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Verdeckte Kriegführung der CIA

Gesellschaft | Alfred McCoy: Die CIA und das Heroin. Weltpolitik durch Drogenhandel

In den vergangenen Jahren wurden diverse Untersuchungen publiziert, durch die unser Geschichtsbild zurechtgerückt wurde. Woran das liegen mag? Die Machtkonstellationen auf dem Planeten verschieben sich, und Prozesse, denen zuvor wenig Beachtung geschenkt wurde, zeigen sich in neuem Licht. Der rezensierte Band erschien – nach Versuchen der CIA, Einfluss auf das Manuskript zu nehmen – 1972 in den USA, löste dort einen Skandal aus und wird nun nach 2003 erneut in deutscher Übersetzung vorgelegt. Von WOLF SENFF

McCoy_-_Die_CIA_und_die_HeroinRauschmittel sind üblicherweise nicht wegzudenken aus der menschlichen Geschichte. Homers ›Odyssee‹ erwähnt Opium als Droge »gegen Kummer und Groll und aller Leiden Gedächtnis«, Hippokrates und der römische Arzt Galen beschreiben dessen heilende Wirkung – der Schlafmohn verbreitete sich aus dem östlichen Mittelmeerraum über Indien nach China. In Persien und im Indien des sechzehnten Jahrhunderts bürgerte sich der entspannende Genuss von Opiummixturen im Alltag ein.

Opium als Handelsware

Alfred W. McCoy untersucht, welche Rolle sie in der Politik spielen. Seiner umfassenden Darstellung schickt er eine kurze Sozialgeschichte des Heroins voraus; man ist verblüfft, wie sehr der Ende des achtzehnten Jahrhunderts einsetzende internationale Handel mit Opium dessen Produktionsziffern nun in die Höhe treibt – Opium wird zu einem bedeutenden Gegenstand des Welthandels.

Als sich zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts in den USA eine Politik der Prohibition durchsetzt, greifen jene Mechanismen, die für die Moderne des Kapitalismus charakteristisch sind, sie werden von Alfred McCoy eindringlich beleuchtet und, so unerwartet die Ergebnisse sein mögen, in letztlich doch nicht überraschende Zusammenhänge sortiert.

Der ›Krieg gegen Drogen‹

Er zeigt, wie sich mit der Prohibition der Opiumhandel kriminalisierte und sich seitdem als mächtiger Zweig einer Schattenwirtschaft etablierte. Der Versuch, mit der Prohibitionspolitik den illegalen Konsum einzudämmen, habe letztlich das Gegenteil erreicht und das globale Angebot erhöht.

Zwar sei der Handel während des Zweiten Weltkriegs nahezu zum Erliegen gekommen, doch bewährte Mafiosi wie Meyer Lansky und Lucky Luciano organisierten während der späten vierziger Jahre ein weltweites Heroin-Syndikat zwischen Beirut, Havanna, Miami. Mit Marseille als amerikanischem Heroinlabor und den dominanten korsischen Syndikaten entstand ein einflussreiches globales Wirtschaftsimperium der organisierten Kriminalität, das erst durch Nixons sogenannten Krieg gegen die Drogen 1972 aufgelöst wurde bzw. genauer: die Produktion und die Vertriebswege wurden verlagert.

Unvorhergesehene Konsequenzen

McCoy weist auch darauf hin, dass bereits mit Gründung der CIA 1947 der antikommunistische Kampf in Europa intensiviert und Schlägertrupps aus Italien engagiert wurden, um den Streik der Marseiller Hafenarbeiter zu brechen – es herrschte die kompromisslose Atmosphäre des Kalten Kriegs.

Die CIA forcierte auch in Südostasien eine antikommunistische Front, und 1973 bewegten die nach der Machtergreifung Mao-Tse Tungs noch verbliebenen Guomintang im Shan-Staat des Goldenen Dreiecks ein Drittel des Opium-Angebots der Welt. Das Goldene Dreieck war zur Quelle illegalen Opiums avanciert, Saigon wurde zur wichtigen Zwischenstation des Schmuggels, der jahrelang durch Mitglieder der Familie des Staatspräsidenten organisiert wurde; Flugzeuge, die angeblich nächtliche Feindflüge über Kambodscha unternahmen, kehrten mit Ladungen von Gold und Rauschgift zurück – die Amerikaner vor Ort hatten sich in eine Komplizenschaft mit den Rauschgifthändlern gebunden und lieferten der politischen Debatte in den USA permanenten Konfliktstoff.

Komplizenschaften

Die Komplizenschaft wird von Mc Coy detailliert nachgezeichnet. Die CIA bildete die Hmong, ein kleines Volk im Goldenen Dreieck von Laos, Thailand und Birma zu Söldnerdiensten aus und tolerierte deren steigende Heroinproduktion; auch die verbliebenen Truppen der Goumintang begründeten ihre Beteiligung am Opiumhandel mit der Notwendigkeit, ihren Krieg gegen die Kommunisten finanzieren zu müssen. Der Leser staunt, welch wesentliche Rolle der Opiumhandel spielt, eine Hand wäscht die andere.

Noch in den späten sechziger Jahren habe sich die Heroinproduktion auch nach Hongkong verlagert, wo das Rohopium zu Heroin, Morphium oder Rauchopium raffiniert wurde. Es etablierten sich Handelsketten zwischen Heroinherstellern in Laos, korsischen Seilschaften in Vientiane, Korsensyndikaten in Frankreich und amerikanischen Heroingroßhändlern. Der Opiumhandel erwies sich als überaus flexibel; nach dem Rückzug der USA aus Vietnam sei das internationale »Gewirr aus Schmuggelrouten« weit widerstandsfähiger gewesen als jemals zuvor. Der von Nixon 1971 großsprecherisch angekündigte Krieg gegen die Drogen sei lediglich begrenzt erfolgreich gewesen.

Erfolge und Rückschläge

Chinesische Teochiu-Syndikate organisierten Schmuggeloperationen oft über mehrere Kontinente hin, wir erfahren Details über die Karrieren einflussreicher Drogenhändler wie Ng Sik-ho und die Ma-Brüder. McCoy stellt die teilweise erfolgreichen Initiativen Malaysias und Thailand dar, sich gegen die illegalen Drogen-Importe zu schützen, z. B. mit dem von den UN geförderten Programm Alternative Feldfrüchte. Der Kampf gegen die Rauschgifte zeitigt durchaus auch Erfolge, doch offensichtlich ist es ein Kampf gegen ein Monster, das immer wieder auf die Beine kommt.

In den achtziger und neunziger Jahren wurde Birma zu einem Hauptlieferanten des US-amerikanischen Heroinbedarfs, Drogenerlöse wurden zu einem bedeutenden Faktor der birmanischen Gesamtwirtschaft, und erst seit den späten neunziger Jahren ist ein seitens der Politik forcierter deutlicher Rückgang zu beobachten, möglicherweise beeinflusst durch die hohe Zahl von HIV-Infektionen.

Wenig wirksame Strategien

Wie bereits bei Nixon erwiesen sich die Feldzüge Reagans, Clintons, George W. Bushs und Obamas gegen das lateinamerikanische Kokain als ineffektiv; die Anzahl der in den USA von harten Drogen Abhängigen blieb konstant bei 3,5 Millionen, das Durchschnittsalter der Heroinkonsumenten fiel von 26 auf 17, außerdem sei ein großer Markt für Metamphetamine (Ecstasy) entstanden.

Auch die eher simple Logik der USA, dass man doch nur die Drogenbarone beseitigen müsse – Manuel Noriega in Panama, Pablo Escobar im Kolumbien, Khun Sa in Birma, den Mexikaner Guzmán –, sei nicht hilfreich gewesen.

Undurchsichtige Bündnisse

In den USA wurden diverse Kriege gegen Rauschgift erklärt, und McCoy zeigt, wie die eigene Politik diese in Teilen sogar erfolgreichen Initiativen konterkarierte, und zwar stets unter Federführung der CIA. Da weiß die linke Hand nicht, was die rechte tut. Man hat den Eindruck, hier werde der Wettlauf des Hasen mit dem Igel neu inszeniert, und bei genauem Hinsehen ist empörend, dass die im Geheimen tätige CIA stets das Bündnis mit den Mohnbauern suchte und die Opiumernten anschob, so etwa mit Hekmatyar, einem pakistanischen Guerilla-Anführer, der sich zu einem führenden Drogenherren Afghanistans aufschwang.

Die internationalen Presseagenturen schwiegen über dieses Thema selbst dann noch, als pakistanisches Heroin zu Anfang der achtziger Jahre Europa und die USA überflutete. Der die Rebellen mit Waffen versorgende CIA-Apparat habe sich zugleich für den Heroin-Transport auf die internationalen Märkte einspannen lassen.

Die Erträge steigen

So kann’s gehen. Im US-Kongress wurde diese Problematik zu Beginn der achtziger Jahre behandelt, und es dauerte bis ins Jahr 1990, dass die Washington Post die interessierte Öffentlichkeit über diese unangenehmen Verwicklungen aufklärte. Man staunt über die enorme Kaltschnäuzigkeit, mit der die Verantwortlichen der CIA ihr Handeln rechtfertigten. »Unser Hauptauftrag war, den Sowjets so viel Schaden wie möglich zuzufügen. Wir hatten nicht wirklich die Ressourcen oder die Zeit für eine Untersuchung des Drogenhandels. Ich glaube nicht, dass wir uns dafür entschuldigen müssen« (Charles Cogan, 1995).

Das 1987 langsam einsetzende Ende des Geheimkriegs der CIA sowie der sowjetische Rückzug aus Afghanistan 1989 lösten eine erbitterte Konkurrenz der Mudschaheddin-Kommandeure um die besten Anbauflächen und in der Konsequenz eine erneute Steigerung der Ernte-Erträge aus.

Erste Hinterlassenschaften

Ähnliches gilt für den Kokain-Handel aus Kolumbien und das Medellín-Kartell während der von Reagan Anfang der achtziger Jahre eingeleiteten verdeckten CIA-Operationen gegen die Sandinisten in Nicaragua, auch hier begann ein von der CIA geführter Geheimkrieg. Zwar habe es Ende der achtziger Jahre eine kritische Untersuchung des US-Senats gegeben, aber erst im August 1996 habe eine Enthüllungsserie des ›The San Jose Mercury News‹ die direkte Verbindung zwischen Contra-Krieg und Drogendistribution in den USA hergestellt.

McCoy weist auch auf die hohe Zahl von Häftlingen in US-amerikanischen Gefängnissen hin, die dort ihre Strafen für Drogenbesitz und -konsum absitzen und auf bürgerliche Rechte, wie z. B. das Wahlrecht, verzichten müssen. Er deutet das – im Einklang mit den immensen Protesten, die die Serie des ›The San Jose Mercury News‹ auslöste – als eine verdeckte Form von Rassismus.

Zur künftigen Rolle der CIA

Der Rückzug der CIA von den Schlachtfeldern ihrer geheimen Kriege in Birma, Laos, Afghanistan habe zu einer beispiellosen Ausweitung der Heroinproduktion und in Afghanistan und Birma zu gesetzlosen Zuständen geführt, wo der Opiumhandel de facto legalisiert sei. Versuche seitens der USA in Afghanistan – sei es mit dem seit 2001 regierenden Premier Hamid Karsai zu kooperieren, sei es mit verstärkten eigenen Truppen – 70.000 alliierte Streikräfte 2008, 102.000 in 2009, schlugen fehl, die Lage sei nach wie vor unkontrollierbar.

Alfred McCoy erkennt zwar kurzfristige Erfolge der verdeckten Kriegführung der CIA, bedrohlich seien jedoch die langfristigen Hinterlassenschaften; er spricht sich deshalb dafür aus, der CIA die Befugnis für verdeckte Operationen zu entziehen, nicht zuletzt auch deshalb, weil Mord, Bestechung, Lügenpropaganda, Verbrechen stets Teil dieser Aktionen seien und zwangsläufig auch Kriminelle für den Geheimdienst arbeiten würden bzw. man Bündnisse mit ihnen eingehe.

Hingewiesen sei abschließend darauf, dass die Thematik in Deutschland eher beiläufig zur Kenntnis genommen wurde. In den USA wurden über lange Zeit heftige politische Debatten geführt, die die hiesigen Verlage und Nachrichtenagenturen der deutschen Bevölkerung ersparen wollten.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Alfred McCoy: Die CIA und das Heroin. Weltpolitik durch Drogenhandel
(The Politics of Heroin: CIA Complicity in the Global Drug Trade, Chicago 1972/2003)
Frankfurt/Main: Westend Verlag 2016
761 Seiten, 24 Euro
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