Zwischen Fado und Saudade

Menschen | Zum Tod des großen portugiesischen Schriftstellers António Lobo Antunes

»Was und wie ich schreibe, muss unbedingt etwas mit mir zu tun haben, mit meinen Hirngespinsten und Obsessionen«, hatte der große portugiesische Schriftsteller António Lobo Antunes vor einigen Jahren in einem Interview über sein dichterisches Credo befunden. Von PETER MOHR

Porträtfoto des Autors im blauen Pullover2024 war unter dem Titel ›Am anderen Ufer des Meeres‹ der 30. Roman des Portugiesen in deutscher Übersetzung erschienen. Lobo Antunes, der am 1. September 1942 im durch den Fußball bekannten Lissaboner Vorort Benfica als Sohn eines Arztes geboren wurde, hat selbst viele Jahre als Chefarzt einer psychiatrischen Klinik gearbeitet.

Sein letztes großes Erzählwerk, der Roman ›Die letzte Tür vor der Nacht‹ (dt. 2022), basierte auf einem realen Hintergrund – ein abscheuliches Verbrechen, das in der Nähe von Porto verübt wurde. Lobo Antunes nahm den Leser mit auf eine weitverzweigte Reise ins Unterbewusste von fünf Männern, die durch einen grausamen Mord auf mysteriöse Weise miteinander vereint wurden.
Realität und Subjektivität ringen hier auf einem schmalen Grat um die Balance. Hinter der bürgerlichen Fassade brodelte es kräftig. Was Brutalität und Grausamkeit angeht, wozu Menschen fähig sind, wusste Autor Lobo Antunes aus seiner eigenen Erfahrung. Er war ab Januar 1971 für 27 Monate als Militärarzt in Angola tätig und hat seine Erfahrungen aus dieser Zeit zuletzt in seinem Roman ›Bis die Steine leichter sind als Wasser‹ (2021) einfließen lassen. Seine langjährige Übersetzerin Maralde Meyer-Minneman erklärte vor einigen Jahren einmal treffend, dass es so schwierig mit diesen Romanen sei, weil man unentwegt traurigen, gebrochenen Figuren begegnet.

»Sie ist neulich von mir abgefallen, und ich kann sie nicht mehr finden, wahrscheinlich ist sie unter das Bett gerollt oder für immer in irgendeiner Spalte verschwunden«, heißt es im typischen Lobo Antunes-Stil über die verlorene Hoffnung.

António Lobo Antunes war stets ein begnadeter Seelenvermesser, ein beinahe besessener Geschichtenrezähler, ein Erklärer der Geschichte – ein Autor, der psychische Deformationen und unendlichen Schmerz transparent zu machen verstand. Seine Romane kamen tief aus der Seele Portugals: zwischen Fado, Saudade (dt. Weltschmerz) und Thriller. Der Nobelpreis für Literatur ist ihm leider verwehrt geblieben. Am Donnerstag ist Lobo Antunes im Alter von 83 Jahren in Lissabon gestorben.

Die portugiesische Regierung rief für Samstag eine Staatstrauer aus. Die renommierte Zeitung ›Público‹ nahm Abschied vom »Revolutionär der portugiesischen Literatur«

| PETER MOHR
| Abb. Georges Seguin (Okki), António Lobo Antunes (2010), CC BY-SA 3.0

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