Teamspirit

Jugendbuch | Michèle Minelli: Keiner bleibt zurück

Die letzten Schuljahre sind die schwierigsten. Nicht nur inhaltlich und weil es um die Noten geht. Es stehen Entscheidungen an. Das sind klassische Entwicklungsaufgaben, denen sich junge Menschen stellen müssen. Und sie sind verbunden mit Unsicherheiten und Ängsten. Wie so etwas aussehen kann, davon erzählt Michèle Minelli in Ihrem Jugendroman. Von ANDREA WANNER

Der namensgebende Schriftzug ziert das Cover. Dazwischen sind die roten Silhouetten verschiedener Menschen zu sehen.Die Geschichte spielt in der Schweiz und sie handelt von dreizehn Jugendlichen, die ihre letzten drei Schuljahre gemeinsam bestreiten. Die Leser:innen begleiten sie durch diese drei entscheidenden Jahre, für die der Klassenlehrer in der siebten Klasse das Motto ausgibt: Keiner bleibt zurück! Dafür setzt er auf ein besonderes Event zu Beginn des Schuljahres: Sie sollen einen fächerförmigen Teich überqueren, morastig, aus dem nur einzelne Baustümpfe ragen. Damals sind es noch 24 Schülerinnen und Schüler, Berisha, der Klassenlehrer ist auch mit von der Partie. Keiner soll nass werden, gemeinsam sollen sie das Unmögliche schaffen. Und es gelingt. Finn Aicher erzählt diese Einstiegspassage. Und danach berichtet der Nächste. Wie bei einem Staffellauf wird der Stab weitergegeben, durch drei Schuljahre hindurch erfährt man von den Höhen und Tiefen, den Stimmungslagen der einzelnen, der Schicksale und Verstrickungen. Aus einem Gewirr von Stimmen wird eine Geschichte. Die Geschichte einzelner Schicksale und die Geschichte einer Schicksalsgemeinschaft.

Die Konstruktion, die die Schweizer Schriftstellerin wählt, klärt sich erst sehr spät auf. Das macht aber nichts, weil die Spannung durch die Jahre trägt. Außerdem ist sie Drehbuchautorin und das passt sehr gut zu der Aneinanderreihung einzelner Szenen, die erst zusammen sich zum großen Ganzen fügen. Ein weiterer Kunstgriff sind die Schreibaufgaben, die der Klassenlehrer in der Schreib-Insel stellt. Das liest sich ebenso ungewöhnlich wie spannend, eingestreut in den Text liefern die von den Schülerinnen und Schülern verfassten Texte weitere Anhaltspunkte, um sie und ihre Geschichten zu verstehen. Es gibt die Arbeitsblätter als kostenlosen Download auf der Verlagsseite, da sollen Leihpogramme, Innere Monologe, Flash Fiction und vieles mehr entstehen. Und wer das Buch gelesen hat, findet garantiert Spaß daran, die Anleitungen sind nicht schwierig zu verstehen.

Was klar wird: Der Übergang von der Schule in das Leben danach ist kein Kinderspiel. Bisher erfolgte alles ganz wie von selbst, keine und keiner musste sich groß Gedanken machen.

Jetzt sind von Samuele, Liv, Finn und all den anderen Entscheidungen gefordert. Aber manch eine und einer hat durchaus Idee, die an den Eltern, den Umständen, an eigener Mutlosigkeit zu scheitern drohen. Wie schafft man das? Gemeinsam? Die Euphorie des Zusammenhalts ist längst auf der Strecke geblieben. Dabei wäre das so wichtig. Selbst der Klassenlehrer traut seinem eigenen Konzept nicht mehr. Und was, wenn doch genau das der Schlüssel zum Erfolg wäre?

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Michèle Minelli: Keiner bleibt zurück
Wien: Jungbrunnen 2025
224 Seiten, 19 Euro
Jugendbuch ab 13 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Grenzenlose Freiheit

Nächster Artikel

Kaum Land in Sicht

Weitere Artikel der Kategorie »Jugendbuch«

Ein starkes Zeichen gegen Mobbing

Jugendbuch | Magali Le Huche: Die kleinen Königinnen

Eigentlich mag man es kaum glauben: drei Mädchen gewinnen einen Wettbewerb in Bourg-en-Bresse. Es geht um Gold, Silber und Bronze im Hässlichkeitswettbewerb »Wurst des Jahres«. Was eigentlich zu Wut und Verzweiflung führt, wird hier zu Wut, Solidarität und einer coolen Aktion, freut sich ANDREA WANNER

Die Vision einer runden Erde

Jugendbuch | Volker Mehnert: Magellan Oder Sternstunden der Seefahrt

Es ist schon lange her, rund 500 Jahre, und doch ist das Abenteuer der Weltumsegelung von 1519 immer noch ein fesselndes Abenteuer: Magellan und 265 Mann Besatzung auf fünf hölzernen Schiffen starten im September vom südspanischen Sanlúcar de Barrameda. Der portugiesische Seefahrer bricht auf im Auftrag der spanischen Krone. Ob es den Seeweg über eine Westroute zu den berühmten Gewürzinseln gibt? Von BARBARA WEGMANN

Moderne Groteske

Jugendbuch | Erin Jade Lange: Butter    Extremes Schwanken in Liebe und Leiden, extrem in der Figurenzeichnung und der Beschreibung der Lebensbedingungen. Dazu noch die Extreme des Internets – weniger durfte es nicht sein für Erin Jade Langes Debütroman Butter. Herausgekommen ist eine moderne Groteske, ein Roman über ein Ungeheuer, das keines sein will. Und die Folgen. Von MAGALI HEISSLER

Blutvergießen

Jugendbuch | Lola Renn: Drei Songs später Eine Familie ist ein eng gestricktes Beziehungsgeflecht. Eng gespannt sind auch die Fäden der Macht, die zwischen den Beteiligten hin- und herlaufen. Was innerhalb der einen Gruppe ein schützender Kokon sein kann, in einer anderen fördernd und wegweisend, kann sich in der dritten als Diktatur auswirken, der die Schwächsten, die Kinder, schutzlos ausgeliefert sind. Solche Fäden können töten. Wer sich lösen will, muss Blut lassen. Lola Renn vergießt in Drei Songs später im wahren Sinn des Worts das Blut ihrer sechzehnjährigen Protagonistin, während diese mit ihren Eltern um ihr Leben kämpft. Von MAGALI

Ein geniales Trio

Jugendbuch | Verena Hochleitner: Flimmern

Sydney, Nico und Katha gehen in die gleiche Klasse – haben ansonsten aber wenig bis nichts miteinander zu tun. Das soll sich ändern. Packende Unterhaltung – findet ANDREA WANNER