/

Schattenwirtschaft eines Privatiers

Menschen | Zum Tod des solitären Journalisten Uwe Nettelbeck

Wie die TAZ jetzt gemeldet hat, ist im Alter von 67 Jahren Uwe Nettelbeck in seinem Haus in Frankreich am vergangenen Mittwoch gestorben. Er war ein eigenwilliger Journalist, der sich schon zu seinen Lebzeiten aus dem Raum dessen, was »öffentliche Wahrnehmung« genannt werden kann, früh zurückgezogen hatte und als Herausgeber & Autor der von ihm gegründeten Zeitschrift ›Die Republik‹, deren jüngste Ausgabe im September 2006 erschien, nur noch einem kleinen Leserkreis bekannt gewesen sein dürfte. Von WOLFRAM SCHÜTTE

Uwe Nettelbeck - Die RepublikUwe Nettelbeck war ein brillanter, viel beachteter & bewunderter Filmkritiker der Sechziger Jahre: als Redakteur im Feuilleton der Hamburger »Zeit«. Ein »Senkrechtstarter«. Dreimal sorgte er für eine über seine journalistische Tätigkeit hinausgehende öffentliche Aufmerksamkeit. Zum ersten Mal dadurch, dass er 1968 mit seinem Plädoyer für Hellmut Costards polemisch-satirischen Film »Besonders wertvoll« das Oberhausener Kurzfilmfestival fast gesprengt hätte; zum zweiten Mal, als er die querschnittsgelähmte Fernsehansagerin Petra Krause – eine Schönheit – heiratete; zum dritten Mal, als er kurz danach sich abrupt sowohl aus dem Journalismus als auch aus jeder anderen Öffentlichkeit zusammen mit seiner Frau zurück- & ein Leben als Privatier vorzog, das ihnen ererbter persönlicher Reichtum ermöglichte.

»Karriere« hätte Nettelbeck im Journalismus leichthin »machen« können; er war aber arroganter, eitler und bescheidener: Er zog es vor, als Privatier solitär zu sein – und sich zu schmeicheln, nur für sich und die »Happy few« und gegen »den Rest der Welt« zu schreiben.

Uwe Nettelbecks Glück, künftig weder für seinen Lebensunterhalt arbeiten, noch »dabei sein« oder »im Betrieb« sich seinen Namen und seine intellektuellen Fähigkeiten »versilbern« lassen zu müssen, gestattete ihm eine ganz & gar selbstbestimmte Existenz – allenfalls vergleichbar dem »ausgestiegenen« Millionenerbe Jan Philipp Reemtsma. Während dieser, zuerst als Mäzen des späten Arno Schmidt bekannt geworden, dann aber neben einem eigenständigen essayistischen Oeuvre seine intellektuellen und finanziellen Möglichkeiten zur Förderung und Initiierung weit gespannter literarischer und sozialpolitischer Aktivitäten bis heute öffentlich nutzte – also den Spuren großer kultureller Mäzene folgte –, erlaubte sich Uwe Nettelbeck mit der unregelmäßig erscheinenden Zeitschrift »Die Republik« den Versuch, in die Fußstapfen von Karl Kraus und dessen Periodikum »Die Fackel« zu treten.

Uwe Nettelbecks gesuchter und bis ins Detail hinein praktizierter Imitation der Krausschen Haltung & vor allem Methodik einer mit Zitaten arbeitenden Dokumentarsatire, welche eine Chronique scandaleuse der »Laufenden Ereignisse« des bundesdeutschen Journalismus-, Literatur-, Kultur- & Politikbetriebs zu schreiben unternahm, fehlte jedoch die ethische Legitimation und blieb die literarische Qualität des übergroßen Vorbilds versagt.

Der Karl-Kraus-Nachfolger Nettelbeck imitierte zwar bis zur unfreiwilligen Parodie den rigorosen Gestus des Wiener Satirikers – wenn es sich z. B. der »Republik»-Herausgeber wie der ›Fackel‹-Herausgeber vorbehielt, unliebsamen Abonnenten der Zeitschrift den Bezug zu kündigen –; aber da Nettelbeck (zurecht) dessen apokalyptisches Pathos vermied und der satirische Sprach- & Gedankenwitz von Karl Kraus ihm auch nicht zur Verfügung stand, blieb der aufklärerische Impuls seiner denunziatorischen Zitat-Sammlungen und Polemiken oft begleitet vom Dünkel der Häme und der Besserwisserei, dem ein schadenfrohes Publikum von Insidern leichthin applaudieren konnte.

Wo Nettelbeck sich jedoch als Kenner, Liebhaber und Sachwalter in der »Republik« (oder als Herausgeber) zeigte, indem er große oder vergessene Autoren wie Karl Philipp Moritz oder Herman Melville gegen die dürftige Gegenwart stellte, war sein Enthusiasmus beispielhaft.

Die journalistische Schattenwirtschaft dieses Privatiers eigener Interessen und Abneigungen war, alles in allem: merkwürdig. Wenn man ihn heute »kauzig« nennen würde, wüßte man: Wahrscheinlich könnte keiner noch etwas mit dem Wort und dem damit charakterisierten Typus anfangen.

Das hätte ihm womöglich sogar gefallen.

| WOLFRAM SCHÜTTE

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Enthusiasmus & Passion

Nächster Artikel

Die Lust des Lesens

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Und sie bewegt sich doch?

Gesellschaft | Wolfgang Streeck: Aufsätze und Interviews, 2011-15 Wolfgang Streeck ist ein renommierter Soziologie, bis Oktober vergangenen Jahres leitete er das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Ende der neunziger Jahre war er an der Vorbereitung der Schröderschen Agenda 2010 beteiligt, er wirkte aktiv an der Politik sozialer Kürzungen mit. Von WOLF SENFF

130 Jahre Wissenschaft und kulturelle Bildung

Live | Zum 130. Geburtstag der ›Urania‹: Verleihung der ›Urania‹-Medaille an Dr. Ulrich Bleyer »Er ist ein Klartexter, unaufgeregter Idealist, Optimist und bekennender Nicht-Nörgler«, so Prof. Harald Lesch über Dr. Ulrich Bleyer, den amtierenden Direktor der gemeinnützigen Bildungseinrichtung ›Urania‹. »Er ist stets dem Fach, der Sache und dem Menschen verpflichtet.« Nach 23 Jahren Amtszeit gibt Dr. Ulrich Bleyer (67) im April den Staffelstab an seinen Nachfolger Ulrich Weigand weiter – und erhielt am 05. März 2018 die höchste Auszeichnung der ›Urania‹. ANNA NOAH über die Idee der »Wissenschaft für alle«.

Meister des psycholgischen Realismus

Menschen | Zum Tod des Schriftstellers Dieter Wellershoff »Ohne Lebenserfahrung könnte man gewiss nicht so schreiben, wie ich das tue. Das heißt aber nicht, dass ich in meinen Texten ständig eigene Lebensprobleme ausagiere. Wenn der Autor wissen will, was an den Menschen dran ist, muss er sie in Schwierigkeiten bringen«, beschrieb Dieter Wellershoff einst sein dichterisches Credo. Und so lässt sich ohne waghalsige Interpretationsartistik eine verbindende Motivklammer vom Frühwerk ›Ein schöner Tag‹ (1966) bis zu seinem letzten Roman ›Der Himmel ist kein Ort‹ (2009) setzen. Ein Rückblick von PETER MOHR

Dichtung ist Wahrheit

Menschen | Zum 75. Geburtstag von John Maxwell Coetzee »Vergessen braucht Zeit. Wenn du erst einmal richtig vergessen hast, wird dein Gefühl der Unsicherheit weichen und alles wird einfacher werden«, heißt es im bisher letzten Roman (Die Kindheit Jesu, 2013) des Literaturnobelpreisträgers John Maxwell Coetzee. – Zum 75. Geburtstag des Literatur-Nobelpreispreisträgers J.M. Coetzee am 9. Februar gratuliert PETER MOHR

Großer Individualist

Menschen | Zum Tod des Schriftstellers Peter Bichsel 

»Ich glaube, man kann das eigene Leben nur erzählend bestehen, sich selbst erzählend. Der Mensch, der in eine wirkliche Notsituation gerät, in ein Gefangenenlager, in eine Gletscherspalte oder weiß ich, wohin: Der Mensch, der in der Gletscherspalte an einem Seil hängt, bereitet bereits die Erzählung vor, die er dann erzählen wird am Stammtisch. Wenn er gerettet wird«, hatte Peter Bichsel 2022 in einem Interview mit dem ›Deutschlandfunk‹ erklärt. Von PETER MOHR