/

Vom Schreibrausch erfasst

Menschen | Zum 80. Geburtstag von Joyce Carol Oates

Unendlich viel hat Joyce Carol Oates schon geschrieben – allein mehr als 60 Romane, und in den letzten Jahren ist sie immer wieder als heiße Nobelpreiskandidatin gehandelt worden. Mit ihrem neuen Werk, das kurz vor ihrem 80. Geburtstag erschienen ist, hat sie noch einmal ein völlig neues thematisches Terrain betreten. Von PETER MOHR

Der Mann ohne SchattenÄhnlich wie ihr vor knapp vier Wochen verstorbener Landsmann Philip Roth ist auch für Oates das Schreiben ein geradezu existenzieller Akt. Bei beiden hat der gigantische künstlerische Output zu frappierenden Qualitätsunterschieden geführt. Einen augenfälligen Negativausreißer hatte Joyce Carol Oates ihren Lesern zuletzt mit dem Roman ›Die Verfluchten‹ (2014) beschert – einer Mischung aus Gesellschaftskritik, Schauergeschichte und historischer Klatsch- und Tratschstory.

In ihrem neuen Roman widmet sie sich – ausgehend von einer realen Biografie – dem medizinischen Phänomen der anterograden Amnesie, ein ganz extremer Verlust des Kurzzeitgedächtnisses. Der Handlung liegt der Lebens- und Leidensweg des Amerikaners Henry Gustav Molaison (1926-2008) zugrunde, der unter dieser sehr seltenen und besonders virulenten Form des Kurzzeitgedächtnisverlustes litt. Diese Personen können sich bisweilen nicht mehr an Ereignisse erinnern, die nur wenige Minuten zurückliegen.

»Er ist in ewiger Gegenwart gefangen. Wie jemand, der im Halbdunkel der Wälder im Kreis herumläuft – ein Mann ohne Schatten«, heißt es bei Joyce Carol Oates über ihre an anterograder Amnesie leidende Hauptfigur Elihu Hoopes. Ein ehemaliger Wirtschaftswissenschaftler, dessen Intelligenzquotient um die 150 liegt und der für die Experten der Neurowissenschaften ein ebenso begehrtes wie rätselhaftes Forschungsobjekt ist.

Die junge Wissenschaftlerin Margot Sharpe widmet sich dem »Fall Hoopes« auf ganz spezielle Weise. Sie spielt dem Patienten vor, seine Frau zu sein und erhält auf diese Weise einen besonderen Zugang zu Hoopes.

Das ist einerseits kühn und mutig angelegt und auch eine künstlerisch große Herausforderung, aber andererseits sind medizinische Experimente, die auf fragwürdigen Methoden basieren, stets mit einem moralischen Makel behaftet.
Forscherehrgeiz und ethische Skrupel fechten hier im Hintergrund (im Lektüre-Subkontext des Lesers) einen unsichtbaren Kampf aus.

Den künstlerischen Spagat bewältigt Oates geradezu bravourös. Ihre Passagen aus der Sicht des Patienten Hoopes lesen sich so beklemmend authentisch, dass sie beim Leser beinahe körperliches Unwohlsein auslösen. Das Detailwissen um die fließenden Übergänge zwischen »hellen und dunklen Momenten« verdankt die Autorin vermutlich ihrem zweiten Ehemann Charles G. Gross, der bis zu seiner Emeritierung als Hirnforscher in Princeton arbeitete. Es sind bisweilen die Kleinigkeiten, in denen sich die Tragik verbirgt. Hoopes Zauberwort lautet »Hallo«. Mit dieser unpersönlichen, aber nicht unhöflichen Begrüßungsformel kaschiert der ehemalige Ökonom oft seine »Aussetzer«, wenn ihm Namen, Bezugspunkte und Zusammenhänge fehlen.

»Ich habe all diese hässlichen Wörter einfach hingeschrieben und bin dabei allmählich in Fahrt gekommen. Ein stiller Schreibrausch hat mich erfasst«, ließ Oates einst eine Figur in ihrem Roman ›Zombie‹(dt. 2000) erklären. Ein Resümee, das auch auf die Autorin zutrifft, die von der Literatur besessen ist und die von sich selbst sagt: »Wenn ich nicht schreibe, dann lese ich.«

Schon als Schülerin soll sie die ersten Geschichten verfasst haben, als junge Studentin (so die Legende) schrieb sie pro Semester einen Roman, die Veröffentlichung ihres ersten Bandes mit Kurzgeschichten liegt schon mehr als fünfzig Jahre zurück, und bereits 1969 erhielt sie für den Roman ›Them‹ den National Book Award. Inzwischen sind es mehr als 60 (publizierte) Romane, über 100 Kurzgeschichten, dazu zahllose Essays, Theaterstücke, Drehbücher, Kritiken und wissenschaftliche Aufsätze.

Joyce Carol Oates, die am 16. Juni 1938 im ländlichen Städtchen Lockport im US-Bundestaat New York als Tochter eines verarmten Bauern geboren wurde, hat ein ausgeprägtes Faible für die epische Breite. Diese Beschreibungsmanie, die sie mit ihren Vorbildern James Joyce und Thomas Mann teilt, hat hin und wieder auch zu einer anstrengenden Langatmigkeit geführt.

John Demke, Joyce Carol Oates 2013, CC BY 2.0Den Vorwürfen der Vielschreiberei begegnet die seit 1987 in Princeton als Professorin für kreatives Schreiben lehrende Autorin mit Hinweisen auf ihre Arbeitsweise: »Leben heißt für mich arbeiten.« Da sie nach eigenem Bekunden nie länger als sechs Stunden schläft, bleiben pro Tag 18 Stunden, um zu schreiben, zu lesen oder zu lehren.

Mit ihrem jüngsten Roman ›Der Mann im Schatten‹ hat Joyce Carol Oates auf jeden Fall bewiesen, dass sie nach wie vor ungemein neugierig ist – ohne jegliche Scheu vor heiklen Themen. Eine schmerzhafte erzählerische Grenzerkundung, die den Leser aufgewühlt und in einem völlig ambivalenten emotionalen Zustand zurück lässt.

| PETER MOHR
| FOTO: JOHN DEMKE, Joyce Carol Oates 2013, CC BY 2.0

Titelangaben
Joyce Carol Oates: Der Mann im Schatten
Aus dem Amerikanischen von Silvia Morawetz
Frankfurt: S. Fischer Verlag 2018
379 Seiten, 24 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Letzte Wahlverwandtschaften

Nächster Artikel

Dünnes Eis – ein Ocean’s Film ohne »Danny Ocean«

Neu in »Menschen«

Eloquenz und Humor

Menschen | Zum Tode des Kritikers und Schriftstellers Hellmuth Karasek »Manchmal fürchtete ich schon, ich schreib mich in eine Depression hinein«, bekannte Hellmuth Karasek über die Arbeit an seinem 2006 erschienenen Band ›Süßer Vogel Jugend‹. Der kulturelle Tausendsassa mit der stark ausgeprägten Affinität zur Selbstironie sprühte auch in fortgeschrittenem Alter noch vor Tatendrang und hatte 2013 unter dem Titel ›Frauen sind auch nur Männer‹ noch einen Sammelband mit 83 Glossen aus jüngerer Vergangenheit vorgelegt. Sogar prophetische Züge offenbarte Karasek darin, sagte er doch den Niedergang der FDP zwei Jahre vor der Bundestagswahl 2013 schon voraus. Ein Rückblick von PETER MOHR

Aus dem Reich der Schwärze

Menschen | Zum 125. Geburtstag von Hermann Kasack

Vor 125 Jahren wurde der Schriftsteller Hermann Kasack (am 24. Juli) geboren. Er war Romancier, Lyriker, Hörspielautor, Dramatiker, Lektor, Verlagsleiter und Rundfunkpionier in einer Person und hat die deutsche Nachkriegsliteratur maßgeblich geprägt. Trotzdem ist sein Name nahezu in Vergessenheit geraten. Die Rede ist von Hermann Kasack. Ein Porträt von PETER MOHR

Am Ende gibt es nur den Sturz

Menschen | zum 90. Geburtstag des Schriftstellers Martin Walser am 24. März »Es gibt keine Stelle, wo Jungsein an Altsein rührt oder in Altsein übergeht. Es gibt nur den Sturz.« Diese aphoristisch zugespitzte, ernüchternde Lebensbilanz zog Martin Walser in seinem 2016 erschienenen Roman ›Ein sterbender Mann‹, der ebenso wie sein im Januar erschienenes Werk ›Statt etwas oder Der letzte Rank‹ als künstlerische Gratwanderung zwischen Erzählung, Philosophie, Autobiografie und selbstironischem literarischen Verwirrspiel daher kommt. Dem traditionellen Erzählen hat Walser den Rücken gekehrt. Seine Sprache ist seitdem noch klarer und präziser geworden. Von PETER MOHR PDF erstellen

Beats, Bleeps And Self-Fulfilling Prophecies: An Interview With La Fraîcheur

Music | Bittles’ Magazine: The music column from the end of the world Over the last decade or so the city of Berlin has risen to overtake Glasgow and Detroit to become a cornerstone of the world’s techno scene. Clubs such as Tresor, Berghain and About/Blank have helped shape the trends and rhythms of modern day electronic music. By JOHN BITTLES PDF erstellen

Classic Rock funktioniert

Musik | Interview mit Drake Stone

Mit dem Album Skydive beweisen Drake Stone, dass Classic Rock nach wie vor funktioniert und verdammt kompatibel ist! MARC HOINKIS unterhält sich mit Mike Schlee über die neue Scheibe.