Die philosophierende Katze

Comic | Joann Sfar: Die Katze des Rabbiners

Selten schaffen es Graphic Novels in die Feuilletons der Mainstream-Medien. Die Reihe ›Die Katze des Rabbiners‹ des französischen Comiczeichners und Filmregisseurs Joann Sfar ist da eine Ausnahme. Sie gilt als genreübergreifend interessant, was nicht verwunderlich ist, da die in den 2000er Jahren entstandene Reihe 2011 verfilmt wurde, für mehrere Preise nominiert war und wohl als das schönste Kurzkompendium des Judentums fungiert – sowie gleichzeitig ein toller Schmöker für Katzenfans ist. Wegen der großen Beliebtheit der Reihe verlegt der Avant-Verlag nun alle fünf Teile neu und publiziert sie in zwei Sammelbänden. Vor kurzem sind die letzten beiden Parts im zweiten Band erschienen. PHILIP J. DINGELDEY hat sich die darin versammelten Teile Vier und Fünf mit großem Genuss angesehen.

Katze_Sbd_2_cover_webIm vierten Teil der Reihe, mit dem Titel ›Das irdische Paradies‹, zieht der namenlose graue Kater des Rabbiners mit einem zahmen Löwen und dessen Herren, dem jüdischen Landstreicher Malka, durch Algerien. Die Katze kann, seit sie einen Papagei fraß, normalerweise mit allen Lebewesen kommunizieren, verlor aber ihre Fähigkeit, mit Menschen zu sprechen. So redet sie etwa mit dem Löwen und dessen Freund, einer Schlange, die dem Löwen immer wieder – aus Freundschaft! – anbietet, ihn zu vergiften. Malka zieht durch die Dörfer, tritt dort quasi als jüdischer Guru auf und gewinnt das Publikum sowie dessen Geld, indem er es vor seinem Löwen beschützt. Doch langsam funktioniert diese Strategie, dieser Trickbetrug nicht mehr, da der Löwe zu alt und nicht mehr Furcht einflößend ist. Der Logik der Schlange nach wäre es also eine Erlösung für den Löwen, wenn er sterbe, um nicht sehen zu müssen, wie Malka zugrunde geht. Letzterer skizziert in seinen Geschichten auch immer verschiedene Versionen seines nahenden Todes, doch er überlebt bis zuletzt und bekämpft sogar den aufkommenden Antisemitismus in Algerien zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts. Spannend und anspruchsvoll ist dieser Teil vor allem dadurch, da es schwer wird, zwischen Fakt und Fiktion zu differenzieren, zwischen Malkas Märchen und seinem tatsächlichen Lebenslauf. Die Grenzen sind fließend.

Ein jüdisches Utopia

Aus jüdischer und philosophischer Perspektive ist der fünfte Part, ›Jerusalem in Afrika‹ wesentlich interessanter: Hier ist Katze wieder mit ihren Besitzern, dem sephardischen Rabbiner Sfar und dessen schöner Tochter Zlabya, vereint. Der Rabbi ließ die Katze aufgrund ihrer menschlichen Sprachfähigkeit die Thora studieren, wodurch gerade das Haustier zum intellektuellen Kommentator aller Handlungen avanciert. Über Umwege landet ein russisch-jüdischer Maler beim Rabbiner und ist eigentlich auf der Suche nach einem jüdischen Utopia, einem unbekannten Jerusalem in Afrika. Zusammen mit dem Rabbi inklusive Kater, dessen Cousin, einem muslimischen Iman und dem nihilistischen Russen Vastenov machen sie sich auf die Suche nach dem jüdischen Utopia. Dabei treffen sie auf viel Gastfreundschaft, aber auch auf Glaubenskämpfe, bei denen etwa Vastenov von Moslems als Ungläubiger nach einem Duell blutrünstig abgeschlachtet wird. Während der Reise findet auch die Katze ihre Menschensprache wieder. Schließlich erreicht der Maler alleine mit seiner neuen Freundin, die er auf der Reise kennengelernt hat, das afrikanische Jerusalem. Es wird von übermenschlich großen und kantigen schwarzen Menschen bewohnt, die sich als die wahren und einzigen Juden betrachten und den Maler als vermeintlich Ungläubigen exkludieren, weshalb dieser zur Gruppe zurückkehrt und behauptet, das Utopia existiere nicht.

›Die Katze des Rabbiners‹ ist eine humoristische Liebeserklärung an ein tolerantes Judentum und natürlich an Sfars Muse, seine eigene Katze, die dem Comic-Tier optisch gleicht. Keine der monotheistischen Religionen wird hier sonderlich ernst genommen, speziell nicht von der stets distanzierten und ironischen Katze, die die Handlung schon durch ihre menschlichen Fähigkeiten entfremdet und karikiert. Andererseits braucht es auch keine Begründung. einen Comic über philosophierende Katze zu kreieren: Ein Leben ohne Katze ist möglich, aber sinnlos.

Problematisch ist dabei eher die naive Vorstellung und Vision eines friedlichen Zusammenlebens der drei abrahamitischen Religionen. Immer wieder versucht der Rabbi, auch da sein Cousin Moslem ist, auf die Gemeinsamkeiten der Religionen, auf Frieden und Toleranz hinzuweisen und erlaubt sich nie ein Urteil über fremden Traditionen. Im Gegenteil macht sich die Katze gerne über jüdische Gruppen, wie die Kabbala oder die Scheinheiligkeit aller Religionen gut und gerne lustig. Gerade über intolerante Akteure wie die großen Bewohner des afrikanischen Jerusalems schüttelt der jüdische Maler den Kopf und muss sich enttäuscht aus der Enklave zurückziehen.

Die nicht darstellbare Anmut von Katzen

Katze PharaoDennoch hat dadurch primär die fünfte Geschichte den antiquierten Duktus, der auch Gotthold Ephraim Lessings Drama ›Nathan der Weise‹ inhärent ist. Den an die aufklärerische Ringparabel erinnernden Habitus nämlich, dass alle monotheistischen Religionen den gleichen Ursprung hätten und sich momentan nicht bestimmen lässt, welche die Richtige ist. Doch selten wird bei Sfars ›Katze des Rabbiners‹ oder Lessings ›Nathan der Weise‹ in Erwägung gezogen, dass alle Monotheismen falsch sein können. Dass Atheismus oder Polytheismus recht behalten könnten; dass den Monotheismen gerade der brutale, blutige und totalitäre Missionierungsgedanke, die Exklusion und Diskriminierung von Andersgläubigen sowie der Kampf der Religionen inhärent ist, was eher nahelegt, sich aus philosophischer und historisch-politischer Perspektive von allen Dreien zu distanzieren.

Aufgelockert wird der Comic dafür wieder von dem bunten und liebevollen, zuweilen auch grobem Zeichenstil Sfars. Schon die Schriftarten unterscheiden sich. Die Gedanken der Katze sind in schwungvoller Handschrift verfasst, während die Dialoge in normaler Druckschrift gehalten sind. Die Figuren sind oft überzeichnet, etwa wirkt Vastenov stets ausgemergelt und fahl und der Rabbi rundlich, fröhlich und in seiner Mimik partiell abstrahiert. Am ulkigsten wirkt aber die Darstellung der Katze selbst: Wie eine richtige Katze wirkt das grob gezeichnete Tier mit den übergroßen Ohren nicht. Die wahre Anmut und Eleganz einer solchen lässt sich auch gar nicht in Bildern darstellen und binden.

Insgesamt sind die Graphic Novels eine leichte, aber sehr verdichtete und freundliche Darstellung des afrikanischen und mittelöstlichen Judentums. Mal sind sie ironisch distanziert, mal philosophisch, stets aber tauchen sie mit einer Brise Humor und Verfremdung in die Tiefen der Religion. Dabei beleuchten sie sowohl die blutige als auch friedliche und vereinende Kraft der Religionen, ohne aufdringlich eine spezifische Weltanschauung zu propagieren. Auch für einen Atheisten wie dem Autor dieser Zeilen sind Sfars Comics ergo – bis auf den affirmativen Charakter des Bandes bezüglich des Monotheismus – unterhaltsam und informativ anzusehen und zu lesen.

| PHILIP J. DINGELDEY

Titelangaben
Joann Sfar (Texte und Zeichnungen): Die Katze des Rabbiners: Sammelband 2
Aus dem Französischen von David Permantier
Berlin: Avant Verlag 2015
144 Seiten, 29,95 Euro
Erwerben Sie dieses Buch bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe
| Mehr von Joann Sfar in TITEL kulturmagazin: Vampir

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Phantomschmerz

Nächster Artikel

Von Freiheit und Vulgäranarchismus

Weitere Artikel der Kategorie »Comic«

Portrait des Widerstands

Comic | Marc Ley (Texte)/ Alain Grand (Texte und Zeichnungen): Kinder der Hoffnung Für gewöhnlich sinkt die Qualität eines literarischen Werkes, wenn es in die Form des Films oder des Comics übertragen wird – das gilt aber wohl auch vice versa. Doch bei Marc Levys Roman ›Kinder der Hoffnung‹ trifft dies nicht zu. Die Graphic Novel dazu ist (beinahe) genauso gut wie das ursprüngliche Buch über die französische Résistance in der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Das liegt wohl auch daran, dass Levy selbst sein literarisches Werk zum Comic gemacht hat – gemeinsam mit dem Zeichner und Texter Alain Grand. PHILIP

Mister Wonderful und die Liebe

Comic | Daniel Clowes: Mister Wonderful ›Mister Wonderful‹ heißt Marshall mit Vornamen und steckt am Ende seiner Midlife-Crisis. Comic-Künstler Daniel Clowes schickt den verschrobenen Kauz zu einem Blind Date – und lässt seine Leser herzklopfend mitfiebern. Von CHRISTIAN NEUBERT

Die Rückkehr des Alptraumjägers

Comic | T.Sclavi (Text), A.Stano, G.Trigo, G.Montanari & E.Grassani (Zeichnungen): Dylan Dog Gesamtausgabe Band 1 Seit nun fast 30 Jahren existiert in Italien die ungemein populäre Comicfigur ›Dylan Dog‹: Ein verspielter Horrorcomic über einen Ermittler, der sich selbst »Jäger des Grauens« ans Klingelschild geschrieben hat. Trotz großer internationaler Beliebtheit war ihm hierzulande kein durchschlagender Erfolg vergönnt. Ein Ableger des kroatischen Comicverlags ›Libellus‹ hat im Dezember 2014 mit einem ambitionierten Liebhaberprojekt den gewagten Versuch einer ›Dylan Dog – Gesamtausgabe‹ in Deutschland gestartet. Mittlerweile ist der vierte Band erschienen und BORIS KUNZ hofft, dass es so weitergeht.

Ein Neuseeländer auf dem Mars

Comic | Dylan Horrocks: Sam Zabel in: Der König des Mars Ein Film im Film, das kennt man ja inzwischen. Ein Comic im Comic ist da schon ungewöhnlicher. Dylan Horrocks schickt in der Graphic Novel mit dem komplizierten Titel ›Sam Zabel in: Der König des Mars‹ einen krisengeplagten Comiczeichner auf eine Reise in ein magisches Comicheft. Eine kunterbunte Geschichte, die auch ernste Töne nicht ausspart. BORIS KUNZ hätte nie gedacht, dass eine Geschichte über die Überwindung einer Schreibblockade solchen Spaß machen könnte.

They’re crazy, those Belgians!

Comic | Spirou und Fantasio Spezial: Spirou in Amerika Kaum jemand hat in der Neunten Kunst den Wilden Westen bei uns so populär gemacht wie Lucky Luke, der Cowboy, der schneller zieht als sein Schatten. Sein Schöpfer, der Belgier Maurice de Bevere (amerikanophoner Künstlername: Morris) hat in seiner Jugend eine lange Reise nach Amerika unternommen, die zu den wenigen glanzvollen Legenden gehört, die hinter den Kulissen über das Comic-Schaffen erzählt werden.