/

Der versöhnende Friedensmacher

Menschen | Zum Tod des Literatur-Nobelpreisträgers Imre Kertész

»Ich nehme mich nicht so ernst, tue nicht so, als ob ich etwas Wichtiges auf dieser Welt machen könnte. Ich spiele mit meinen Erfahrungen, mit meinem Leben. Etwas zu schreiben ist ein Spiel«, bekannte Imre Kertész 2006 in einem Interview mit der ›Zeit‹. Vornehme Zurückhaltung, leicht kokettes Understatement und spitzzüngige Ironie klingen aus diesen Worten – ein auch für Kertész‘ literarisches Werk durchaus charakteristischer Tonfall. Von PETER MOHR

ImreKertesz»In Ungarn bin ich zum Nationalhelden geworden. Ich muss diese Rolle annehmen. Wir sind gespalten, Liberale und Nationalisten stehen sich unversöhnlich gegenüber. Meine Aufgabe heißt jetzt: Frieden machen«, hatte Kertész 2003 in einem Interview betont. Seine nach der Nobelpreisverleihung enorm gewachsene Popularität genoss Kertész, der viele Jahre in Berlin lebte, in vollen Zügen und kam vielen internationalen Einladungen nach. So war er u.a. 2007 Gastredner bei der Auschwitz-Gedenkstunde im Deutschen Bundestag. Kertész hielt keine politische Rede, sondern las vor den damals überraschten Abgeordneten aus seinem Roman ›Kaddisch für ein nicht geborenes Kind‹.

»Kertész beschreibt in seinem Werk die Zerbrechlichkeit des Einzelnen in einem barbarischen Geschichtsverlauf«, hieß es 2002 (absolut zutreffend) in der Begründung des Stockholmer Nobelpreiskomitees. Der ungarische Schriftsteller war immer ein querdenkender Individualist, der sich weder literarisch noch politisch in die gängigen »Schubladen«-Kategorien einordnen ließ. Er hatte sich als ehemaliger KZ-Häftling stets vehement gegen den »widerwärtigen Stempel des Opfers« gewehrt und immer wieder beharrlich seine ureigene Form des intellektuellen Nonkonformismus verteidigt: »Ich bin ein anderer Jude. Was für einer? Ein Keinerlei-Jude. Ich bin anders.«

Kertész‘ »geistige Heimat« lag immer in der Literatur. Spätestens seit dem Erfolg seines ›Roman eines Schicksallosen‹ (dt. 1996, Rowohlt) wurde sein Name in der ersten Garnitur der europäischen Romanciers geführt. Erst zwanzig Jahre nach der Erstveröffentlichung in Ungarn erschien dieser erschütternde Auschwitz-Roman, mit dessen Niederschrift der Autor schon 1960 begonnen hatte, in deutscher Übersetzung. Ein Thema, das ihn zeitlebens beschäftigt hat: »Gegen mich wird vorgebracht, ich schriebe nur über ein einziges Thema (nämlich Auschwitz) und sei somit nicht repräsentativ für Ungarn.«

Imre Kertész, am 9. November 1929 in Budapest geboren, wurde 1944 von den Nazis deportiert, überlebte die Konzentrationslager Buchenwald und Auschwitz, machte nach seiner Rückkehr nach Budapest 1948 sein Abitur und arbeitete dann als Journalist bei der später von den Kommunisten übernommenen Tageszeitung ›Világosság‹. Seine ersten künstlerischen Gehversuche machte Kertész als Textschreiber für Musicals, dann begann er Romane, Erzählungen, Essays und Theaterstücke zu schreiben und machte sich überdies als Übersetzer von Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud, Hugo von Hofmannsthal, Elias Canetti, Joseph Roth und Ludwig Wittgenstein rasch einen Namen. Im Mittelpunkt seines literarischen Werks stand die Trilogie, die Kertész mit dem ›Roman eines Schicksallosen‹(1975) eröffnete und mit den Romanen ›Fiasko‹ (1988) und ›Kaddisch für ein nichtgeborenes Kind‹ (1989) fortsetzte. Der Zeitzeuge des Grauens vermied es, allzu stark aus dem Blickwinkel der Opfer zu schreiben, sondern bevorzugte als Erzählperspektive eine Art höhere moralische Instanz – inspiriert von einem ideologiefreien Humanismus.

Als letztes bedeutendes Werk war der schmale Roman ›Liquidation‹ (2003) erschienen. Darin steht – man darf autobiografische Parallelen vermuten – ein ungarischer Intellektueller im Zentrum, der mit dem Verlust der alten politischen Strukturen (der Fall des »Eisernen Vorhangs«) auch die Bodenhaftung im Alltag verliert. Imre Kertész‘ Bücher eignen sich ganz und gar nicht für die schnelle Lektüre zwischendurch, denn sie stecken voller hintergründiger Anspielungen, listenreicher Verschachtelungen und nur mäßig getarnter Querverweise auf frühere Werke. ›Fiasko‹ zu lesen, ohne den ›Roman eines Schicksallosen‹ zu kennen, dürfte ein schwieriges Unterfangen sein, denn Kertész‘ Gesamtwerk kommt wie ein gigantisches Puzzle daher. Fehlt ein Mosaiksteinchen, fügt sich der Rest nicht zu einer harmonischen Einheit. Ein Abschlussband der Tagebücher des Nobelpreisträgers soll im Herbst unter dem Titel ›Der Betrachter – Aufzeichnungen 1991 bis 2001‹ bei Rowohlt erscheinen.

Gestern ist der bedeutende Romancier und singuläre Versöhnungskünstler Imre Kertész nach langer Krankheit in Budapest im Alter von 86 Jahren gestorben.

| PETER MOHR

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

»Sex, drugs and Rock ‚n‘ Roll« oder: »The times they are a-changin‘«

Nächster Artikel

Über das seltsame Gefühl in der Ratgeberecke

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Der passende Held für jeden

Kinderbuch | Maria Isabel Sánchez Vegara: Little People, BIG DREAMS

Die Reihe ›Little People, BIG DREAMS‹ ist längst bei über 100 Titeln angekommen mit ganz unterschiedlichen Menschen, die in den verschiedensten Bereichen Großes geleistet haben. Auch die neuen Biografien von fünf Männern findet ANDREA WANNER eine großartige Auswahl, gerade weil sie so unterschiedlich sind.

»Wir sind Kulturtankstellen«

Interview | Unabhängiger Buchhandel
Vom 31.Oktober bis 7. November 2020 findet die Woche der unabhängigen Buchhandlungen (WUB) statt – eine Woche nur für die die Buchhändler*innen, die sich das ganze Jahr über vor Ort für das Buch stark machen. Inhabergeführte Buchhandlungen haben in Deutschland eine lange Tradition. Mit ihrer Arbeit leisten die Indie-Buchhandlungen einen wichtigen Beitrag zum kulturellen und gesellschaftlichen Leben ihrer Stadt und der Region. Seit 2014 zeigen sich die unabhängigen Buchhandlungen eine Woche lang im November von ihrer schönsten Seite, führen Aktionen durch und krönen das Lieblingsbuch der Unabhängigen. Über 700 unabhängige Buchhandlungen (»Indies«) in ganz Deutschland nehmen an der Initiative teil. FLORIAN BIRNMEYER hat aus diesem Anlass einige Inhaber*innen interviewt.

» …von Anfang an ein gewagter Wurf«

Comic | Interview mit Gabriel Bá Seit dem 15. Februar begeistert die Comic-Adaption von ›The Umbrella Acadey‹ auf Netflix. Der erste deutschsprachige Band der zugrunde liegenden Comicreihe erschien Anfang 2009 bei Cross Cult. PETER KLEMENT hat Gabriel Bá, den Zeichner der Reihe, seinerzeit zum Interview gebeten. Er sprach mit ihm über Dream Teams, besessenen Statuen und der Arbeit mit einem Rockstar – und hat interessante Antworten bekommen.

Von Hölderlin zu den Torii

Kulturbuch | Dietrich Seckel: Berichte aus Japan

In Heidelberg begründete Dietrich Seckel die ostasiatische Kunstgeschichte in Deutschland, seine Briefe aus Japan von 1936 bis 1941 sind jetzt erschienen, mit einer Fülle an Informationen, lebendig geschrieben und mit stets kritischem Blick auf Japan und Deutschland. Von GEORG PATZER

Die ungeliebte Tochter

Menschen | Kerstin Holzer: Monascella – Monika Mann und ihr Leben auf Capri

Sie trug einen berühmten Namen und eine große Bürde. Monika Mann ist die Außenseiterin der legendären, faszinierenden Künstlerfamilie. Doch Sonderlinge sind spannend - in der Literatur wie im Leben, findet Kerstin Holzer, die ein zutiefst einfühlsames und bewegendes Porträt der Tochter von Thomas Mann geschrieben hat. Die Autorin begibt sich in ›Monascella – Monika Mann und ihr Leben auf Capri‹ auf die Spuren einer Frau, die auf der italienischen Insel ihre Selbstbefreiung und die Liebe erfuhr und zur Schriftstellerin reifte. Von DIETER KALTWASSER