»Und dennoch atme ich weiter«

Jugendbuch | Koos Meinderts: Lang soll sie leben

Alt werden? Davon träumen sicher viele Menschen. Fit, rege und lebenslustig bis ins hohe Alter. Für die 16jährige Eva und ihre Freundin Sanne ist das alles noch weit weg. Was sie beschäftigt sind der Schulalltag, ihre gemeinsamen Pläne für die Sommerferien, Sannes Freund … Und dann geschieht etwas Unerwartetes. Von ANDREA WANNER

Koos Meinderts - Lang soll sie lebenEva rettet auf dem Schulweg einer alten Frau das Leben. Frau de Graaf ist zu Fuß unterwegs und bleibt auf den Gleisen stehen, als plötzlich ein Zug kommt. Eva überlegt nicht lange, rennt los und es gelingt ihr in buchstäblich letzter Sekunde, die Seniorin zur Seite zu reißen. Beide bleiben unverletzt.

Jetzt beginnt der bei solchen Dingen übliche Medienrummel. Eva wird interviewt, die Szene nachgestellt, es erscheinen Beiträge in der Zeitung und im Fernsehen. Sanne ist dafür verantwortlich, dass Eva sogar einen Orden erhält. Sie wird als Heldin gefeiert, auch wenn ihr der ganze Rummel eigentlich zu viel ist. Eine gute Tat ist nun mal eine gute Tat.

Dann allerdings erfährt Eva von der alten Dame, dass sie gar nicht verwirrt war und sehr wohl wusste, was sie tat. Auch wenn es eine spontane Entscheidung und keine von langer Hand geplante Tat war: Die 83jährige wollte sterben. Eva ist entsetzt und wütend. Und muss sich dennoch damit auseinandersetzen, was das bedeutet. Für sie und ihr Leben, für die Möglichkeiten, die Menschen haben und wie sie damit umgehen. Eine vorsichtige Annäherung zwischen den beiden findet statt. Retterin und Gerettete. Junges Mädchen und alte Frau. Die, die voller Pläne steckt und die, die ihr Leben gelebt hat.

Der niederländische Autor Koos Meinderts beginnt seinen kurzen Roman mit einem Zitat von Paula Modersohn-Becker: »Ich weiß, ich werde nicht sehr lange leben. Aber ist das denn traurig? Ist ein Fest schöner, weil es länger ist?« Weil es für eine 16jährige schwer, wenn nicht gar unmöglich ist, sich in eine 83jährige hineinzuversetzen, erzählt er auf unterschiedlichen Ebenen und setzt den Szenen aus der Gegenwart solche entgegen, die Ida als junges Mädchen und als erwachsene Frau zeigen. Er erzählt von ihren Plänen, Künstlerin zu werden. Er lässt sie dieses Ziel aufgeben, weil sie merkt, dass ihr das Talent fehlt, um ganz große Kunst zu schaffen. Er berichtet von ihrer großen Liebe und deren Scheitern.

Meinderts gelingt mit Ida de Graaf das Porträt einer Frau, die selbstbewusst ihren eigenen Lebensweg wählt, der sich von den Konventionen eines Frauenlebens im 20. Jahrhundert in vielen Dingen unterscheidet. So frei, wie sie als junges Mädchen einen neuen Vornamen wählte – und statt »Christa« »Ida« heißen wollte und das tatsächlich durchsetzte, gestaltete sie ihr ganzes Leben, mit Höhen und Tiefen. Jetzt, findet sie, ist es genug. Und sie will frei und selbstbestimmt auch entscheiden, wann es genug ist. Nein, Ida de Graaf ist nicht verbittert und unglücklich. Aber sie hat genug von dieser Welt.

Damit muss sich Eva auseinandersetzen, daran reifen und am Ende ein Stück erwachsener geworden sein.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Koos Meinderts: Lang soll sie leben
(Lang zal ze leven. Als het leven niet langer een feest is, 2014)
Aus dem Niederländischen übersetzt von Monika Götze
Wien: Jungbrunnen 2016
122 Seiten. 14,95 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

A Life In Stasis: New Album Reviews

Nächster Artikel

Trübe Aussichten?

Weitere Artikel der Kategorie »Jugendbuch«

Denkwürdiges Kinderpaar

Jugendbuch | Anna Woltz: Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess Der eine hat panische Angst, die zu verlieren, die er liebt, die andere will um jeden Preis jemandem zum Lieben dazugewinnen. Anna Woltz hat in ›Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess‹ zwei in extremen Gefühlslagen zusammengespannt und ein denkwürdiges Kinderpaar in die Welt gesetzt, samt einer Geschichte, die wunderbar und seltsam genug ist, um lange im Gedächtnis zu bleiben. Von MAGALI HEISSLER

Schonungslos

Jugendbuch | Ingeborg Kringeland Hald: Vielleicht dürfen wir bleiben Krieg, Flüchtlinge, Asyl, Abschiebung, auch Kinder kennen diese Begriffe schon. Ob und wie man mit ihnen darüber spricht, wie es zu den Zuständen kommt, die diese Begriffe bedeuten, davon hört man weniger. Die norwegische Autorin Ingeborg Kringeland Hald hat sich für den direkten Weg entschieden, und erzählt in ihrem Debütroman für Kinder ›Vielleicht dürfen wir bleiben‹ schonungslos vom Grauen. Von MAGALI HEISSLER

Das Leben feiern

Jugendbuch | Wendy Wunder: Flamingos im Schnee »Meine Unschuld auf einer Fassbierparty verlieren – mir das Herz von einem Arschloch brechen lassen – mit Ladendiebstahl in kleinem Stil experimentieren.« Dies sind nur einige Punkte auf Campbells Agenda, die die Sechzehnjährige ebenso akribisch wie unbeirrbar und zügig abarbeitet. Was es damit auf sich hat, verrät INGRID HELLRIEGEL.

Was es noch alles zu entdecken gibt

Kinder- und Jugendbücher | Buchmarkt in Russland – 7. Berliner Bücherinseln vom 28. Mai bis zum 12. Juni Wie spannend, farbig, originell es auf dem Kinderbuchmarkt in Russland heute zugeht, erzählten Olga Maeots, Leiterin der Kinderbuchabteilung der M.I. Rudomino-Bibliothek für fremdsprachige Literatur und die beiden Verlegerinnen Tanya Kormer und Ksenia Kovalenko, alle drei aus Moskau, anlässlich einer Veranstaltung der 7. Berliner Bücherinseln vom 28. Mai bis zum 12. Juni, die in diesem Jahr Buch und Lesen in Russland zum zentralen Thema hat. Von MAGALI HEISSLER

Grenzüberschreitungen

Jugendbuch | Swantje Oppermann: Undurchschaubar

Noa ist neu an der Schule, fühlt sich einsam und ungesehen. Sie sucht die Nähe der beliebten Olivia, aber die ist mit Freund und bester Freundin beschäftigt und reagiert abweisen auf Noas freundschaftliche Annäherungsversuche. Was tun? Von ANDREA WANNER