/

Ein Buch, das erschüttert

Gesellschaft | Marceline Loridan-Ivens: Und du bist nicht zurückgekommen

Sie lesen gerne in der Bahn oder im Bus auf dem Weg zur Arbeit? Und das kleine »Büchelchen« mit den 110 Seiten scheint Ihnen eine gute Lektüre zu sein? Vielleicht überdenken Sie dies noch einmal, oder weinen Sie gerne in der Öffentlichkeit? TANJA LINDAUER über Marceline Loridan-Ivens Roman ›Und du bist nicht zurückgekommen‹.

zurueckgekommen78750: eine Zahl, ein Relikt, das von unfassbaren und unvorstellbaren Qualen und einer Brutalität erzählt, die man für unmöglich hält. Sie prangt am Arm, und erinnert jeden Moment an unmenschliche Gräueltaten, die keiner Gedächtnisstütze bedürfen. Und doch ist genau dies geschehen, als Hitler die Macht ergriff. Sie ist tief verwurzelt in der Seele und nagt stetig an ihrer Besitzerin.

Diese Zahl wird die französische Filmemacherin Marceline Loridan-Ivens immer an ihre Vergangenheit im KZ erinnern. Doch nicht nur da, auch im Gedächtnis ist sie tief verwurzelt, so tief, dass die 87-Jährige nun ihre Erfahrungen schildert, schonungslos, erschütternd und zutiefst ehrlich. Sie war 15, als sie und ihr Vater deportiert wurden. Froim Rozenberg kam nach Auschwitz, Marceline nach Birkenau. Getrennt und doch in ihrem Schicksal vereint. Kurz vor seinem Tod konnte der Vater seiner Tochter noch eine Botschaft zukommen lassen, auf einem Fetzen Papier. Sie hütete es wie einen Schatz, doch an den Inhalt kann sie sich nicht mehr erinnern. Jetzt, 70 Jahre später, beantwortet sie den Brief: »Und du bist nicht zurückgekommen«.

Vom Überleben und Weiterleben

In ihrem Brief an den Vater erzählt die Französin schonungslos vom Leben und Überleben im KZ. Der Geruch von Tod, der Stacheldraht, die Krankheiten, die Gräueltaten oder vom »Kommando Kanada«, wo sie die Kleider der Toten sortieren muss. Doch sie erzählt auch, wie das Leben nach dem KZ ist. Sie schläft auf dem harten Boden, die Weichheit eines Bettes erscheint ihr unerträglich. Sie stößt auf Unverständnis, die Mutter, die verschont blieb, möchte ein normales Leben weiterführen. Sie möchte die Augen fest verschließen. »Erzähl ihnen nichts, denn sie verstehen es nicht.«

Das lernt Marceline schnell, doch ein normales Leben führen, das scheint ihr unerträglich, unmöglich. »Ich mag meinen Körper nicht. Es ist, als trüge ich immer noch die Spur den ersten Blick eines Mannes auf mir, eines Nazis. Nie zuvor hatte ich mich nackt gezeigt.« Mengele entschied so über den Gesundheitszustand und entschied über Leben und Tod. »Deshalb war das Entkleiden lange Zeit für mich mit dem Tod verbunden. […] Ich habe nie Kinder gehabt. Ich habe nie welche gewollt. Du hättest es mir vorgeworfen. Der Körper der Frauen, der meine, der meiner Mutter, der aller anderen, deren Bauch anschwillt und sich dann leert, ist für mich von den Lagern endgültig entstellt worden. Mir graut vor dem Fleisch und seiner Elastizität. Dort habe ich die Haut, die Brüste, die Bäuche zusammensacken sehen …«

»Man erfriert von innen her, um nicht zu sterben«

Das Buch ist mehr als ein Stück Zeitgeschichte, es ist eine Aufarbeitung, eine Erinnerung und Ermahnung. Es berührt und erschüttert bis ins Mark. Es ist ein ehrliches Buch und eine Liebeserklärung an den Vater. Und es ist noch so viel mehr. Und auch, wenn 100 Seiten schnell gelesen sein mögen, sie sind es nicht. Man hält inne, ringt nach Luft und auch Tränen können fließen: Dieses Buch verlangt alles vom Leser ab. Eine unbedingte Leseempfehlung!

| TANJA LINDAUER

Titelangaben
Marceline Loridan-Ivens: Und du bist nicht zurückgekommen
Berlin: Suhrkamp 2015
111 Seiten. 15 Euro
Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Verdeckte Kriegführung der CIA

Nächster Artikel

Maulkörbchengröße

Weitere Artikel der Kategorie »Gesellschaft«

Fabriken der Biotechnologie

Gesellschaft | Bernard Lown: Heilkunst. Mut zur Menschlichkeit Da scheiden sich die Geister – es immer wieder eine denkwürdige Erfahrung, dass öffentliche Aussprache über Medizin hierzulande üblicherweise nach den Vorgaben und Regeln einer übermächtigen Gesundheitsindustrie erfolgt. Was jenseits dieses regulierten Territoriums stattfindet, dringt nicht durch. So erscheint auch der hier rezensierte Band in einem medizinischen Fachverlag, einer Nische, und gewinnt nicht die Öffentlichkeit, die er von vornherein verdient hätte. Von WOLF SENFF

Die Dunkelheit unterm Zucker-Candy – Teil II

Thema | Germany’s Next Topmodel JAN FISCHER hat die erste Folge der neuen Staffel Germany’s Next Topmodel mal gründlich auseinandergenommen. In seinem großen, dreiteiligen Essay findet er unter der bunten Candy-Verpackung der Sendung eine saubere Erzählung von der Dunkelheit am Rande der Stadt.

Erschöpfte Gesellschaft

Sachbuch | Stefan Boes: Zeitwohlstand für alle

Eines ist über die Zeit allgemein bekannt: sie ist immer zu knapp. Warum das so ist? Das wissen wir dann wieder nicht. Wir benutzen Waschmaschinen und Geschirrspüler, fahren unentwegt mit Autos und warten nicht mehr auf die Post, weil wir schnell eine Mail schreiben. Wir sparen derart viel Zeit, dass sie unmöglich zu knapp sein kann. Dass sie es dennoch ist, gehört zu ihrem Wesen.
Der Journalist und Autor Stefan Boes ist der Frage nachgegangen, wohin die Zeit verschwindet und wie wir sie zufriedenstellender nutzen können. Seine Erkenntnisse hat er in dem Buch mit dem vielversprechenden Titel »Zeitwohlstand für alle. Wie wir endlich tun, was uns wirklich wichtig ist« zusammengefasst.

Subversive Ideale

Gesellschaft | Susan Neiman: Warum erwachsen werden? Erwachsen werden wir alle, körperlich jedenfalls und im juristischen Sinn, sobald wir ein bestimmtes Alter erreicht haben (und nicht schwer geistig behindert sind). Und dennoch weiß jede/r, dass genug Erwachsene ihr Leben lang kindlich bleiben, sich schwertun mit Verantwortung oder allgemein damit, sich mündig und selbstbestimmt zu verhalten. Was Philosophen über das bewusste Erwachsenwerden zu sagen haben, stellt uns Susan Neiman, Direktorin des Potsdamer Einstein-Forums, in ›Warum erwachsen werden?‹ vor. Von PETER BLASTENBREI

Gotteskrieger aus dem Ruhrpott

Gesellschaft | Lamya Kaddor: Zum Töten bereit. Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen Ja, es ist verstörend und erschreckend: Mehrere Hundert junge Menschen aus Deutschland sind in den letzten Jahren nach Syrien oder in den Irak in den Dschihad gezogen – 550 nach Angaben der Geheimdienste. Die Diskussion darüber hat sich bisher fast ausschließlich um Abhilfe durch Polizei und Justiz bewegt. Die viel wichtigere Frage nach dem »Warum« (und dem »Wie«) stellt jetzt Lamya Kaddor in ›Zum Töten bereit‹. Von PETER BLASTENBREI