Aus dem Leben eines Vortragsreisenden

Comic | J. Ottaviani/L. Myrick: Feynman – Ein Leben auf dem Quantensprung

Der Physiknobelpreisträger Richard Feynman war zweifelsohne eine faszinierende Persönlichkeit, berühmt für seine unkonventionelle Art zu denken und für lebendige Vorträge, die auch den Laien die komplexen Zusammenhänge der Quantenelektrodynamik näherbringen konnten. Die Comicbiographie ›Feynman – ein Leben auf dem Quantensprung‹ von Jim Ottaviani und Leland Myrick versucht, diese Faszination auch beim Leser zu erzeugen, doch für BORIS KUNZ blieb vieles unverständlich.

FeynmanRichard Feynman hasste Großspurigkeit. Zur Übersetzung eines seiner Bücher ins Deutsche äußert er sich in diesem Comic so: »Sag ihnen, sie sollen´s einem humorvollen Übersetzer geben, mit gesundem Widerwillen gegen Wichtigtuerei. Die passt nicht zur Physik.« Es scheint fast so, als hätte er diesen Rat aus dem Grab heraus auch noch den beiden Comickünstlern gegeben, denn diese Graphic Novel ist eines nicht: großspurig und pathetisch. Stattdessen werden auch so große Ereignisse wie das Atombombenprojekt in Los Alamos, die Verleihung des Nobelpreises oder auch Feynmans Krebserkrankung aus einem persönlichen, alltäglichen Blickwinkel erzählt, fügen sich ein in eine grob chronologisch geordnete Sammlung von Anekdoten, in der es genauso um eine Urlaubsreise oder eine skurrile Begegnung mit einem Taxifahrer gehen könnte. In dieser Verweigerung von Pathos liegt in manch schönem Moment die große Stärke diese Comics, doch gleichzeitig ist sie in gewisser Weise auch seine Schwäche. Denn Feynman ist keine Ikone vom Schlage eines Fidel Castro, Johnny Cash oder Albert Einstein, deren Nimbus erst demontiert werden müsste, um den Menschen darunter freizulegen. Trotzdem wirkt der Comic manchmal so sehr darum bemüht, Feynman als Normalo zu zeigen, dass man sich irgendwann fragt, warum man sich dann über 250 Comicseiten mit seinem Leben beschäftigen sollte.

Gründe dafür gäbe es natürlich genug. Man kann zum Beispiel etwas über die Quantenphysik erfahren, einen der schillerndsten und faszinierendsten Bereiche der Wissenschaft des vergangenen (und dieses) Jahrhunderts. Deren schwer verständlichen, hochkomplexen Inhalt einem Laien auch nur halbwegs begreiflich zu machen, stellt sich letztendlich als eine der größten Herausforderungen in Feynmans Leben dar, und seine Bewältigung dieses Problems wird schließlich zu so etwas wie dem großen Showdown der ganzen Geschichte. Der Mann, der einen Nobelpreis für seine theoretische Arbeit zur Quantenelektrodynamik bekommen hat, der mit den größten Denkern seiner Zunft in der Wüste an der Atombombe gearbeitet hat und später mit den daraus resultierenden Schuldgefühlen zurecht kommen musste, der die Safeknackerei zu seinem Hobby gemacht hat, einfach weil das Bewältigen komplizierter Aufgaben seinen Geist stimulierte, dieser Mann verzweifelt also beinahe daran, einen klaren und verständnisvollen Vortrag über sein eigenes Fachgebiet formuliert zu bekommen. Seine Comicbiographie, die seine Fähigkeit als Lehrer und Vortragender zum zentralen Angelpunkt seines Lebens macht, hat mit einem ganz ähnlichen Problem zu kämpfen: Damit, dem Leser zu vermitteln, worum sich das Leben seines Protagonisten überhaupt dreht.

Schlaglichter und Atompilze

Die Lektüre von Feynman ist für jemanden, der nicht gerade Physik studiert hat, über weite Strecken ungefähr so, als würde man die Biographie von Alfred Hitchcock lesen, ohne jemals einen seiner Filme gesehen zu haben. Der Comic beschreibt Feynmans Zeit in Los Alamos, ohne konkret zu erklären, welche Art von Arbeit er dort leistet, er beschreibt die Umstände, unter denen bestimme Geistesblitze und Theorien zustande kamen, ohne den Inhalt dieser Theorien zu erklären. So sind wir Laien ohne massives Vorwissen bei der Lektüre außen vor wie Kinder, die einer Unterhaltung Erwachsener lauschen. Erst im letzten Viertel der Novelle, als Feynman in seinen Vorträgen endlich das von ihm angestrebte Maß an Verständlichkeit erreicht hat, wird auch der unbeleckte Leser in die Materie eingeweiht, die zuvor das gesamte Leben von Feynman bestimmt hat. Doch Ein Leben auf dem Quantensprung ist leider kein Krimi, bei dem der Leser gar nicht möchte, dass sich das Rätsel schon vor Schluss auflöst.

Natürlich gibt es unterhaltsame oder bewegende Passagen, die sich jedem erschließen: Wenn Feynman bei seinem ersten Vortrag voller Lampenfieber entdecken muss, dass Größen wie Albert Einstein im Publikum sitzen, wenn der tragische Tod seiner ersten Ehefrau geschildert wird, oder wenn er mit lockeren Streichen den militärischen Ernst von Los Alamos untergräbt. Auch der Zeichner Leland Myrick gibt sich alle Mühe, die Lesbarkeit und Unterhaltsamkeit des Comics zu erhöhen. Seine filigranen, krakeligen Zeichnungen wirken oft wie eine etwas gehetzte, schnell hingeworfene Version einer Ligne Claire, und passen damit gut zum Protagonisten selbst, der ebenfalls um große Klarheit in der Darstellung bemüht war, sich aber angesichts der Undurchschaubarkeit seines Themas oftmals mit skizzenhaften Hypothesen behelfen musste. Dank der gelungenen und stimmungsvollen Kolorierung gelingt Myrick dann doch eine ansprechende Darstellung des Zeitkolorits, und dank eines großen illustrativen Einfallsreichtums gelingt es ihm, auch bei den langen Vortragssequenzen mehr zu zeigen als nur einen sprechenden Kopf vor einer vollgekritzelten Tafel.

Myricks lebendige Zeichnungen und Ottavianis anekdotenhafter Erzählstil sorgen durchaus für eine hohe Lesbarkeit – der Comic langweilt oder überfordert nicht durch seine komplizierte Materie. Eher tritt bedauerlicherweise ein gegenteiliger Effekt ein: Man würde vieles gerne genauer und ausführlicher erklärt bekommen, doch schon hat die Geschichte wieder einen Sprung zu einem neuen Thema gemacht. Damit gelingt Ottaviani, der bereits mehrere ähnlich gelagerte Comics veröffentlicht hat, ironischerweise genau jene Vermittlung von Inhalten nicht, für die er Feynman bewundert. Die Graphic Novel schildert eine Biographie, die zwar durchaus ihre Höhen und Tiefen und wichtigen historischen Bezüge aufweist. Diese werden aber oftmals so herunterspielt, dass sie sich zwar nett lesen, letztlich aber nur wenig Erkenntniserweiterung für den Leser bieten. Wer am Ball bleibt, kann am Ende sein Allgemeinwissen über Quantenphysik ein wenig auffrischen – aber dann ist man vielleicht besser beraten, wenn man direkt zu den Büchern Feynmans greift. Die werden halt nur nicht so schön illustriert sein.

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Jim Ottaviani (Text), Leland Myrick (Zeichnungen): Feynman – Ein Leben auf dem Quantensprung (Feynman)
Aus dem Amerikanischen von Ebi Naumann
Köln: Egmont Graphic Novel 2013
272 Seiten, 24,99 Euro

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Homepage von Jim Ottaviani
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