//

Siebenundvierzig

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Siebenundvierzig

Meine Güte, Farb stöhnte, wie solle man das beschreiben.

Man möchte es nicht glauben, sagte Annika, wie sei es möglich, daß sich so jemand noch immer im Amt hält.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Sahne.

Da komme einiges zusammen, konstatierte Wette.

Farb strich die Sahne auf seinem Kuchen behutsam und sorgfältig glatt.

Ein Medienspektakel, sagte Wette, der Moderator präsentiere sich dem Publikum, von 2004 bis 2015 von The Apprentice, einer Reality-TV-Show, er pflegte eine enge Beziehung zu dem Sexualstraftäter Jeffrey Epstein, seine Affaire mit einer Prostituierten brachten ihm einen zweifelhaften Ruf ein, bei ihm tanze der Bär, täglich, in nächtlichen tweets, würden Neuigkeiten angekündigt, breaking news, Aufgeregtheiten, sensationell aufgebrezelte Ansagen, Sprüche, fake news, Schockeffekte, Beleidigungen, nur daß keine Pause entstehe, einen nüchternen Gedanken zu fassen, sondern es müsse etwas geschehen, unbedingt, und zwar sofort.

Farb lachte. Ob das nicht eh zu den grundlegenden Regeln der Medienwelt gehöre, frage er sich, ein lärmendes, heilloses Durcheinander zu erzeugen, Räuberpistolen, Mord und Totschlag, auf daß man sich mittendrin fühle, aber trotzdem keine Ahnung davon habe, was wirklich geschehe.

Amüsant, sagte Wette, doch daß er einen Moderator spiele, lärmend, schrill, verrückt, das sei ein kleiner Teil seines Spiels, es habe viele Facetten.

Farb aß von seiner Pflaumenschnitte und dachte darüber nach, ob er dazu nicht doch lieber eine Tasse Kaffee tränke, genieße man Yin Zhen nicht sowieso besser ohne Pflaumenschnitte.

Maskulin, ergänzte Wette, in vielerlei Hinsicht sei er maskulin, er lasse sich als Held feiern, ein Autokrat, Weiblichkeit betrachte er als sexuell verfügbar.

Nur noch peinlich, sagte Farb.

Er lasse nichts aus, sagte Wette, Gott, so prahle er, stehe ihm zur Seite, und er erinnere an das Attentat, den Schuß ins Ohrläppchen, wie könne es angehen, daß so jemand von einer Mehrheit gewählt werde, gelte der Mensch doch gemeinhin als vernünftig.

Farb stöhnte gequält. Es nehme kein Ende, sagte er, sei aber kein Spiel, weiß Gott nicht, sondern brandgefährlich, er breche mit den vertrauten Abläufen einer kontinuierlich gewachsenen Zivilisation, die Barbarei halte triumphalen Einzug.

Stets auf der Höhe der Zeit und Hand in Hand mit den neuesten Errungenschaften der Moderne, spottete Wette.

Oberflächlich betrachtet, könnte man meinen, es handle sich um eine Meute halbstarker Männer, die eine Gelegenheit gefunden hätten, sich auszutoben, sagte Farb, man fahre Harley, das Alphamännchen führe an, doch das sei kein Spiel, im Gegenteil, sie würden Übereinkünfte verlassen, USAID, und von einem Tag auf den anderen die medizinische Versorgung von Millionen Menschen in Afrika aufkündigen, sie wollten Millionen von Migranten aussiedeln, Grönland käuflich erwerben, ihre Vorstellungen für eine politische Ordnung im Nahen Osten seien abenteuerlich, nein, sagte Farb, eine Meute Halbstarker sei das sicher nicht, sie würden das Land von der Gemeinschaft der Völker isolieren, an den Abgrund führen.

Ob das der Kulminationspunkt sei, an dem ebenso die Moderne ihren Gipfel überschreite und nun steil abstürze, frage er sich, sagte Wette, das Land habe einige Jahrhunderte westlicher Zivilisation geprägt, seine Zeit als einzige Weltmacht sei jedoch offenkundig seit längerem vorüber, eine multipolare Welt bilde sich aus, das Geschehen spitze sich Tag um Tag zu, und man werde über kurz oder lang feststellen, daß die verwegenen politischen Eskapaden ins Leere liefen.

Und wie stehe es im Land selbst, fragte Farb, wie werde dort der Konflikt ausgetragen zwischen einem selbstherrlich agierenden Präsidenten und den geschwächten staatlichen Instanzen.

Annika blätterte in ihrem Reisemagazin.

Wette hätte gern noch Doppelkopf gespielt.

Tilman warf einen Blick nach dem Gohliser Schlößchen.

Farb tat sich eine zweite Pflaumenschnitte auf und schenkte Tee nach, Yin Zhen.

Schwierig, sagte Wette, die Bevölkerung sei zutiefst gespalten, der Politik werde mißtraut, die amtierende Regierung aus politischen Dilettanten, eine bunt zusammengewürfelte Truppe von Milliardären, erweise sich mehr und mehr als den realen Problemen nicht gewachsen, Maßnahmen gegen die Erderwärmung würden zurückgenommen, die Stimmung im Land sei aggressiv, der Kanadier schließe Handelsabkommen mit anderen Staaten, und was an selbstgefälligen Reden verbreitet werde, was an Rassismus wiederauflebe, sei dem inneren Frieden keineswegs förderlich, nein, im Gegenteil, sagte Wette, auch falle das rüpelhafte Auftreten dem Autokraten letztlich auf die Füße, sagte Wette, und wer es trotz allem gut meine mit dem Land, der müsse sich ernsthaft sorgen.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Zwischen Fado und Saudade

Nächster Artikel

Der »Roadtrip« auf der Donau

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Dilettantismus

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Dilettantismus

Farb hatte sich nie zum Ziel gesetzt, ein Spezialist zu werden, ein Experte, schon beim jugendlichen Fußballspiel, von dem er erzählte, war er variabel einsetzbar, im Tor habe er eine passable Leistung gezeigt, defensiv habe er seinen Mann gestanden, er habe strategisches Talent bewiesen. In einer Gesellschaft, die Höchstleistung verlangt, in der die Spezialisten gefragt sind und kompromißloses Zupacken als Leitbild propagiert wird, sagte Tilman, habe einer wie er grottenschlechte Karten.

Kurzgeschichten für Kurzstrecken

Kurzprosa | Klaus Wagenbach (Hrsg.): Störung im Betriebsablauf. 77 kurze Geschichten für den öffentlichen Nahverkehr Störung im Betriebsablauf: 77 kurze Geschichten für den öffentlichen Nahverkehr – dieses Buch hat die praktischen Maße eines Smartphones und passt in jede Hosen-, Hemd- und erst recht Handtasche. Als kleiner Literaturhappen für Nahverkehr, Überlandfahrten und Wartezeiten am Bahnsteig. Selbst eine Störung im Betriebsablauf wird dank Klaus Wagenbach noch zum Leseerlebnis. Von INGEBORG JAISER

Berlin

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Berlin

Berlin, erinnerte sich Rostock, Berlin liege gar nicht weit entfernt von seiner Heimatstadt, er habe von Bremerhaven aus den Atlantik überquert und in Nantucket ausgemustert.

So sei es vielen ergangen, sagte London, die Überfahrt war strapaziös, und an der Ostküste habe man in Nantucket gleich anheuern können, denn die Jahrzehnte des amerikanischen Walfangs brachen an.

Was es auf sich habe mit Berlin, fragte Bildoon, weshalb, die Stadt liege auf der anderen Seite des Planeten, was kümmere ihn das.

Es sei eine andere Zeit, sagte Pirelli, von Walfang sei dort keine Rede mehr.

Arm und reich

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Arm und reich

Nach wie vor tobt der Klassenkampf der Krösusse gegen die Mittellosen.

Warren Buffet.

Unter der Oberfläche und nicht auf den ersten Blick wahrnehmbar, doch desto erbarmungsloser, Hunger ist eine hochwirksame Waffe, die Opfer gehen in die Millionen.

Das kümmert unsere Krösusse nicht.

Es kommt ihnen entgegen, und seit neuestem, las ich vor einigen Tagen, errichten sie ihre eigenen exklusiven Städte.

Den Atem verschlagen

Kurzprosa | Armin T. Wegner: Der Knabe Hüssein und andere Erzählungen Die Vergessenen dem Vergessen zu entreißen, das war das erklärte Ziel von Volker Weidermann mit seinem Buch der verbrannten Bücher. Es wurde vor fünf Jahren schnell zum Bestseller und rief Namen ins kollektive Gedächtnis zurück, die von den Nazis im Mai 1933 ein für alle Mal aus der Erinnerung ausgelöscht werden sollten. Und für eine sehr lange Zeit tatsächlich auch wurden. Unter den über hundert Autoren, die der Feuilletonchef der FAS damals porträtierte, war auch Armin T. Wegner, einer der erfolgreichsten Schriftsteller der Weimarer Republik. Seine Erzählungen Der Knabe