Easy Going

Comic | Tommi Musturi: Sozusagen Samuel

Vor sieben Jahren erschien bei ›Reprodukt‹ der Comic ›Unterwegs mit Samuel‹. Nun kommt der Folgeband ›Sozusagen Samuel‹, der nahtlos an seinen Vorgänger anknüpft. In abstrakter Form erzählt er ohne Worte vom nackten Leben in knalligen Farben. Von CHRISTIAN NEUBERT

9783956401077 Tommi Musturi -Sozusagen SamuelSamuel? Läuft. Er ist wir alle. Und viel darüber hinaus. Weil er ein Stück Leben ist. Meines, deines, irgendeines. Laufen tut er aber, weil er selbst eines sein will. Er will einer sein, ein Jemand. Wobei man dass nicht so sicher weiß. Samuel sagt nämlich nix. Er läuft einer unvorteilhaft gekleideten Blondine als Träne über die Wange, dem Prinzip der Schwerkraft folgend, trieft entlang ihres aufgedunsenen Körpers über Doppelkinn und Brust, tropft schließlich zu Boden. Und entsteigt einer Pfütze, die er selbst ist. Eine denkwürdige Passage, die dem Comic als Einstieg dient, von seinem Urheber schlicht mit dem Titel des Bands, mit ›Sozusagen Samuel‹ kommentiert. Mehr braucht´s auch nicht: Samuel ist ein alter Bekannter.

Ein Stück Leben

Samuel, ein blasser Kerl mit starrem Blick und wulstigen Lippen, rein äußerlich ohne Ecken und Kanten, wurde von dem finnischen Comic-Künstler Tommi Musturi schon vor einigen Jahren auf die Reise geschickt, in ›Unterwegs mit Samuel‹. Wer ihn seinerzeit nicht begleitet hat, braucht aber keine Hilfestellung, um dem neuen Band zu folgen: Samuel hat auch keine. Er geht und macht einfach drauf los. Weil irgendwie dann doch alles passiert, wie es wohl passieren muss. Was es auch sei: Samuel nimmt es hin, mit stoischer Gelassenheit, ohne Murren und Knurren. Sein Staunen und die Freude am Augenblick hat er sich dabei bewahrt.

9783956401077 Tommi Musturi -Sozusagen SamuelDie Landschaften, die er durchquert, strahlen in monochromen Knallfarben und folgen einer formalen Strenge, die der Ligne Claire einen psychedelisch-abstrakten Schleier überzieht. Samuel durchreist Wälder und Auen, Betten und Blutbäder, Seelenlandschaften und infernalische Abgründe, die Schwärze des Limbus und die eines Darms – in der Regel unbekleidet, sprichwörtlich in seiner nackten Existenz. Dazwischen besucht er einen Zoo. In Begleitung. Denn Samuel ist keineswegs allein. Naja, meistens schon. Aber dann findet er ab und an gleichzeitig statt. Und kickt sich z. B. innerhalb einer Panelfolge etwas Kleines, Rundes, Leuchtendes an den Schädel. Um es daraufhin aufzureißen. Und darin zu verschwinden, reinzusteigen, hindurchzugehen. Weiterzugehen.

Läuft bei ihm

›Sozusagen Samuel‹ ist ein esoterischer, existenzialistischer Egotrip, zwar nicht abgrundtief, sich aber an allerhand Abgründen und Gipfeln entlanghangelt – und dabei von Höhepunkt zu Höhepunkt, ohne ihnen dabei Respekt in Form von Ehrfurcht zu zollen. Für Samuel ist es ganz offenbar okay, dass die Existenz in einer Abfolge aus Ereignissen besteht.

Die gestalterischen Ideen und eingestreuten popkulturellen Referenzen des Comics machen Schmunzeln, der Stoizismus seines Helden durchaus Mut. Weil Samuel ohne jemals zu dozieren lehrt, das Leben zu nehmen, wie es ist. Das ist so einfach wie schwierig, wir wissen das, Samuel wohl auch. Dass er über diese gleichermaßen banale wie bahnbrechende Erkenntnis konsequent schweigt, dass er’s mit Kalendersprüchen nicht so hat: Gut so!

| CHRISTIAN NEUBERT

Titelangaben
Tommi Musturi: Sozusagen Samuel
(Suurin Piirtein Samuel)
Berlin: Reprodukt 2017
160 Seiten. 25 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe auf der Verlagshomepage
| Blog des Künstlers

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Prolog einer neuen Welt

Nächster Artikel

Folkdays… Vom Bild zum Ton

Weitere Artikel der Kategorie »Comic«

Reality Bites

Comic | Adrian Tomine: Eindringlinge Adrian Tomine wirft in der Anthologie ›Eindringlinge‹ detaillierte Blicke in die Lebenswirklichkeiten US-amerikanischer Nobodys. Dabei sind seine reduziert gezeichneten, grandios formulierten Comic-Miniaturen selten mehr als 20 Seiten lang. Von CHRISTIAN NEUBERT

Portrait des Widerstands

Comic | Marc Ley (Texte)/ Alain Grand (Texte und Zeichnungen): Kinder der Hoffnung Für gewöhnlich sinkt die Qualität eines literarischen Werkes, wenn es in die Form des Films oder des Comics übertragen wird – das gilt aber wohl auch vice versa. Doch bei Marc Levys Roman ›Kinder der Hoffnung‹ trifft dies nicht zu. Die Graphic Novel dazu ist (beinahe) genauso gut wie das ursprüngliche Buch über die französische Résistance in der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Das liegt wohl auch daran, dass Levy selbst sein literarisches Werk zum Comic gemacht hat – gemeinsam mit dem Zeichner und Texter Alain Grand. PHILIP

Allein in den Anden

Comic | Christophe Bec, Patrick Alain Dumas: Aeropostale – Legendäre Piloten. Band 1: Henri Guillaumet In der Splitter-Serie ›Aeropostale‹ erzählt der sonst eher auf phantastische Stoffe abonnierte Autor Christophe Bec wahre Geschichten aus dem Leben französischer Flugpioniere nach, die für die legendäre Gesellschaft ›Aéropostal‹ Anfang des letzten Jahrhunderts Post auf gefährlichen Routen geflogen haben. BORIS KUNZ war beim Jungfernflug der Serie mit an Bord.

In kunterbunten Abgründen

Comic | Simon Hanselmann: Megg, Mogg & Eule: Hexe total ›Megg, Mogg & Eule‹, die australische Comicserie um eine kiffende Hexe und ihre WG, verspricht skurrilen Spaß und originelle Unterhaltung mit schrulligen Figuren. Doch Vorsicht: Was so unschuldig und naiv aussieht wie die Zeichnungen von Simon Hanselmann, hat es meistens faustdick hinter den Ohren. Eine Warnung von BORIS KUNZ

Crumb sei Dank

Comic | Robert-Crumb-Special Comic-Heroe Robert Crumb hat dieses Jahr seinen 70. Geburtstag gefeiert – ein Anlass, der Comic-Deutschland eine Neuauflage bereits erschienener Werke und einen schönen Tribut-Band bescherte. CHRISTIAN NEUBERT hat sich zwischen die massigen Schenkel des Crumb’schen Figurenkosmos gezwängt – und viel mehr entdeckt als skandalträchtiges nacktes Fleisch.