Vom Flüchtling zur Foto- Revolutionärin

in Menschen/Porträt & Interview

Menschen | Zum 80. Todestag der Fotoreporterin Gerda Taro

Mit Gerda Taro starb heute vor 80 Jahren die weltweit erste Kriegsberichterstatterin während eines Fronteinsatzes. Als sie an ihrem 27. Geburtstag in Paris beigesetzt wurde, kamen Zehntausende. Ihren Grabstein entwarf kein Geringerer als Alberto Giacometti. Warum geriet eine der einflussreichsten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts dennoch in Vergessenheit? Fragt FLORIAN STURM

Irme Schaber Gerda Taro »Sind meine Kameras gut aufgehoben? Sie sind neu.« Zwei Sätze, die in einer solchen Situation wohl niemand sonst gesagt hätte. Es sind die letzten Worte Gerda Taros. Wenig später wird sie am 26. Juli 1937 im Feldlazarett unweit der spanischen Stadt Escorial (bei Madrid) sterben. Ihr Tod macht sie nicht nur zur ersten Fotoreporterin überhaupt, die während eines Einsatzes an der Front ums Leben kam. Er sorgt auch dafür, dass Taro in ihrer Walheimat Paris zunächst als antifaschistische Märtyrerin gefeiert wird – und nur kurze Zeit später komplett in Vergessenheit gerät.

»Sie ist sehr jung gestorben und konnte ihr fotografisches Werk nicht fortsetzen. Viele ihrer Bilder wurden nach ihrem Tod Robert Capa zugeschrieben«, erklärt Anne König, die im vergangenen Jahr etliche von Taros Bilder erstmals in deren Wahlheimat Leipzig zeigte. »Sie ist in Madrid, Barcelona und New York bekannter als in der Stadt, aus der sie 1933 vor den Nationalsozialisten fliehen musste«, so König weiter.

Diejenigen, die sich doch noch erinnern, kennen Taro für ihre eindrucksvollen Bilder aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Sie erlebt die Luftangriffe, Gefechte und Explosionen hautnah, direkt an der Front. Viel mehr noch als für die dramatischen Szenen, die sie rund um die spanische Stadt Brunete einfängt, steht Taro jedoch für die Szenen abseits des aktiven Kriegsgeschehens. Sie zeigt vor allem Menschen. Männer, Frauen, Kinder.

Soldaten und Bauern. Waffen und Panzer, von vielen ihrer Kollegen als typische Motive gewählt, landen selten im Sucher ihrer Reflex-Korelle-Mittelformatkamera. »Als Fotoreporterin trug Taro maßgeblich dazu bei, das Bild des modernen Flüchtlings zu prägen. Sie selbst musste sich 1934 ebenfalls als politischer Flüchtling im Exil in Paris eine neue Identität schaffen«, sagt König.

Für ihre Brüder im Gefängnis

Gerda Taro ist eigentlich Gerta Pohorylle. Als ältestes von drei Kindern kommt sie 1910 in Stuttgart zur Welt. 1929 erhält Gertas Vater Heinrich, ein jüdischer Kaufmann, der einst aus Ostgalizien einwanderte, ein lukratives Angebot, seinen Eierhandel von Stuttgart nach Leipzig zu verlegen. Noch im selben Jahr zieht die komplette Familie – Gerta, Vater Heinrich, Mutter Gisela sowie ihre beiden jüngeren Brüder Oskar und Karl – um.

Die bis dahin eher unpolitische Gerta will dem immer präsenter werdenden Antisemitismus etwas entgegensetzen und tritt mehreren linksorientierten Gruppierungen bei, unter anderem der kommunistischen ›Revolutionären Gewerkschafts-Opposition‹ (RGO). Im Zuge der Machtergreifung Hitlers 1933 formierte sich auch in Leipzig der Widerstand. Im März fielen unzählige Flugblätter vom Dach des Kaufhauses Ury – in dem Taros Brüder arbeiteten – und die beide zu diesem Zeitpunkt weitaus politisierter waren als ihre Schwester.

»Sofort verdächtigte die Polizei die Pohorylle-Brüder, die konnten jedoch untertauchen«, zitiert Kulturwissenschaftlerin und Taro-Forscherin Irme Schaber mit Georg Kuritzke einen ebenfalls politisch linksorientierten Freund der Fotografin. Da die Polizei weder Oskar noch Karl in der elterlichen Wohnung findet, verhaften sie kurzerhand die damals 22-jährige Gerta, heißt es in Schabers lesenswerten Biografie ›Gerda Taro, Fotoreporterin – Mit Robert Capa im Spanischen Bürgerkrieg‹.

Life Über Taros Tod
Das Magazin Life berichtet über Taros Tod / Collection Irme Schaber

Fast drei Wochen sitzt sie in Untersuchungshaft, doch es gelingt ihr, den Beamten die Rolle des unbekümmerten Mädchens vorzuspielen, das sich weiß Gott nicht für die Politik interessiert. Ihr selbst war durchaus bewusst, in welch brenzliger Situation sie sich befindet, schreibt Schaber: »Sie hatte eine tiefe Erfahrung gemacht, die sie von nun an begleitete: die Gewissheit, gefährdet zu sein. […] Den Freunden, der Familie und Gerta war klar, dass sie bald möglichst aus Deutschland weg musste.« Und so reist sie kurz nach ihrer Entlassung mit gefälschten Papieren nach Paris. Die französische Hauptstadt dient zu jener Zeit vielen Verfolgten, darunter zahlreiche Künstler, als Zufluchtsort.

Auch Gertas Familie ist bald gezwungen, Nazi-Deutschland zu verlassen. Ihre Brüder machen sich auf den Weg in Richtung England, die Eltern fliehen nach Palästina. Was Gerta zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: Sie wird ihre Familie nie wiedersehen. Sie wurde im Holocaust ermordet.
 

Aus Porohylle und Friedmann werden Taro und Capa

In Paris lernt Taro Endré Ernö Friedmann kennen. Drei Jahre jünger als Gerta und ebenfalls jüdischer Flüchtling. Die Begegnung der beiden im September 1934 ist nicht nur der Beginn der wohl innigsten Liebesbeziehungen der Fotografiegeschichte, sondern macht den unbekannten ungarischen Amateurfotografen Friedmann zum berühmtesten Kriegsfotografen des 20. Jahrhunderts: Er wird zum Amerikaner Robert Capa.

Gerta arbeitet damals als Bildredakteurin bei der internationalen Agentur Alliance Photo und ist schon lange vom Talent ihres Freundes überzeugt. »Ihrer Meinung nach mangelte es ihm lediglich an einem guten Vermarktungskonzept und auch an Äußerem, um seine Wettbewerbschancen zu erhöhen«, hat Schaber im Zuge ihrer Recherchen erfahren. Um die eigenen finanziellen Sorgen zu lindern, gingen beide eines Tages zu Maria Eisner, der Leiterin von Photo Alliance, und sagten, sie hätten einen gestandenen US-Fotografen entdeckt, der gerade in Paris residierte: Robert Capa. So will Gerta, die inzwischen ebenfalls fotografiert, die Honorare für die Bilder ihres Partners auf das Dreifache hochschrauben Eisner durchschaut den Plan sofort und erkennt in den Aufnahmen Friedmanns Handschrift, doch bei den Redakteuren funktioniert der Plan eine Weile. Als die Täuschung schließlich auffliegt, bleibt Capa bei seinem Pseydonym, aus Gerta Pohorylle wird Gerda Taro.

Das Liebespaar arbeitet fortan weiter zusammen und fliegt 1936 gemeinsam nach Barcelona, um den Spanischen Bürgerkrieg in Bildern festzuhalten. Ihre Fotos verkaufen sie unter dem Namen »Capa & Taro« zunächst ausschließlich an linke französische Blätter wie Vu, Regards oder Ce Soir. Den Versuch, Neutralität vorzutäuschen, haben sie nie im Sinn. Mit ihrer Arbeit wollen sie den Kampf der Republikaner gegen Franco, Mussolini und Hitler so gut es geht unterstützen. »Als antifaschistische Emigranten verstanden sie sich als Beteiligte, die mithofften und die mitkämpfen wollten. Sie ergriffen Partei, weil der Militärputsch Teil ihrer eigenen Bedrohung durch den Faschismus war«, erklärt die Kulturwissenschaftlerin Irme Schaber, die seit mehr als 20 Jahren Taros Biografie aufarbeitet.

Der »Mexikanische Koffer«

Ihre Beziehung zu Robert Capa war für Taro Fluch und Segen zugleich. Er war es, der sie zur Fotografie brachte. Trotzdem stand sie bis vor wenigen Jahren komplett im Schatten ihres weitaus berühmteren Partners. Mit dem Fund des sogenannten »Mexikanischen Koffers« 2007 ändert sich die Situation ein wenig. Auf dem Dachboden eines Diplomaten in Mexiko werden 4.500 Negative gefunden, die Taro, Capa und ihrem Kollegen David Seymour im Spanischen Bürgerkrieg aufnahmen, 1939 aus Paris herausgeschmuggelt wurden und in Vergessenheit gerieten. Mindestens 800 davon konnten zweifelsfrei Taro zugeordnet werden. Im selben Jahr kuratiert Schaber die weltweit erste Ausstellung mit den Bildern der Deutschen am ›International Center of Photography‹ in New York. Ende April 2017 wird in Madrid eine Straße nach Taro (und Capa) benannt, doch nur wenige Tage vor ihrem 80. Todestag revidiert die Stadtverwaltung ihre Entscheidung. Der Protest, so erzählt Schaber, käme hauptsächlich von franquistischen Organisationen.

Auf der Volks-Illustrierten wird rechts unten Taros Tod bekannt gegeben.  / Collection Irme Schaber
Auf der Volks-Illustrierten wird rechts unten Taros Tod bekannt gegeben. / Collection Irme Schaber
Am Sonntag,den 25. Juli 1937, fährt Taro, die von den spanischen Soldaten längst ›La pequeña rubia‹ – die kleine Blonde – genannt wird, erneut an die Front. Obwohl sie vom General des Divisionshauptquartiers umgehend zurückgeschickt wird, ignorierten sie und Ted Allan den Befehl und entschieden sich trotz (oder wegen?) der kritischen Lage zu bleiben.

In einem Erdloch sitzend und mit der Kamera am ausgestreckten Arm, fotografiert die 26-Jährige so lange während des Angriffs der deutschen ›Legion Condor‹, bis ihr der Film ausgeht. Es sind die besten Bilder, die sie je gemacht hat. Auf dem Rückweg nach Villanueava de la Canada zerquetscht ein außer Kontrolle geratener Panzer der Republikaner Taros Unterleib. Die Fotografin wurde umgehend in das britische Frontspital der 35. Division in Escorial gebracht wurde. Doch ihre Verletzungen wiegten zu schwer. Sie starb in den frühen Morgenstunden des 26. Juli 1937. Die Fotos von diesem Tag – Taro beschrieb sie selbst als »die besten ihres Lebens« wird nie jemand zu Gesicht bekommen.

Eine wahre Fotorevolutionärin

Gerda Taro habe mit ihren Aufnahmen direkt von den Frontlinien neue Maßstäbe gesetzt für die fotografische Kriegsberichterstattung, resümiert Schaber. Eine Methode, die der jungen Deutschen das Leben kostete. Es war der »erste Todesfall während einer Kriegsreportage erregte weltweit Aufmerksamkeit. Sie hatte als Frau und Fotografin Neuland beschritten«, bringt die Biografin die kaum zu unterschätzende Bedeutung der jungen Fotorevolutionärin auf den Punkt.

Doch lange Zeit war der Schatten Capas zu übermächtig, die Notizen und Hinterlassenschaften Taros zu spärlich, als das eine lückenlose Aufbereitung ihres Werks möglich gewesen wäre.

| FLORIAN STURM
| TITELFOTO: Gerda Taro; ca. 1927 / Collection Irme Schaber

Lesetipp
Irme Schaber: Gerda Taro, Fotoreporterin
Mit Robert Capa im Spanischen Bürgerkrieg. Die Biografie
Kromsdorf/ Weimar: Jonas Verlag (1. Auflage 2013)
256 Seiten, 35 Euro
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