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Immer mitgemischt

Menschen | Zum Tod des Schriftstellers Peter Schneider

Peter Schneider gehörte gemeinsam mit Friedrich Christian Delius und Uwe Timm zu den Schriftstellern, die die 68er Bewegung aktiv beeinflusst haben und durch die ihr politisches Denken und Handeln und auch ihre Literatur in jungen Jahren geprägt wurde. Von PETER MOHR

Ein seitliches Porträtfoto des Autors»Wer sagt, er habe ich noch nie geirrt, hat viele Gelegenheiten verpasst, klüger zu werden«, hieß es in Peter Schneiders Essayband ›Denken mit dem eigenen Kopf‹ (2020). Er mag sich im Laufe seines Lebens auch geirrt haben, klüger ist er auf jeden Fall geworden. Der einstige jugendliche Rebell war deutlich leiser geworden, bedächtig, geradezu altersmilde lasen sich viele jüngere aus dem leuchtend roten Essayband.

In den 1960er Jahren gehörte er nicht nur als Redenschreiber zum Wahlkampfteam von Willy Brandt, sondern er war auch eine der lautstärksten und einflussreichsten Stimmen in der Berliner Studentenbewegung. Er blickte zuletzt unsentimental auf die wilde »68er-Zeit« zurück, räumte aber ein, dass sie äußerst wichtig war für das politische Bewusstsein in der Bundesrepublik, weil sie es geschafft hatte »diese Gesellschaft durchzurütteln und durchzuschütteln.«

Als er sich 1973 in Berlin als Studienreferendar bewarb, wurde der »Verfassungsfeind« für den Staatsdienst abgelehnt. Das Urteil wurde zwar drei Jahre später aufgehoben, doch da hatte Schneider längst keine Ambitionen mehr, in den Schuldienst einzutreten. Seine Erzählung ›Lenz‹, eine mit großer Leidenschaft verfasste literarische Bilanz der »wilden Jahre«, hatte ihm 1973 den schriftstellerischen Durchbruch beschert.

Peter Schneider, der am 21. April 1940 in Lübeck als Sohn eines Kapellmeisters und Dirigenten geboren wurde, war stets ein politisch-engagierter Autor, ohne sich allerdings ideologisch vereinnahmen zu lassen. Mit seiner Erzählung ›Mauerspringer‹ (1982) nahm er die Ereignisse aus dem Herbst des Jahres 1989 vorweg, und sein schmaler Band ›Vati‹ (1986), in dem er den Lebensweg des KZ-Arztes Mengele rekonstruierte, löste damals eine heftige, vom ›Spiegel‹ initiierte Plagiatsdiskussion aus. Schneider, der Filmdrehbücher, Essays, Kolumnen und Theaterstücke verfasste, ist immer ein wenig gegen den Strom des politischen Zeitgeistes geschwommen. Nach den wenig spektakulären Romanen ›Paarungen‹ (1992) und ›Eduards Heimkehr‹ (1999) folgte 2005 der flott erzählte Aufsteigerroman ›Skylla‹, in dem ein Alt-68er, der später als Scheidungsanwalt Karriere machte, im Mittelpunkt steht.

2019 präsentierte uns Peter Schneider noch einmal eine völlig neue literarische Facette – ein Meisterwerk der literarischen Biografie. In ›Vivaldi und seine Töchter‹ erzählte er so ungezwungen wie noch nie über den großen italienischen Komponisten, der gleichermaßen umtriebig wie ungeduldig war, der jeden Monat eine Oper oder ein Konzert schreiben wollte und der mit 15 Jahren bereits zum Priester geweiht worden war. Diese Romanbiografie liefert eine harmonische Mischung aus Fakten und Imagination. Ein Buch mit viel Liebe zum Detail, mit einem Höchstmaß an Einfühlungsvermögen und überdies auch noch ein stimmiges Zeitbild.

52 Jahre liegen zwischen dem Romandebüt ›Lenz‹ und der ›Frau an der Bushaltestelle‹. Und heute erinnern wir uns gern an den letzten Satz von Schneiders autobiografischem Erstling: »Was Lenz denn jetzt tun wolle. ›Dableiben‹, erwiderte Lenz.« Peter Schneider ist immer mittendrin geblieben und hat kräftig mitgemischt. Eine wichtige literarische und politische Stimme des letzten halben Jahrhunderts ist verstummt. Wie sein Verlag Kiepenheuer und Witsch bestätigte, ist Peter Schneider im Alter von 85 Jahren nach schwerer Krankheit gestorben.

| PETER MOHR
| Abb. Regani, Peter Schneider 2008 02, Crop, CC BY 3.0

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