Grenzgänger zwischen den Zeiten

Kurzprosa | Adolf Muschg: Im Erlebensfall

In seinen Essays und Reden Im Erlebensfall. Versuche und Reden 2002-2013 zeigt sich der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg, der in diesem Jahr seinen achtzigsten Geburtstag feiert, als feinsinniger und klarsichtiger Denker. Eine begleitenden Biographie von Manfred Dierks erläutert Muschgs wissenschaftlichen und literarischen Werdegang und die Wechselfälle seines Lebens. Von BETTINA GUTIÉRREZ
MuschgLebensrettende Phantasie lautet der Titel einer vor kurzem erschienenen Biographie des Schweizer Schriftstellers Adolf Muschg. Hier versucht sich der Wissenschaftler und Autor Manfred Dierks an einem »biographischen Porträt« Muschgs, das zwar sehr instruktiv und verdienstvoll ist, den Leser jedoch mit einer solchen Fülle von privaten Anekdoten und Details befrachtet, die einen unverstellten Blick auf seine Texte zunächst ein wenig erschweren.

So beleuchet Dierks die wichtigsten Stationen seines akademischen und beruflichen Werdegangs wie das Studium und die Promotion bei Emil Staiger in Zürich, seine Zeit als Assistent bei Walther Killy in Göttingen, seine Professur für deutsche Sprache und Literatur an der ETH Zürich und seine glücklose, von allzu zahlreichen bürokratischen Hürden und politischen Ränkespielen geprägte Zeit als Präsident der Akademie der Künste in Berlin.

Der Leser erfährt weiterhin, dass Muschg aus einem streng pietistisch-protestantischen Elternhaus stammt, das sich an der Lektüre der Bibel orientierte; und er erfährt ganz ausfürlich, dass sich die schwierige Beziehung zu seinen Eltern und seinem Halbbruder Walter ein Leben lang auf sein Schaffen und privates Glück ausgewirkt hat. Ob man gerade dies alles so genau, wie es Dierks ausführt, wissen möchte, sei dahingestellt. Die Texte des Romanciers und Essayisten Muschg, die in ihrem ebenso beschwingten wie ernsthaften Ton an sein literarisches Vorbild Gottfried Keller erinnern, zeigen jedenfalls einen anderen Menschen.

Gar nicht düster, sondern hell und freundlich erzählt er in seinem Roman Sax die Geschichte eines Spukhauses, dessen Dachwohnung von einem dreiköpfigen Anwaltskollektiv bewohnt wird, das sich mit dem Vermächtnis des aus dem 16. Jahrhundert stammenden Hausgeistes Philipp von Hohensax auseinandersetzen muss.

Als feinsinniger Denker und Humanist erweist er sich in seinen unter dem Titel Im Erlebensfall zusammengefassten Reden und Essays (2002-2013), in denen sich sowohl die in Dierks Biographie erwähnten Motive seiner Affinität zur griechischen Antike und dem biblischen Glauben als auch sein Hang zur klassischen akademischen Bildung wiederfinden.

Als Huldigung an die griechische Mythologie ist beispielsweise seine Interpretation von Velázquez Bild Die Spinnerinnen aufzufassen. Im Mittelpunkt dieses Bildes, dessen Thema der Raub der Europa ist, steht für ihn die Figur der Pallas Athene, die nun als Göttin der Kunst und nicht der Weisheit in Erscheinung tritt und Lebensfreude symbolisiert: »Sie kann den Menschen überall begegnen, wo – wie im Athen des 5. vorchristlichen Jahrhunderts – nicht nur gut geredet und besonnen gehandelt, sondern auch schön gelebt wird.

In seinen Reflexionen über die kulturelle Evolution und Bildung bezieht er sich wiederum auf das antike Griechenland als Wiege der Kultur indem er einen Bogen zum idealtypischen Begriff der Muße spannt, der nicht nur im »gelobten Athen« angewandt wurde, sondern auch für das humboldtsche Ideal der deutschen Universität gilt: »Mit der Muße erst beginnt die Arbeit, nämlich die wertschöpfliche Arbeit an dem Menschen, der wir sind, sein wollen und können, des selbstbestimmten Subjekts als Träger einer mündigen Gesellschaft.«

Bezüge zur Bibel finden sich unter anderem in seinem in diesem Band publizierten Essay »Das Tier in der zeitgenössischen Kunst«, in dem er über das Verhältnis zwischen den Menschen und Tieren räsonniert. Im Tier, so Muschgs Referenz an den biblischen Schöpfungsbericht, begegne den Menschen das Heilige. Und deshalb, so fährt er weiter fort, spiele es für die menschliche Kultur und christliche Heilsgeschichte eine wichtige Rolle.

Die Betrachtung des von den Brüdern van Eyck um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts geschaffenen Genter Altars ist für ihn dagegen ein Grund, sich über das vereinte Europa Gedanken zu machen. Besonders die im Mittelteil des Altars abgebildete Anbetung des Lammes veranlasst ihn zu einem Rückblick auf die europäische Geschichte, die er als Fundament eines vielfältigen und gleichzeitig einheitlichen Europas ansieht.

Spielerisch, heiter und humoristisch gibt sich Muschg in einem Festvortrag zum 150-jährigen Jubiläum des Grimmschen Wörterbuchs mit dem Titel »Die Alchemie der Wörter«. Teils onomatopoetisch sind hier seine Überlegungen zu den Klang- und Bedeutungsabstufungen der verschiedenen europäischen Sprachen. Sein Plädoyer für eine zeitgemäße und durchaus aktuelle Wertschätzung des Wörterbuchs schließt dann mit der Feststellung, dass dieses ein Schatzhaus sei, in dem die gesammelte Sprache der Wörter nicht auf ihre Rettung vor der Barbarei, sondern auf unsere warte. Lediglich sein Beitrag zum Begriff der gesellschaftlichen Toleranz, den er mit dem Goethezitat »Dulden heißt beleidigen« einleitet, läßt sich für den Leser nicht so leicht erschließen.

Wie ein Ariadnefaden ziehen sich seine Gedanken durch ein Labyrinth, das mit Aussagen Goethes und Voltaires beginnt und sich schließlich in Exkursen über die Polis, den Glauben und Gott verliert. Dennoch tut dies Muschgs Stellung als bedeutender und weltoffener Wissenschaftler und Literat, als der er sich in seinen Schriften zeigt und als der er stets anerkannt  wurde und wird keinen Abbruch. Eine Tatsache, die man auch mit den Worten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung anläßlich der Verleihung des Büchner-Preises im Jahr 1994 zusammenfassen kann: »Gefasst in eine Sprache von psychologischer Sensibilität und zugleich von kritischer Klarsicht beschwören die Bücher Adolf Muschgs die Hoffnung, dass den Menschen noch zu helfen ist.«

| Bettina Gutiérrez

Titelangaben:
Adolf Muschg: Im Erlebensfall
Essays 2002-2013
München: Beck Verlag 2014
310 Seiten. 22,95 Euro

Manfred Dierks: Adolf Muschg. Lebensrettende Phantasie
Ein biographisches Porträt
München: Beck Verlag 2014
312 Seiten. 22,95 Euro

Leseprobe

22,95 Eu

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