Halbwaise

Textfeld | Kerstin Fischer: Halbwaise

Nachtspiegelbild.
Unter der gefalteten Haut ist Karst.

Ich versuche, die Knoten in den Rapsfeldern zu lösen
und vertreibe die Schneegeister, die die Hänge meiner Gedanken
spülen. Dann reihe ich die Perlen des Überlebenstriebes
aneinander. Jede Perle ein Mensch, der mir begegnet. Die Abstände sind verwittert.
Ich bin eine Halbwaise auf Mutter Erde. Die Fäden der Verankerung
sind blass, die durch meine Adern schimmern. Ich laufe um das Jenseits herum
und nähe am Saum.

| KERSTIN FISCHER

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Kulturen

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Schwierig, das zu erklären, sagte Ramses und warf einen zweifelnden Blick auf das Gohliser Schlößchen, Gebäude dieser Art waren ihm fremd.

Farb lächelte. Unsere Kulturen, sagte er, seien nun einmal von Grund auf verschieden.

Niemand werde behaupten, sagte Wette, daß die Moderne von Religion geprägt sei, ganz im Gegenteil, sagte er, das Maschinenwesen herrsche in den Köpfen der Menschen und bestimme ihr Leben.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Schlagsahne.

Annika legte ihr Reisemagazin beiseite.

Lücken

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Lücken

Die Situation sei verfahren, sagte Farb, zuallererst müsse man den trügerisch strahlenden Lack auflösen und einen Zugang zur Wirklichkeit schaffen.

Er warf einen Blick hinüber zum Gohliser Schlößchen.

Das Maschinenwesen habe sich die Deutungshoheit angeeignet, dessen erdrückende Version der Wirklichkeit komme für den Menschen einer Gehirnwäsche gleich, und es werde ein lange anhaltender, schmerzhafter Prozeß sein, sagte Farb, ein verzweifelter Kampf, diese falschen Bilder zu brechen und die echte Version freizulegen, die Version des Menschen.

Sut lehnte sich zurück und lächelte.

Hitze

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Hitze

Wie schön!

Die Dinge bewegen sich, Annika, sie nehmen Fahrt auf.

Das kann man so sehen.

Die Glut bricht durch die Oberfläche, die verkrusteten Verhältnisse werden aufgeweicht.

Ein Lebenszeichen.

Herrlich, sagte Farb, man möchte meinen, der Planet wache auf.

Oder einfach nur, daß er sich in seiner Ruhe gestört fühle.

Farb lachte. Wut und Ärger als Beweggrund, mag sein, jedenfalls reagiere er höchst lebendig, er sei erzürnt, wer könne ihm das verübeln.

Von Termoth und Farb

Wolf Senff: Von Termoth und Farb Das war Termoth, der da auf die ›Boston‹ zu kam, niemand sonst hatte diese Statur, die beiden Grauwale, die sie am ersten Tag erlegt hatten, waren geflenst, die Kocherei am Strand qualmte und stank nicht mehr, es gab keinerlei Nachschub.

Blindlings

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Blindlings

Wir leben über unsere Verhältnisse, sagte Tilman und griff zu einem Marmorkeks, er hatte Marmorkekse eingekauft anstelle der Vanillekipferl, die im Geschmack nachgelassen hatten, seitdem die Preise für Vanille so massiv angezogen hatten, wir erwähnten das kürzlich und werden uns damit jetzt nicht weiter aufhalten.

Farb nickte, tat sich eine Pflaumenschnitte auf, nahm einen Löffel Schlagsahne dazu und strich sie langsam und sorgfältig glatt.

Annika blätterte in ihrem Reisemagazin. Ob sie eine vierte Person einladen sollten, überlegte sie, zu viert könnten sie Doppelkopf spielen, aber wen, vielleicht den Wette, oder Ramses ließe sich wieder einmal sehen, ja, Ramses II., er halte sich gelegentlich hier auf, aber spiele er Doppelkopf, nein, sagte sie, die Pearl S. Buck habe sie beiseite gelegt, wie peinlich, sie habe einen zweiten Roman von ihr gelesen und könne sie niemandem empfehlen.

Die Dinge fügten sich nicht mehr zusammen, sagte Tilman.

Ob sie das je hätten, fragte sich Farb.