/

Das kritische Gewissen Spaniens

Menschen | Zum Tode des Schriftstellers Rafael Chirbes

»Ich recherchiere nicht, suche keine Daten. Ich nehme auf, was ich auf der Straße mitbekomme. Die Lektüre von Marx hat mir geholfen, das Wesentliche wahrzunehmen, das, was eine Gesellschaft ausmacht. Und mein Unterbewusstsein«, hatte der bedeutende spanische Romancier Rafael Chirbes einmal erklärt. Von PETER MOHR

Abb: Hpschaefer
Abb: Hpschaefer
Er stammte aus einfachen Verhältnissen; sein Vater, der bereits 1953 gestorben ist, war einst Gleisarbeiter und seine Mutter hatte ihn in Internate für Eisenbahnerwaisen geschickt.

»Auch heute bin ich noch unten, wirtschaftlich gesprochen, vielleicht nicht mehr so tief wie vorher. Ich mache neben dem Schreiben andere Dinge, um Geld zu verdienen. Mein Haus konnte ich mir übrigens von dem Geld kaufen, das der Verkauf des Romans ›Der lange Marsch‹ in Deutschland einbrachte«, hatte Rafael Chirbes vor zwei Jahren in einem Interview mit der ›Neuen Zürcher Zeitung‹ erklärt.

Mit ›Der lange Marsch‹ (1996) hatte er früh eines seiner zentralen Sujets gefunden – Spanien auf dem dornenreichen Weg von der Franco-Diktatur zur Demokratie. Chirbes verfolgte in diesem Roman über einen Zeitraum von drei Jahrzehnten das Leben von sieben höchst unterschiedlichen spanischen Familien.

Nach dem Geschichtsstudium in Madrid arbeitete der am 27. Juni 1949 in der Nähe von Valencia geborene Autor als Sprachlehrer und Journalist, bevor er in den 1980er Jahren mit dem Schreiben begann. Chirbes, der insgesamt neun Romane, dazu Erzählungen und viele kritische Essays verfasst hatte, war stets ein subtiler Beobachter, ein Chronist der Missstände, der sein Ohr am Puls der kleinen Leute hatte.

»Ich habe den Roman in der Region spielen lassen, in der ich selbst lebe. Es ist eine Welt ohne Prinzipien, in der die Umwelt zerstört wird«, bekannte Chirbes über seinen 2008 in deutscher Übersetzung erschienenen Roman ›Krematorium‹. Die Bausünden in der Küstenregion zwischen Valencia und Murcia gehen in diesem Roman auf das Konto der Romanfigur Rubén Bertomeu, die unzählige Apartment-Hochhäuser und Bungalow-Siedlungen errichtete und erfolgreich vermarktete. Bestechung und Korruption sind dem erfolgreichen Unternehmer nicht fremd, Rücksichtnahme ist nicht seine Sache. Als seinem schwer erkrankten Jugendfreund Federico Brouard, der ihn und seine architektonischen Sünden viele Jahre lang bekämpfte, finanziell das Wasser bis zum Hals steht, kauft er dem drogenabhängigen Schriftsteller ein Grundstück unter Wert ab und errichtet weitere Apartmenthäuser. Doch jener Rubén wird nachdenklicher, denn sein jüngerer Bruder Matías ist an Krebs gestorben.

Rafael Chirbes lässt seinen vielstimmigen, reflexiven Roman am Vormittag der Einäscherung spielen – an nur einem einzigen Tag, wie auch seinen letzten Roman ›Am Ufer‹ (2013/wie fast alle Romane in dt. Übersetzung im Antje Kunstmann Verlag erschienen), in dem sich Chirbes mit der Wirtschaftskrise in seinem Heimatland auseinander setzte und die normierte, ordnungsbestimmte mitteleuropäische Mentalität mit der mediterranen Lebensweise verglich. Die Kleinstadt Olba fungierte dabei als eine Art Spiegelbild für das krisengeschüttelte Spanien, das unter dem Platzen der sogenannten »Immobilien-Blase« dramatisch zu leiden hatte.

Am Samstag ist Rafael Chirbes, der zuletzt in der Nähe von Alicante gelebt hatte, im Alter von 66 Jahren an Lungenkrebs gestorben. Spanien hat einen seiner bedeutendsten Schriftsteller der Nachkriegszeit verloren – eine Art kritisches Gewissen, eine deutlich vernehmbare, mahnende Stimme, die von ganz unten kam.

| PETER MOHR

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Großmacht, fortges.

Nächster Artikel

Alles andere als sicher

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Landschaften der Heimatlosigkeit

Menschen | Zum 65. Geburtstag der Nobelpreisträgerin Herta Müller Es war eine handfeste Überraschung, als der Schriftstellerin Herta Müller im Oktober 2009 der Nobelpreis für Literatur zugesprochen wurde. »Sie zeichnet mittels der Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit«, hieß es damals in der Begründung des Stockholmer Komitees. Die seit vielen Jahren in Berlin lebende Schriftstellerin hat sich in ihren sprachlich ausgefeilten, bisweilen lyrisch anmutenden Werken immer wieder mit Verfolgung und Heimatlosigkeit, mit Umzügen und Neuanfängen beschäftigt. Die thematischen Eckpfeiler stammen aus ihrer eigenen bewegten Vita. Von PETER MOHR

Literatur und Philosophie im Gleichschritt

Menschen | Zum Tod des Schriftstellers und Wissenschaftlers Umberto Eco Als er 2014 in Mainz den Gutenberg-Preis erhielt, wurde er als »begnadeter Erzähler« gewürdigt und gleichzeitig seine »brillanten kulturtheoretischen Überlegungen« gerühmt. Am Freitagabend ist der Erfolgsschriftsteller und hochdekorierte Wissenschaftler im Alter von 84 Jahren im Kreis seiner Familie gestorben. Von PETER MOHR

Weder Historiker noch Prophet

Menschen | Zum Tod des Schriftstellers Milan Kundera

»Man muss sie lieben, die Bedeutungslosigkeit, man muss lernen, sie zu lieben«, verkündete Ramon, eine der Hauptfiguren in Milan Kunderas letztem Roman ›Das Fest der Bedeutungslosigkeit‹ (2015). Es war ein spielerisches Buch der großen Gegensätze – von Liebe und Hass, von Tragik und Komik, von Wahrheit und Lüge, von Aufrichtigkeit und Selbsttäuschungen. Von PETER MOHR

Meine Heimat ist ein Bett und eine Bühne

Menschen | George Tabori wurde vor 100 Jahren geboren »Ich bin kein Regisseur, ich bin ein Spielmann. Ich bin grundsätzlich ein Fremdling. Erst hat mich das gestört, aber alle Theatermacher, die ich liebe, waren Fremde. Meine Heimat ist ein Bett und eine Bühne«, verkündet Dirty Don, das zumeist schlafende Bühnen-Ego aus Taboris letztem Stück Gesegnete Mahlzeit, das drei Monate vor seinem Tod im Rahmen der Ruhrfestspiele in Recklinghausen uraufgeführt wurde. – Der Georg-Büchner-Preisträgers George Tabori wurde vor 100 Jahren geboren (*am 24. Mai). Von PETER MOHR

Die ungeliebte Tochter

Menschen | Kerstin Holzer: Monascella – Monika Mann und ihr Leben auf Capri

Sie trug einen berühmten Namen und eine große Bürde. Monika Mann ist die Außenseiterin der legendären, faszinierenden Künstlerfamilie. Doch Sonderlinge sind spannend - in der Literatur wie im Leben, findet Kerstin Holzer, die ein zutiefst einfühlsames und bewegendes Porträt der Tochter von Thomas Mann geschrieben hat. Die Autorin begibt sich in ›Monascella – Monika Mann und ihr Leben auf Capri‹ auf die Spuren einer Frau, die auf der italienischen Insel ihre Selbstbefreiung und die Liebe erfuhr und zur Schriftstellerin reifte. Von DIETER KALTWASSER