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Ambitioniertes Programm

Gesellschaft | Martha Nussbaum: Die neue religiöse Intoleranz

Burkaverbot in Frankreich, Minarettverbot in der Schweiz, Kopftuchverbote bei uns, hitzige Debatten um Moscheebauten, Beschneidung oder rituelles Schlachten – die europäischen Gesellschaften scheinen Amok zu laufen. Muslimische Minderheiten sollen mit ihren Symbolen anscheinend für die katastrophal verfahrene westliche Nahostpolitik büßen. Wie man mit dem auch in den USA wachsenden Muslimhass umgehen könnte, will Martha Nussbaum in ›Die neue religiöse Intoleranz‹ zeigen. Von PETER BLASTENBREI

Martha Nussbaum: Die neue religiöse IntoleranzNussbaum, Philosophieprofessorin an der Universität Chicago und Kolumnistin der ›New York Times‹, wurde 2011 gebeten, für die Online-Literaturbeilage dieser Zeitung einen Kommentar zum Burkaverbot in Frankreich zu schreiben. Aus ihrem damaligen Artikel ist dieses Buch entstanden, das einen weiten Bogen vom entwicklungsgeschichtlichen Ursprung der Angst bis hin zum Streit um die sogenannte Ground Zero-Moschee in New York schlägt.

Angst ist ein schlechter Ratgeber, sagt man im Deutschen. Doch erst einmal ist Angst einfach lebensnotwendig: wer vor dem Wolf nicht wegläuft, wird gefressen. Zugleich ist Angst aber ein wenig differenziertes Gefühl, das nur die Alternativen Flucht oder Kampf kennt. In Verbindung mit der menschlichen Fantasie wird daraus schnell eine explosive Mischung. Denn unsere Vorstellungskraft ist nun einmal leicht manipulierbar und lässt sich für Ziele weit jenseits von rationaler Gefahrenabwehr mobilisieren, auch gegen unbeteiligte Fremde. Gewusst haben das schon altgriechische Philosophen.

Angst und Empathie

Emotional sind wir also für ein Leben in komplexeren Gesellschaften nicht gut ausgestattet. Die Autorin schlägt gegen dieses Manko ein politisch-philosophisches Dreischritt-Modell vor, gute politische Prinzipien des sozialen Zusammenlebens, Kontrolle der eigenen Motive und Empathie gegenüber dem Fremden.

Nussbaums Beipiel für gute politische Prinzipien ist der Schutz der Religionsfreiheit in den USA. Aus einem Halbsatz in der Bill of Rights von 1791 hat die US-Rechtssprechung der letzten 200 Jahre einen umfassenden Schutz aller noch so marginalen Religionen und aller Sitten und Gebräuche entwickelt, sofern sie nur irgendwie religiös begründbar sind.

Im Kapitel zur Kontrolle der eigenen Motive geht es um sorgfältige, ehrliche und rationale Überprüfung eigener Standpunkte auf Gerechtigkeit und Unparteilichkeit. Nussbaums Umgang mit den Begründungen des französischen Burkaverbots leidet allerdings an der Banalität nicht weniger ihrer Argumente, dem ausgefeilten Wortlaut des Gesetzes selbst mit seinem durchdachten Ausnahmenkatalog kommt sie argumentativ nicht recht bei. Erschwerend kommt hinzu, dass Nussbaums religionszentriertem Denken der traditionelle französische Laizismus an sich schon herzlich unangenehm ist.

Empathie, Gegenbild der Angst und Basis guten Sozialverhaltens, erläutert sie anhand berühmter historisch-literarischer Beispiele: der Verständigungspolitik des frühen nordamerikanischen Sozialphilosophen Roger Williams (um 1603-1684) gegenüber den Naragansett-Indianern, Lessings ›Nathan der Weise‹, George Eliots ›Daniel Deronda‹ und Kinderbüchern der US-Autorin Marguerite De Angeli (1889-1987).

Ausführlich beschreibt die Autorin schließlich den Streit um die Ground Zero-Moschee in New York, die gar nicht direkt am ehemaligen World Trade Center, sondern mehrere Häuserblocks entfernt entstehen sollte. Die Diskussion wurde entlang der Linien des Rechts, der Rücksichtnahme auf die Opfer und der politischen Opportunität geführt und blieb, von wenigen Ausnahmen abgesehen, wohltuend sachlich (mit Sarah Palin in der ungewohnten Rolle als gemäßigte, nachdenkliche Sprecherin). Entschieden wurde bisher nichts, das Projekt liegt auf Eis.

Transatlantische Froschperspektive

Bücher aus den USA haben durch ihren engen Bezug auf die dortigen Verhältnisse oftmals nur einen sehr beschränkten Gebrauchswert bei uns. Das trifft hier leider zu. Was die Sache darüberhinaus auch noch ärgerlich macht, ist Nussbaums offensives Plädoyer für die US-Praxis des Umgangs mit Minderheiten, die sie in direkten Kontrast zur europäischen Praxis setzt. Ein echter Vergleich, kenntnisreich und mit einem Sinn für die Unterschiede durchgeführt, könnte für beide Seiten hilfreich sein. Hier findet er nicht statt.

Schon der Fundamentalunterschied – hier Einwanderergesellschaft, zusammengesetzt aus Minderheiten, die sich Normierungen zum Zweck der Selbsterhaltung verbieten musste, dort Gesellschaften mit gewachsenen Mehr- und Minderheiten in wilder Gemengelage – wird von ihr nicht thematisiert. Stattdessen konstruiert sie eine »europäische Norm«, die es natürlich nie gegeben hat, denn jedes Land musste seine eigenen Formen des Umgangs mit seinen Minderheiten und Einwanderern parallel zur Überwindung der Ständegesellschaft und zur Entstehung des modernen Nationalstaats finden.

Typisch für ihr Vorgehen ist, dass sie diese konstruierte »europäische Norm« allein an der US-Praxis der Religionsfreiheit misst, als ob es sich in Europa nicht um komplexe nationale, sprachliche, kulturelle und religiöse Unterschiede handelte. Das betont laizistische Modell Frankreich lässt sie, ebenfalls nicht untypisch, einfach aus, weil es »nicht der [europäischen] Norm entspricht« (S. 86).

Die unnötige Frontstellung überdeckt zugleich eine fatale Gemeinsamkeit: Politik und Gesellschaft tendieren diesseits wie jenseits des Atlantiks dazu, Rechtssicherheit und wirtschaftlich-soziale Wohltaten für In-Groups zu reservieren.

Um nicht missverstanden zu werden: Nussbaums Vorhaben ist ehrenwert und in vielen Punkten überzeugend gelungen. Ihr Buch bietet allerdings keine Handlungsanleitung gegen eine Politik der Angst, sondern beschreibt eher einen Zustand, einen recht idealen Zustand zudem. Machtpolitik oder wirtschaftliche Nöte kommen darin nicht vor (trotz des Hinweises auf politische Manipulierbarkeit). Verbreiteter Vandalismus gegen US-Moscheen oder ein Gesetzentwurf in Tennessee mit dem Verbot des Befolgens von Schariavorschriften (S. 19, 21) sind also bedenkliche Zeichen, aber in einem letztlich gesunden System beherrschbar.

Im Zeitalter von Guantanamo und der Todesmauer an der mexikanischen Grenze, wahren Monumenten einer Politik der Angst, reicht das nicht aus.

| PETER BLASTENBREI

Titelangaben
Martha Nussbaum: Die neue religiöse Intoleranz. Ein Ausweg aus der Politik der Angst
(The New Religious Intolerance. Overcoming the Politics of Fear in an Anxious Age, 2012)
Deutsch von Nikolaus de Palézieux
Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2014
220 Seiten. 39,95 Euro

Nominiert für den NDR Kultur Sachbuchpreis 2014

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