/

Einladung zur Toleranz

Jugendbuch | Julius Thesing: You don’t look gay

Vielleicht war ich lange sehr naiv. Schwule und Lesben in unserer Gesellschaft? Nicht wirklich ein Problem. Klar, es gab und gibt Menschen mit Vorurteilen, aber im 21. Jahrhundert ist das doch wohl eine verschwindende Minderheit. Von ANDREA WANNER

You don't look gayOkay, was mir wirklich die Augen geöffnet hat, war eine Hausarbeit zum Thema »Kontroverse um den Bildungsplan 2015 in Baden-Württemberg: eine diskurstheoretische Annäherung an die unter dem Motto ›Kein Bildungsplan unter der Ideologie des Regenbogens‹ stehende Ablehnung«.
Was ich untersucht habe, waren Äußerungen von Gegner*innen des Bildungsplans, die die Onlinepetition »Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens« nicht nur unterschrieben haben, sondern zusätzlich einen eigenen Kommentar verfassten. Und danach war mir klar, dass ganz Vieles in unserem Land noch im Argen liegt. Und dass es Bücher braucht wie das von Julius Thesing.

Es ist rosa, innen wie außen. Einladend oder provozierend? Thesing weiß, dass sein Buch beides ist. So wie er weiß, wovon er schreibt. Und so erzählt er seine eigene Geschichte, das, was er an Ängsten durchlitten und an Homophobie erlebt hat. Wann weiß man als Junge eigentlich, dass man nicht wirklich an Mädchen interessiert ist, sondern andere Jungs für das Herzklopfen verantwortlich sind? Wann traut man sich eigentlich wem davon zu erzählen, dass es so ist? Wie fühlt man sich, wenn Schimpfwörter wie »Schwuchtel« verwendet werden, mit denen man gar nicht persönlich gemeint ist, die einen aber treffen? Und was soll ein »Kompliment« von anderen Homosexuellen, dass man doch eigentlich gar nicht schwul aussähe?

Die Form, die Thesing wählt, ist in jeder Hinsicht besonders. Privates und Intimes, Statistiken und Zitate, augenzwinkernde Illustrationen und ein genialer Mix an Schriften überraschen Seite für Seite neu, zwingen zum Nachdenken und Position beziehen. Schon allein das Inhaltsverzeichnis ist pures Vergnügen. Und was der Designer seiner Bachelorarbeit voranstellt, trifft den Nagel auf den Kopf: »Dieses Buch ist ein Gesprächsangebot, kein Manifest.«

Er lässt Bolsonaro zu Wort kommen, der 2011 in einem Playboy-Interview sagte: »Ich könnte einen homosexuellen Sohn nicht lieben. Ich würde es vorziehen, dass mein Sohn bei einem Unfall ums Leben kommt, als dass er hier mit einem Typen mit Schnurrbart auftaucht.« Oder Reinhard Kardinal Marx, der anlässlich des Gesetzes zur Ehe für alle äußert: »Zur Kultur und Zivilisation gehört auch Respekt vor der Schöpfung. Ein solches Gesetz wäre – denke ich – ein Angriff auf die Zivilisation selbst«. In fetten roten Lettern prangen diese Zitate neben anderen von Björn Höcke und Konsorten auf den rosa Seiten und man schaudert.

Thesings Anspielungen aus dem Bereich der Kunst, die er angepasst in Szene setzt, sind perfekt. Grant Woods ›American Gothic‹ mit dem säuerlich dreinschauenden Puritanerehepaar, er mit der Mistgabel in der Hand, wird zum Homopärchen, bei der Persiflage von Botticellis ›Geburt der Venus‹ entsteigt ein junger Mann mit langem Haar der Muschel. Und dann ist da noch die Aktion, wo ein Kinderzimmer einen frischen Farbanstrich erhält, passend zum Baby. Judith Butler lässt grüßen, die erklärt hat wie mit der ärztlichen Interpellation »Es ist ein Mädchen!« oder »Es ist ein Junge!« das Kleinkind von einem es zu einer sie oder einem er gemacht wird – mit allen Konsequenzen, die das für das weitere Leben hat. Fröhlich verkündet eine Wimpelkette vor dem Bonbonrosa »It’s ab boy!«. Klar, warum denn nicht.

Bohem - Gay
Leseprobe © BOHEM PRESS

Wie alltäglich und verbreitet Homophobie ist, kann man nicht fassen. Umso wichtiger ist dieser engagierte und persönliche Beitrag in rosaroter Verpackung und mit überzeugendem Inhalt.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Julius Thesing: You don’t look gay
Eine Auseinandersetzung mit homophober Diskriminierung
Münster: Bohem Press 2020
94 Seiten, 14,95 Euro
Jugendbuch ab 13 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Am Abend Schatten hacken

Nächster Artikel

Lebensverändernde Begegnungen und Dolce Vita

Weitere Artikel der Kategorie »Gesellschaft«

Dämmerzustand, dauerhaft

Gesellschaft | Sebastian Friedrich: Lexikon der Leistungsgesellschaft Sie verwechseln da etwas, liebe Frau Merkel. Die Atmosphäre von behäbigem Wohlgefühl und gesättigter Gemächlichkeit ist nicht das, was politisch erstrebenswert wäre. Politik soll mutig sein, unbequem sein, sie will miserable Zustände verändern, sie will die Dinge beim Namen nennen. Von WOLF SENFF

Mit Gewinn zu lesen

Gesellschaft | Ulrike Herrmann: Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung Was sagt man dazu? Es handelt sich wieder um eine jener völlig überzeugenden ökonomischen Darstellungen, die die Historie der Ökonomie zusammenfassen und darauf hinweisen, dass es längst Lösungsstrategien für die aktuellen wirtschaftlichen Schieflagen gibt. Von WOLF SENFF

Anwesende Abwesenheit

Gesellschaft | Inge Jens: Langsames Entschwinden Als der große Denker und Rhetorikprofessor Walter Jens an Demenz erkrankte, war die Krankheit noch weitgehend mit einem Tabu belegt und in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit wenig präsent. Auch Inge Jens musste erst lernen, nach und nach mit der Diagnose und dem wachsenden Einschränkungen ihres Ehemannes umzugehen. ›Langsames Entschwinden‹ vereint eine Sammlung ausgewählter Briefe aus acht Jahren mit einem mutigen und klugen Plädoyer für eine angemessene Pflegesituation. Von INGEBORG JAISER

Übermenschen zum Anfassen

Comic | Gesellschaft | Superhelden Sie sind stark, sie sind laut, sie haben Superkräfte, sie retten täglich die Menschheit, sie sind bei handgreiflichen Auseinandersetzungen nicht gerade zimperlich, und sie erfreuen sich einer zunehmenden Popularität – die Rede ist natürlich von Comic-Superhelden. Während sich noch vor einem Jahrzehnt kaum jemand außer Kindern, Jugendlichen und sogenannten Nerds für sie interessierte, scheinen sie in den letzten Jahren eine regelrechte Renaissance zu erleben – die uns bis in den Alltag hinein folgt. Und diesen zunehmend okkupiert. PHILIP J. DINGELDEY geht der Frage nach der neuen Verbindung von Superhelden und unserem Alltag nach. Titelfoto: Christopher

Kein deutsches Wintermärchen

Gesellschaft | Jan Weiler: In meinem kleinen Land Nach dem Überraschungserfolg seines Debüt-Romans ›Maria, ihm schmeckt’s nicht‹ hatte Jan Weiler ausreichend Gelegenheit, seine Heimat auf Lesereisen zu erkunden – bis in die tiefste Provinz hinein. Dabei blieb ihm nichts erspart: übereifrige Buchhändlerinnen, trostlose Hotels und winterliche Bahnsteige. All diesen Unwägbarkeiten zum Trotz kommen seine Aufzeichnungen witzig und warmherzig daher. Von INGEBORG JAISER