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Vorbei

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Vorbei

Dauernd höre man jetzt von einem ›Kipppunkt‹ reden.

›Kipppunkt‹ werde mit drei ›P‹ geschrieben, das gehe auf eine Rechtschreibreform zurück.

Der Mensch sei eifrig bemüht, die Sprache zu verbessern.

Mit dreimal ›P‹, spottete Farb.

Dreimal seit der Rechtschreibreform, doch genaugenommen gebe es gar keine derartigen Punkte, denn was sich abspiele, sei ein vielfältiger, ununterbrochen laufender Prozeß, der wachse und an Kraft zunehme, aus dem Blickwinkel des Menschen um einen destruktiven Prozeß, der nach und nach das blühende Leben eliminiere, und wenn man das eine Zeitlang mit ansehe, dränge sich der Gedanke auf, daß es sich um die Vertreibung aus dem Paradies handle, langanhaltend, man möchte das nicht glauben, Farb, dem Menschen, Objekt wie Verursacher seiner Vertreibung, sei die Rolle des Publikums zugefallen, zu spät, es gebe keine Hilfe, jetzt sei alles zu spät.

Tilman warf einen Blick auf das Gohliser Schlößchen.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Sahne.

Annika blätterte in ihrem Reisemagazin.

Wette lächelte: Das sei für ihn kein Grund, religiös zu werden.

Eine langanhaltende Vertreibung, wiederholte Tilman, man kenne sie auch als Industriegesellschaft oder als Moderne, wieder andere bezeichneten sie fälschlich als eine Evolution, das Gegenteil sei der Fall, und nein, so oder so, es gebe keinen ›Kipppunkt‹.

Wir sähen zu, fragte Farb.

Ob das nicht eine anthropozentrische Sichtweise sei, spottete Wette.

Schlimm genug, sagte Tilman, der Mensch sehe zu, und überlegte: Symptome, fragte er sich, ob es Symptome dieser Vertreibung gebe, gewiß, sagte er, zum Beispiel die Krankheiten, die die europäischen Immigranten unter den First Nations in Nordamerika verbreitet hätten, die Pocken zum Beispiel seien dort zuvor nicht existent gewesen, bis weit ins Landesinnere seien aber durch den Pelzhandel Epidemien eingeschleppt worden, hätten massive Bevölkerungsverluste verursacht und jahrhundertelang gewachsene Strukturen vernichtet.

Vertreibung aus dem Paradies, wiederholte Farb.

Wette nickte und griff zu einem Marmorkeks.

Farb aß von seiner Pflaumenschnitte.

Psychiatrie, sagte Wette, sei ein Kind der Industriegesellschaft, und die gegenwärtige Verbreitung von Erkrankungen wie Burn out und Depression sei einfach nur erschreckend, nein, er lachte, von einer Evolution könne da  wahrlich keine Rede sein.

Die Kollateralschäden häuften sich, sagte Farb.

Und nicht allein, daß sich das am Menschen zeige, sagte Tilman, sondern alles Lebendige sei betroffen, der Homo sapiens sei dem nicht gewachsen, und sogar das Maschinenwesen fühle sich ermutigt, nach der Herrschaft zu greifen, qua ChatGPT, selbstfahrenden Autos, KI, digitaler Kommunikation.

Der Planet selbst sei erschüttert, sagte Wette, gewaltige Beben und heftige Stürme tobten an seiner Oberfläche, fiebernde Hitze bedränge das Leben der Ozeane.

Der Mensch werde marginalisiert, intern durch seine militärischen Konflikte, und insgesamt, seitdem er sich aus der fürsorglichen Obhut des Planeten entlassen habe, der Mensch wolle selbständig sein, nur zu, wolle auf eigenen Füßen stehen, nur zu, wolle sich emanzipieren, und das, fügte Wette hinzu, sei ein vermessener Anspruch, ein Irrweg, dieser Schuh sei um einige Nummern zu groß.

Mehr noch, ergänzte Farb, der Planet scheine entschlossen, den Menschen loszuwerden, habe sich zwar lange Zeit Mühe gegeben, ihn trotz allem zu halten, doch irgendwann werde es einfach zu viel, rückblickend werde man vielleicht von einem ›Kipppunkt‹ reden können, die Symptome häuften sich, die Geduld des Planeten sei erschöpft.

Lusi auf Java sei ein sogenannter Schlammvulkan, Lumpur Sidoarjo. sagte Tilman, und sei seit März 2006 aktiv, nicht ein Vulkan im eigentlichen Sinne, sondern ein verunglücktes Bohrloch, und seitdem werfe der Planet dort Massen erbärmlich stinkenden Schlamms aus, kochend heiß und mittlerweile aus einem Krater von sechzig Metern Durchmesser und einem fünfzehn Meter hohen Auswurfhügel, mehrere zehntausend Menschen mußten evakuiert werden, und ein Areal von weit über zehn Quadratkilometern sei über Jahre hinaus nicht nutzbar.

Der Planet sei im  Begriff, sich vom Menschen zu befreien, sagte Wette, er denke auch an die infernalische Szenerie auf Island, wo in einem kilometerlangen glühenden Spalt jedes Jahr wieder die Erde aufbreche, nein, der Platz für den Menschen werde knapp.

| WOLF SENFF

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