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Enthusiasmus & Passion

Menschen | Zum Tod von Ray-Güde Mertin

Wer sich als deutscher Leser & Kritiker mit der lusitanischen Literatur, also der großen Literatur Portugals und Brasiliens beschäftigt hat und vielleicht gar ihr prägendste ästhetische Erfahrungen verdankt, wird neben Curt Mayer-Clason, dem Doyen der deutschen Übersetzer des Lusitanischen, immer wieder auf Ray-Güde Mertin als Übersetzerin u.a. Antonio Lobo Antunes‘, José Saramagos oder Clarice Lispectors gestoßen sein. Unweigerlich & mit wachsender Freude und Respekt für ihre Arbeit, die uns diese und andere Autoren im Deutschen heimisch machte. Von WOLFRAM SCHÜTTE

1943 in Marburg geboren, hat Ray-Güde Mertin an der Deutschen Schule in Barcelona ihr Abitur gemacht, 1963/69 an der Berliner FU Romanistik & Germanistik studiert. Sie war von 1969/77 deutsche Lektorin in Sao Paulo, wurde 1978 über den Brasilianischen Schriftsteller Ariano Suassuna promoviert, arbeitete von 1977/82 als Freie Übersetzerin in New York und war seit 1981 auch Literaturagentin für Autoren aus dem portugiesischen und spanischen Sprachraum (zuletzt u.a. Agentin von Paolo Coelho). Wenn sie nicht unterwegs war, lebte sie in Bad Homburg v. d. H., bei Frankfurt a. M., wo sie ab 1996 an der J. W. Goethe-Universität als Honorarprofessorin lehrte und zugleich in ihrer literarischen Agentur jüngere Kolleginnen in ihren Beruf einführte – einen Beruf, der für sie Berufung war, der sie mit Passion & Enthusiasmus nachging.

Wer sie kennenlernte, traf auf eine quirlige, temperamentvolle, sachkundige, rundum kulturell »gebildete« Liebhaberin der Literatur(en); ihrem spitzbübischen Charme, ihrem sprühenden Witz konnte man sich nicht entziehen, sondern sich nur davon anstecken lassen. Wie sie mit Verve zu begeistern verstand, so konnte sie auch argumentativ überzeugen, sodass ihre Liebe für das Gelungene auf einen übersprang, weil ihrem Enthusiasmus jede Spur falscher Töne oder eigennütziger Interessen fehlte.

Nie haben ihre begeisterten Berichte von entdeckten Autoren & Büchern, wenn man diese dann in Übersetzungen nachprüfen konnte, einen ge- oder enttäuscht. Sie hat ihr kundiges Urteil, das auf einer immensen literarischen Sachkenntnis und subtilen ästhetischen Erfahrung basierte, sich nicht trüben lassen als literarische Agentin der von ihr vertretenden Autoren – unter denen die bedeutendsten so gut waren, wie bloß überaus erfolgreiche. Aber niemand wusste besser als sie, was von ihren »Schutzbefohlenen« jeweils zu halten war, wo sie (literarisch & verlegerisch) hingehörten, wo ihre Größe oder ihre Grenzen lagen. Als literarische Agentin ist die große Übersetzerin erst so recht in ihrem Element gewesen: dem des Pfadfinders, des Scouts, der seine Augen & Ohren überall hatte & schließlich »Gott & die Welt« kannte – immer neugierig & erwartungsvoll hoffend auf das Glück literarischer Entdeckungen und deren Vermittlung über die Sprachgrenzen hinweg. War sie damit nicht sogar, nehmt alles nur in allem, so etwas wie eine imaginäre »Verlegerin ohne Verlag«?

Denn wie »klassische« Verleger hat auch sie mit mancher tranigen Launigkeit, unerfreulichen Enttäuschung und schamlosen Undankbarkeit von Autoren Bekanntschaft machen müssen – ohne sich jedoch davon verbittern zu lassen. Denn »die Sache« (die Literatur) ging ihr über die Personen. Sie war großzügig, was kaum zu erlernen ist, man wäre es nicht schon von Grund auf. Die Enge des Neids muss einem solchen Charakter fehlen – wie ihr, die als Literaturagentin ihren Kolleginnen, die «nur” Übersetzerinnen sein wollen, solidarisch Arbeiten verschaffte.

Gewiss war nach dem schon lange abgeflauten »Boom« der lateinamerikanischen Literatur der Sechziger bis Achtziger Jahren und den Veränderungen der literarischen Szene, des verlegerischen Wagemuts & des »Literaturbetriebs« in Deutschland das Geschäft der Vermittlung neuer lusitanischer Literatur im letzten Jahrzehnt nicht leichter geworden. Ray-Güde Mertin hat es zu spüren bekommen, darüber im Gespräch geseufzt und doch unverdrossen gehofft und ist unermüdlich für ihre Autoren tätig gewesen. Sie blieb als Enthusiastin der Literatur, der ihre Liebe galt, tapfer auch in den Zeiten der Dürre ihr treu.

Tapfer aber auch als individueller, leidender Mensch. Sie hatte Krebs, diese dunkle Wolke begleitete sie schon geraume Zeit. Aber wo sie war, war & blieb die Helle ihres Geistes, die freudige Präsenz ihrer schönen Anwesenheit.

Ray-Güde Mertin ist jetzt in Bad Homburg v. d. H. gestorben.

| WOLFRAM SCHÜTTE

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