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Chronist des alltäglichen Wahnsinns

Menschen | Zum 75. Geburtstag des Georg-Büchner-Preisträgers Wilhelm Genazino

Wilhelm Genazino hat die melancholischen, zum Selbstmitleid neigenden Flaneure in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur salonfähig gemacht. Immer etwas neurotisch, dem Wahnsinn nahe, aber höchst empfindsam, so schickt er seine zumeist ziemlich biederen Alltags-Protagonisten durch seine leicht elegischen Romane. Von PETER MOHR

1280px-Frankfurter_Buchmesse_2016_-_Genazino Genazino_-_Reents_1-350.jpg»Viele verborgen lebende Menschen liefen umher und suchten etwas, fanden aber nur wenig oder nichts«, heißt es in Genazinos neuem, in einer Woche erscheinenden Roman, und man kann sicher sein, dass er sich wieder auf den bewährten Pfaden des »alltäglichen Wahnsinns« bewegen und auf der gleichen emotionalen Frequenz wie in den Vorgängerwerken funken wird.
Genazino passt eigentlich überhaupt nicht in den immer schnelllebigeren Literaturbetrieb – als zurückhaltender, den leisen Tönen zugewandter Zeitgenosse ebenso wenig wie seine unkonventionellen, allen literarischen Moden zuwider laufenden fragilen Romane.

»Ich weiß selber keinen richtigen Grund dafür, warum ich nun Erfolg habe«, bekannte Wilhelm Genazino in einem Interview im Sommer 2004. Er schreibt seit mehr als dreißig Jahren konstant auf hohem Niveau, erntete stets anerkennende Kritiken, doch bis vor wenigen Jahren wurden die Restauflagen seiner Bücher nicht selten auf den Wühltischen verramscht. Dieses finanzielle Risiko wollte der Rowohlt Verlag, der 20 Jahre lang Genazinos Bücher publizierte, nicht länger tragen und ließ den Autor zum Carl Hanser Verlag ziehen.

»Man kann alles Mögliche vermuten, etwa, dass das Fernsehen dafür verantwortlich ist«, liegt Genazino mit seinem Erklärungsversuch für den plötzlichen Erfolg wohl nicht falsch. 2001 hatte das ›Literarische Quartett‹ im ZDF seinen Roman ›Ein Regenschirm für einen Tag‹ hoch gelobt, und danach ging es mit der öffentlichen Anerkennung und den Verkaufszahlen steil bergauf. 2003 erhielt er den Berliner Fontane-Preis, ein Jahr später die wichtigste literarische Auszeichnung im deutschsprachigen Raum, den Georg-Büchner-Preis, 2007 folgte noch der Kleist-Preis.

»Es ist wie ein konventioneller, langsamer bürgerlicher Aufstieg«, erklärt der am 22. Januar 1943 in Mannheim geborene Autor die wundersame Wandlung. Nach dem Abitur und einem Volontariat bei der Rhein-Neckar-Zeitung studierte Genazino Germanistik, Philosophie und Soziologie in Frankfurt, war einige Jahre als Redakteur für die Satirezeitschrift ›Pardon‹ tätig, ehe er sich ganz der Literatur widmete und zunächst als Hörspielautor reüssierte.

Seine Geburtsstadt Mannheim mit ihren beinahe geometrisch angelegten Innenstadtstraßen, die statt Namen Nummern tragen, hat ihn nachhaltig geprägt, den Blick auf das bisweilen trostlose Leben in den Stadtzentren geschärft.
Flaneure mit besonders gut geschultem Auge sind häufig die Protagonisten in Genazinos stillen, aber sprachlich ausgefeilten Werken mit ihrem charakteristischen Hang zur leichten Melancholie. Von seiner Ende der 1970er Jahre erschienenen Trilogie um den spießigen und untertänigen Angestellten Abschaffel bis hin zum 2016 erschienenen Roman »Außer uns spricht niemand über uns« stehen kauzige Figuren im Mittelpunkt, liebenswerte Verlierer, deren Lebensträume wie Seifenblasen zerplatzten und die sich dennoch mit ihren öden Verhältnissen arrangierten.

Mit Hilfe von Alltagsbanalitäten, die einen leicht absurden Touch tragen (ein Fleck, eine Wimper, ein paar Schuhbänder, ein verlorenes Ohr), zeichnet Genazino mit beinahe fotografischer Präzision Veränderungen nach. Diese subtile »Prosa des Auges« nimmt in ihren Auswüchsen nicht selten kafkaeske Züge an. Genazino, der selbst als Journalist und Hörfunkautor viele Jahre ums materielle Überleben kämpfen musste, hat bei seinen erzählerischen Spagaten zwischen Schmerz, Ironie und Melancholie allerdings nie seine »Loser«-Figuren der Lächerlichkeit preisgegeben. »Man muss sich erst einmal ohnmächtig fühlen, ehe man komisch wirken kann. Man muss in der vollkommenen Totenstarre der Probleme gelebt haben, ehe man über sie lachen kann«, hat Genazino selbst einmal die Lebensverhältnisse seines Romanpersonals beschrieben.

Immer wieder blitzt zwischen den Zeilen auch der unterschätzte Humorist Genazino auf, dem wir auch die herrlich-komische Wortschöpfung »Liebesblödigkeit« (so der Romantitel aus dem Jahr 2005) zu verdanken haben. Der »normale« Alltag wie ein nicht zu bändigender Dramen-Stoff – so erlebten wir auch den »liebesblöden« Radiosprecher aus der »Frauenverwelkungsanstalt« im letzten Genazino-Roman. Wieder einmal anspielungsreiches Erzähl-»Theater« über die großen und kleinen Katastrophen des sozialen Mittelstandes. Eigentlich stets der gleiche Stoff – und dennoch immer wieder aufs Neue faszinierend zu lesen.

| PETER MOHR
| Abb: Foto: © JCS‘ / Lizenz: CC-BY-SA-3.0 / GFDL, Frankfurter Buchmesse 2016 – Genazino – Reents 1, crop, CC BY 3.0

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