Halbwaise

Textfeld | Kerstin Fischer: Halbwaise

Nachtspiegelbild.
Unter der gefalteten Haut ist Karst.

Ich versuche, die Knoten in den Rapsfeldern zu lösen
und vertreibe die Schneegeister, die die Hänge meiner Gedanken
spülen. Dann reihe ich die Perlen des Überlebenstriebes
aneinander. Jede Perle ein Mensch, der mir begegnet. Die Abstände sind verwittert.
Ich bin eine Halbwaise auf Mutter Erde. Die Fäden der Verankerung
sind blass, die durch meine Adern schimmern. Ich laufe um das Jenseits herum
und nähe am Saum.

| KERSTIN FISCHER

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Getroffen 

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In der Ojo de Liebre, sagte Sut, ist der Grauwal in Reichweite, die ›Boston‹ liegt geschützt vor Anker, uns bleibt Mühsal erspart. Daß er sich wehren kann, hat unser erster Einsatz bewiesen.

Der Abend war mild, das Meeresrauschen klang aus weiter Ferne, Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer.

Die Männer genossen die Fangpause, der Ausguck schlug einen Salto, sie lachten und applaudierten.

Ob ein Pottwal reichere Erträge liefere, fragte der Rotschopf.

Sein Walrat sei einzig, sagte Sut, in seinen Gedärmen findet ihr Ambra. Doch du stellst ihm weit draußen auf den Ozeanen nach – zwei, drei Jahre in eins auf See, das sei weiß Gott nicht jedermanns Sache.

Falsche Signale

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Eine Debatte findet ja gar nicht statt, Susanne, es geht vor allem darum, die Bevölkerung zu beruhigen, hysterische Reaktionen zu vermeiden.

Ist das verkehrt?

Auf keinen Fall. Tilman stand auf, holte den Tee aus der Küche und stellte die Kanne auf das schlichte weiße Stövchen, das ohne den zierlichen lindgrünen Drachen, der das übrige Service schmückte, stets leicht fehl am Platz wirkte.

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In der Ojo de Liebre herrschten spezielle Umstände, man mag darüber denken, was man will, und die Fangpause hatte der Mannschaft zu guter Letzt ein Gefühl von Leichtigkeit verschafft oder immerhin eine Ahnung davon, wir gestatten uns kurz einen Blick zurück, vor allem Eldins verletzte Schulter hatte den Anlaß für diese Maßnahme geboten, wie sollte er in diesem Zustand eine Harpune werfen, andere hatten sich Zerrungen zugezogen, Schürfungen, Stauchungen, Kratzer.

Landschaft II

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Er sei neugierig geworden, sagte Farb, und habe selbst etwas über chinesische Landschaftsmalerei gelesen.

Annika lächelte. Lesen macht schlau, sagte sie und schenkte Tee nach, Yin Zhen.

Tilman blickte auf.

Sie habe sich unter der Tang-Zeit im siebten bis neunten Jahrhundert herausgebildet, sie habe ihre Blüte unter den Song und Yuan (10. Jh. bis 15. Jh.) erlebt, ihr Schwerpunkt habe sich seit Mitte des achtzehnten Jahrhunderts auf das Genre der Blumen und Vögel verlagert, und im neunzehnten Jahrhundert sei die große Landschaftsmalerei nach und nach erloschen.

Eine außergewöhnlich lange Zeit, sagte Annika.

Ihr Ende, so werde erklärt, sagte Farb, bilde den Verlust der Einheit von Natur und Kultur ab und, wenn man so wolle, ein Verschwinden der Welt überhaupt, es herrschen ungewöhnliche Zeiten.

Große Worte. sagte Annika.

Kulturrevoltion

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Er habe nachgedacht, räumte Farb ein, er sei neugierig geworden und habe sich informiert.

Anne schenkte Tee nach, Yin Zhen.

Farb warf einen Blick auf seine Tasse, er war vernarrt in den zierlichen rostroten Drachen, nur den Henkel, der sich im oberen Teil gabelte, fand er unpassend.

Tilman war rückte ungeduldig näher zum Couchtisch und suchte eine schmerzfreie Sitzhaltung einzunehmen. Farb hätte sich über Echnaton informiert? Wikipedia als Türöffner zum alten Ägypten?