gelesen von CHRISTIAN NEUBERT

teufelsmaul_kleinIrgendwo in der Ukraine, gegen Ende des Zweiten Weltkriegs: Einer Bäuerin läuft der Junge Juri zu, offenbar eine Waise – eine Schar Vögel scheint ihn ihr in die Arme zu treiben. Sie nimmt ihn bei sich und ihrer Familie auf. Der vermeintliche Glückfall entpuppt sich jedoch als Falle: Der Alkohol hat aus ihrem Mann ein aggressives Raubtier gemacht, gegen das sich Juri erwehren muss. Und da ist dann noch dessen Aberglaube: Juri hat eine Gaumenspalte, was ihn, von den Kindern der Großfamilie ›Teufelsmaul‹ genannt, zu einem vermeintlichen Unglücksbringer macht.

Juri flieht, was den Beginn einer Odyssee aus Ankunft und Flucht markiert: Er landet in einem Waisenhaus, wo er den Gemeinheiten der anderen Buben ausgeliefert ist. Die Schule seines Lebens ist die der Demütigungen und Qualen; er lernt sich zu wehren und zu behaupten. Offenbar gefällt das der KGB-Obrigkeit, die bei der Rekrutensuche auf ihn stößt. Juri wird für eine Ausbildung zum Spion ausgewählt. In einem verlassenen Kloster – nach der Oktoberrevolution wurden Christen regelrecht verfolgt – macht Oberst Stawrogin ihn fit für einen Einsatz im feindlichen Ausland. Nach seiner Indoktrinierung soll Juri als Spion in den USA eingesetzt werden. Bis dahin gewinnt er jedoch noch einen Freund, einen ehemaligen Mönch, der Juri für spirituelle Gedanken empfänglich macht. Und es schimmert etwas durch, was später noch eine größere Rolle spielen soll: Juri scheint eine Art »Zweites Gesicht« zu haben. Im Traum sieht er Geschehnisse, die sich in der Realität bewahrheiten.

Einsatz in der Freiheit

Ein paar Jahre später, der Kalte Krieg: Juris Gaumenspalte wurde operativ behandelt. Unter dem Decknamen Billy Budd wird er nach New York geschickt. Seine Tarnidentität sieht ein bürgerliches Leben vor, er findet eine Anstellung im Hochbau, wo er sich mit einem Kollegen, einem Indianer, anfreundet. Bald hat er eine Freundin an seiner Seite, und auch, wenn er kleine Brötchen backt: Der American Way of Life scheint ihm zu gefallen. Dann jedoch verschafft ihm seine mysteriöse Gabe einen ersten größeren Auftrag: Er soll mithilfe seiner Traum-Fähigkeit die Geheimnisse eines Überläufers offenlegen. Dabei will auch er, man ahnt es, die Seiten wechseln. Und so kommt es, wie es kommen muss: Juri wird vom Jäger zum Gejagten, was natürlich in einem Showdown kulminiert. Dieser findet in schwindelnden Höhen statt. Bis es soweit kommt, entpuppt sich jedoch noch so mancher in dem überschaubaren Figurenkosmos als Schwindler. Außerdem wird der Bezug auf Juris Tarnnamen offenbar: »Billy Budd« ist der Name eines Melville-Helden, ein mit Schönheit gesegnetes Findelkind. Das kann man zwar nicht von Juri behaupten, vielleicht jedoch nach seiner Operation. Aber wie eben Billy Budd erfährt auch Juri eine Art Apotheose.

Zeitloser Klassiker

›Teufelsmaul‹ ist die zweite von insgesamt drei gemeinsamen Arbeiten von Kult-Zeichner Boucq und dem US-amerikanischen Kriminalautor Jerome Charyn. Die anderem beiden, ›Die Frau Des Magiers‹ und ›Little Tulip‹, sind ebenfalls bei ›Splitter‹ erhältlich. Ursprünglich erschien der Band 1990, in Deutschland kam er 1991 bei der ›Edition Kunst Der Comics‹ heraus. Der mit fantastischen Elementen spielende Spionagethriller wurde von Splitter neu gelettert – und belegt die fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Charyn und Boucq sehr eindrucksvoll.

Der Comic räumt gerade der Ausbildung Juris viel Zeit ein, was gehörig zur atmosphärischen Dichte dieser vordergründigen Agentenstory beiträgt. Für zusätzliche Glaubwürdigkeit sorgen zudem Boucqs Zeichnungen, die zwar dem Realismus verpflichtet sind, denen das Märchenhaft-Mysteriöse aber auch inhärent ist. Seine Kolorierung leistet ebenfalls eine Menge, erweckt sie doch sowohl die Welt der himmelhohen Metallgerüste als auch die des bedrückenden Waisenhauses zum Leben. Und das ist es wohl schließlich, was den Band besonders macht: Er lebt nicht nur von tollen Zeichnungen und lebendigen Charakteren. Er lebt als zeitloses Zeugnis einer gelungenen Zusammenarbeit.

| CHRISTIAN NEUBERT

Titelangaben
Francois Boucq / Jerome Charyn: Teufelsmaul
Aus dem Französischen von Gerd Benz
Bielefeld: Splitter Verlag 2016
128 Seiten, 24,80 Euro
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