Wahnsinn und Liebe

Roman | Sara Stridsberg: Das große Herz

Im deutschsprachigen Raum ist die 44-jährige schwedische Autorin Sara Stridsberg noch weitestgehend unbekannt. Anders in ihrer Heimat, wo sie im letzten Jahr mit dem renommierten Selma-Lagerlöf-Preis ausgezeichnet und in die Schwedische Akademie gewählt wurde. Stridsberg gehört nun zur elitären Gilde des Nobelpreis-Komitees. Ihr Roman ›Das große Herz‹ ist soeben erschienen. Von PETER MOHR

Das große HerzNach Traumfabrik (2010) und Darling River (2013) ist nun ihr dritter Roman in deutscher Übersetzung erschienen – ein aufwühlendes Werk aus dem Innenleben einer großen psychiatrischen Klinik und gleichzeitig die bewegende Chronik einer zerstörten Familie.

»Ich denke, der wirkliche Wahnsinn muss die Liebe sein, die Hingabe, der Schwindel, die Hysterie«, entfährt es der 14-jährigen Jackie, die fast täglich ihren Vater Jim in der riesigen, im Westen Stockholms gelegenen Klinik Beckomberga besucht. Der Vater ist alkohol- und tablettenabhängig, Jackies Mutter Lone hat ihn bereits aufgegeben, lässt die Tochter allein und reist (wie auf einer Flucht) durch die Welt.

Die junge Ich-Erzählerin bewältigt ihren eigentlich katastrophalen Alltag mit der Routine einer durch die Rückschläge früh-gereiften Persönlichkeit. Die Belastung durch beide Eltern steckt sie mit bewundernswerter Nonchalance weg. Die Liebe zu ihrem Vater ist unerschütterlich, sie arrangiert sich in der Klinik ein Stück »Ersatz-Heimat« (»das Schloss am Grund der Welt, das eigentlich ein Gefängnis ist«) und begegnet dort den Patienten vorurteilsfrei mit der Unbeschwertheit eines Teenagers.

Sara Stridsbergs Roman spielt von den 1980er Jahren (die Ermordung des schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme und die Katastrophe von Tschernobyl laufen als historischer Kontext im Hintergrund mit) bis in die Gegenwart, als Jackie schon selbst (alleinerziehende) Mutter eines Sohnes ist. Es ist eine gleichermaßen mutige wie schmerzhafte Grenzerkundung zwischen Himmel und Hölle, zwischen Normalität und Wahn. Schmerzhaft auch deswegen, weil die Autorin als Kind häufig selbst in Beckomberga zu Besuch war und eigene Erinnerungen verarbeitete. Mag der Vergleich auch etwas hoch gegriffen sein, aber stellenweise erinnert Stridsbergs Beckomberga-Schilderung ein wenig an Thomas Manns ›Zauberberg‹ mit all seinen schrullig-skurrilen und auch tragisch-komischen Figuren.

Hier gibt es den unkonventionellen Arzt Edvard, der mit einigen Patienten abends durch die Stockholmer Kneipen zieht, da ist Olof (»es waren doch die Gesunden, die Jesus getötet haben«), der fast sein ganzes Leben in Beckomberga verbracht hat und der sich nach der Schließung der Klinik 1995 in den Tod stürzte. Auch die äußerst attraktiv gezeichnete Sabrina, die in der Klinik allen Männern den Kopf verdreht hatte, wählt den Freitod. Und da ist auch noch der Frauenmörder Paul. Ausgerechnet mit ihm hat Jackie ihren ersten Sex. Beckomberga ist ein eigener, ganz spezieller Kosmos, der mit streng rationalen Maßstäben nicht zu fassen ist.

Mit der Schließung des großen psychiatrischen Krankenhauses ging für viele Patienten das letzte kleine Stück Heimat, der traurige Rest eines geregelten Lebens am Rande der Gesellschaft verloren. Später wurde an der roten Fassade des verfallenden Gebäudes ein »großes Herz« eingeritzt. Eine Tragödie für die vielen unheilbar Kranken, zu denen auch Jackies Vater gehört, der am Ende als alter Mann einsam an der spanischen Atlantikküste lebt – wartend auf den richtigen Augenblick, um im Meer auf ewig zu verschwinden.

Nur mit unendlich großer Liebe, mit Mut und Tapferkeit lassen sich das Leid unserer Zeit und individuelle, schmerzhafte Verluste bewältigen. Das ist keineswegs eine kitschige Heile-Welt-Botschaft, sondern die evidente Quintessenz aus diesem wahrlich kühnen Roman, der behutsam und poetisch zwischen Wahnsinn und Liebe changiert. Den Namen Sara Stridsberg sollten wir uns merken.

| PETER MOHR

Titelangaben
Sara Stridsberg: Das große Herz
Aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein
München: Hanser Verlag 2017
317 Seiten. 23.- Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Pippas Tagebuch. Liebe und Chicken Nuggets
Voriger Artikel

Die Riten der Erwachsenen

9783551583529 - Ein Meer aus Tinte und Gold
Nächster Artikel

Eine Welt ohne Bücher

Neu in »Roman«

Bruderliebe

Roman | Jo Nesbø: Ihr Königreich

Gelegentlich platziert der norwegische Bestsellerautor Jo Nesbø zwischen die Bände seiner weltweit erfolgreichen Harry-Hole-Reihe zur Auflockerung einen Standalone. Ihr Königreich heißt der neueste und er erzählt die Geschichte der Brüder Carl und Roy Opgard, die, auf einem norwegischen Gebirgsbauernhof unter der Fuchtel eines unnachgiebigen Vaters aufgewachsen, nach 15-jähriger Trennung wieder ein Zusammenleben versuchen. Aber der Jüngere, Carl, hat in der Fremde nicht nur geheiratet, sondern auch Pläne im Gepäck, deren Verwirklichung den ganzen Ort reich machen soll. Und allgemach steuert das Verhältnis der beiden ungleichen Männer auf eine Katastrophe zu, deren Ursachen nicht nur in der Gegenwart liegen. Eine Rezension von DIETMAR JACOBSEN

Vertrauen, Versuchung und Verrat

Roman | Bernhard Schlink: Abschiedsfarben

Bernhard Schlinks Werke zeigen dann ihre bekannte Größe, wenn sie um existenzielle Lebensfragen wie Recht und Gerechtigkeit, Schuld und Sühne kreisen. Auch der neueste Erzählband ›Abschiedsfarben‹ spielt die moralisch-ethischen Kardinalthemen in variantenreichen Spielarten durch, ist jedoch nicht frei von einem larmoyanten Unterton. Von INGEBORG JAISER

Biographie mit Brüchen

Roman | Deniz Ohde: Streulicht

In Deutschland bleibt die soziale Herkunft laut der PISA-Studie 2015 entscheidend für den Schulerfolg, und zwar nach wie vor stärker als in anderen Industrienationen. Laut der PISA-Studie aus dem Jahr 2018 hat die soziale Ungleichheit in Deutschland sogar wieder zugenommen.
Deniz Ohde hat sich in ihrem Debütroman »Streulicht« ganz dem Thema der sozialen Ungleichheit und des Rassismus gewidmet, indem sie mit einem klarsichtigen und unverstellten Blick sowie deutlichen Worten den feinen Unterschieden in unserer Gesellschaft nachspürt, die sich von der Kindheit über die Jugend bis ins Erwachsenenleben ihrer Erzählerin ziehen. Von FLORIAN BIRNMEYER

Flucht in den Norden

Roman | Jeanine Cummins: American Dirt

Jeanine Cummins' Roman American Dirt hat in den USA eine Menge Staub aufgewirbelt. Und das bereits, bevor er überhaupt erschienen war. Das Migrantendrama um eine mexikanische Mutter und ihren achtjährigen Sohns, die vor den Killern eines Drogenkartells in die USA fliehen, musste sich den von einer breiten Front von Künstlern und Intellektuellen mit lateinamerikanischem Background getragenen Vorwurf gefallen lassen, hier eigne sich jemand künstlerisch das Leid von Menschen an, mit denen er selbst als weiße Amerikanerin nichts zu tun habe. Vermarktungsungeschicklichkeiten taten ein Übriges, um die Stimmung in Medien und Netz anzuheizen. Nun ist das Buch auch auf Deutsch erschienen. Und präsentiert sich als solider Pageturner, der freilich nicht ganz klischeefrei ist und – was die deutsche Übersetzung betrifft – auch sprachlich zu wünschen lässt. Von DIETMAR JACOBSEN

Das gallige Gelächter

Roman | Monika Maron: Artur Lanz

»Natürlich kann ich nicht sagen, mein Leben fängt erst 1990 an, aber es ordnet sich um einen anderen Mittelpunkt, und die Fragen stellen sich anders. Ich hätte ,Pawels Briefe' nicht schreiben können, solange es die DDR noch gab«, bekannte die Schriftstellerin Monika Maron, die im Rückblick auf ihr eigenes Leben von einer »gemischten Biografie« spricht. Deutsch-deutsche Grenzgänge im geografischen wie im politischen Sinn spiegelten sich nachhaltig im Werk der Kleist- und Hölderlin-Preisträgerin, die 1981 mit dem in der damaligen DDR verbotenen Roman Flugasche (1981) erstmals für Furore gesagt hatte. PETER MOHR hat Marons politisch durchaus brisanten Roman Artur Lanz für TITEL kulturmagazin gelesen.