/

Irreführend

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Irreführend

Sobald er sich hinlegt, lang auf dem Sofa ausgestreckt, fällt ihm erst auf, wie müde er ist, nicht ermattet mit einer Sehnsucht nach tiefem Schlaf, nein, auch nicht jene Art Müdigkeit, daß ihm die Augen zufallen würden und er übergangslos einschliefe, traumlos, nein, es sei eine empfundene Müdigkeit, und verwundert nehme er wahr, daß sie sich über seinen Körper ausbreite, anfangs im Brustkorb, dann greife sie nach dem Kopf, schließlich über Schultern und Hüfte bis zu Händen und Füßen.

Was das sei, fragt er, Müdigkeit? Ach, es würden zur Zeit so immens viele Leute an der Sprache herumbasteln, sie sollten einmal darüber nachdenken, Worte für die diversen Zustände von Müdigkeit zu prägen.

Wer kenne nicht jene Art Müdigkeit, die der Trägheit nahekomme, man schleppe sie tagsüber mit sich herum, ohne sie loszuwerden, man spüre einen unüberwindlichen Widerwillen gegen disziplinierte Abläufe, und selbst wenn man sich in ein Café zurückziehe, hafte diese Empfindung wie eine Klette im Gemüt, oft sei sie ein Reflex der Witterung und heitere sich auf, sobald die Nebel wichen, es handle sich, wie er es verstehe, zum geringeren Teil um Müdigkeit, folglich hätte man gern ein eigenes Wort dafür, denn es sei offensichtlich, daß es sich nicht um die eingangs beschriebene empfundene Müdigkeit handle.

Ferner wäre jene Müdigkeit zu erwähnen, die dem Schlaf nachhänge und die wir beim Erwachen spüren würden, quasi als einen ausgeprägten Widerwillen, den Schlaf zu verlassen, ein trotziges Sträuben, verbunden mit dem Verlangen, einen süßen Traum fortzusetzen, ihn bis zum Ende zu träumen, man sei von einem Geräusch aus dem Schlaf gerissen worden, niemand habe das gern, man schalte das Mobiltelefon aus oder stelle den Wecker ab, drehe sich auf die Seite, suche erneut in den Schlaf einzutreten, jedoch der Schlaf verweigere sich, und es bleibe zumeist bei einem Zustand des Dahindämmerns, der als Halbschlaf bekannt sei und der noch die ersten Stunden des Tages als eine träge Müdigkeit begleite.

Auch kenne er jene Müdigkeit, die uns unvermittelt am hellichten Tag überfalle, grundlos, vielleicht daß man eine Tasse Kaffee zu viel trank, letztlich wisse man es nicht und sei ihr uversehens ausgeliefert, schlimmstenfalls stürze der Blutdruck ab, man suche nach Halt, da wäre es wichtig, Ruhe zu bewahren, sich zurück in den vertrauten Rhythmus des Atems zu begeben, es handle sich letztlich weniger um Müdigkeit denn um eine Begleiterscheinung unserer zuvilisierten Welt, einen, wenn man so möchte, Kollateralschaden, und auch dafür sollten unsere eifrigen Sprachbastler ein eigenes Wort zurechtlegen, denn diese besondere Müdigkeit sei durchaus alltäglich, und eine Sprache, fordern die Sprachbastler, die zeitgemäß bleiben wolle, müsse das Geschehen des Alltags präzise erfassen, eins zu eins, man lebe in einer Informationsgesellschaft, die Sprache müsse angepaßt werden.

Ein schwieriges Unterfangen, höchst anspruchsvoll, eine Herausforderung,  das, was sonst naturwüchsig und weitgehend unbemerkt geschehen sei, nun in Menschenhand zu übertragen, man möge den Sprachbastlern den Rang von Ingenieuren zuerkennen, sie seien höchst umtriebig und hätten weitreichende Pläne, Sprachbasteln ist hip.

Lebensmüde, das sei doch wohl eher ein Stadium der Verzweiflung und habe mit Müdigkeit nur wenig gemeinsam, oder irre er sich, die Dinge seien stachelig und steckten voller Widrigkeiten.

Doch zurück – wie sei es möglich, fragt er, daß seine Müdigkeit, je länger er sie wahrnehme, an Wohlbefinden grenze, es fühle sich an, als genieße sein Körper  sie als Entspannung, und rein gar nichts störe, er atme ruhig und balanciert, keine flüchtigen Gedanken drängten sich auf, nichts lenke ab, Stille breite sich aus.

Auch das also, resumiert er, sei strenggenommen keine Müdigkeit und werfe neue Fragen auf, nein, das erleichtere die überaus ambitionierte Arbeit unserer Sprachbastler keineswegs, die Präzision der Sprache, sagen sie, lasse zu wünschen übrig, absolut.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Kleines Dorf mit internationalem Ruf

Nächster Artikel

Alte Liebe neu entdeckt

Neu in »Kurzprosa«

Kein Ausweg

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Kein Ausweg Auf Dauer fällt es schwer, ihm zuzuhören, findest du nicht, Thimbleman? Schon, ja. Auch wenn er ja recht hat. Daß er nur Katastrophen heraufbeschwört, kannst du aber auch nicht behaupten, Ausguck. Nein, nicht. Und wenn es nun einmal so ist – was kann man tun? PDF erstellen

Desillusioniert, nicht verbittert

Kurzprosa | Helga Schütz: Die Kirschendiebin Helga Schütz, die Anfang Oktober ihren 80. Geburtstag feierte, hat sich seit Jahr und Tag als poetische Dokumentaristin des ostdeutschen Alltags einen Namen gemacht. Äußerst subtil hat sie in ihren Romanen (angefangen mit ›In Annas Namen‹, 1986) darüber hinaus ihre eigene Biografie eingeflochten. An dieser bewährten Konzeption hat die in Niederschlesien geborene und später in der DDR lebende Autorin auch in ihrem aktuellen Erzählwerk ›Die Kirschendiebin‹ festgehalten. Von PETER MOHR PDF erstellen

Erzähler und Zuhörer

Kurzprosa | Uwe Timm: Montaignes Turm »Ich bin überzeugt, dass wir in unserer Seele einen besonderen Teil haben, der einem anderen vorbehalten ist. Dort sehen wir die Idee unserer anderen Hälfte, wir suchen nach dem Vollkommenen im anderen«, erklärte der männliche Protagonist Eschenbach in Uwe Timms letztem Roman Vogelweide (2013). Mit diesem äußerst anspielungsreichen Buch hatte Timm nicht nur einmal mehr seine immense Vielseitigkeit unter Beweis gestellt, sondern den Gipfel seines bisherigen künstlerischen Schaffens erklommen. Jetzt ist sein Essayband Montaignes Turm zu seinem 75. Geburtstag am 30. März erschienen. Von PETER MOHR PDF erstellen

Same procedure as every year?

Literaturkalender 2017 2016 geht langsam zur Neige, doch zu den stimmungsvollen Ritualen des ausgehenden Jahres gehört das Stöbern und Sichten, Kaufen und Verschenken neuer Kalender. Besonders hoffnungsfroh gestaltet sich der Ausblick auf die kommenden Monate mit ausgewählten Literaturhäppchen und poetischen Gedichtzeilen.Von INGEBORG JAISER PDF erstellen

Schwebend am Abgrund

Kurzprosa | Sarah Raich: Dieses makellose Blau

In diesem Band, der elf kurze Erzählungen der 1979 geborenen Schriftstellerin Sarah Raich versammelt, ist vieles blau: der Himmel, die Augen eines Babys und die eines Mannes, der kaum noch lebt, das Blaulicht, das ihn abholen soll, fünf leuchtende Vogeleier, die Anzeige in einem Auto, über das jemand bald die Kontrolle verlieren wird. Oft ist das Blau trügerisch, wie etwa der Himmel der – relativ kurzen – Titelgeschichte, der nur »eine Hülle zwischen ihnen und der Wirklichkeit ist, der Düsternis des Weltalls und den brennenden Sternen.« Die Frau, die in dieser Geschichte mit ihren Söhnen einen nachmittäglichen Spaziergang macht, hat sich angewöhnt, ihrem Sohn auf seine Fragen das zu antworten, »was nach den vielen Filtern, die sie für ihn zwischen ihre Gedanken und ihre Worte legt, noch übrigbleibt.« Von SIBYLLE LUITHLEN